Comiczeichner und Popstar – „Jamie Hewlett“

Eins kann Jamie Hewlett besonders gut – das fällt sofort auf, wenn man das kiloschwere Buch durchblättert – mit nur wenigen Strichen gelingt es ihm, unglaublich starke Typen zu zeichnen. „Tank Girl“ zum Beispiel – ein glatzköpfiges Punkmädchen, das Hewlett in seinen Comic-Strips im Panzer durch die australische Wüste schickt und das alles niedermetzelt, was irgendwie nach Establishment riecht. Das war Ende der 1980er-Jahre und eine Antwort auf die Ära Margaret Thatcher – meint Julius Wiedemann, der beim Taschen-Verlag für die Sparte Design und Popkultur zuständig ist und das Jamie Hewlett Buch herausgegeben hat: „Die Leute, die rauchen, die trinken, die sind so ein bisschen trashy, aber auch intelligent. Das ist auch diese Diversität, von der wir heute so viel reden.“

„Tank Girl“ wurde von Stars wie Courtney Love oder der Band New Order als Heldin gefeiert. Und – kleine Ironie der Geschichte – der abgerissene „Tank Girl“-Stil wurde durch die Zeitschrift Vogue fürs Establishment salonfähig gemacht: „Die Band hat diese unglaubliche visuelle Identität“

Julius Wiedemann (Hrsg.): „Jamie Hewlett.“
Taschen Verlag, Köln 2017. 424 Seiten. 39,99 Euro

So richtig groß raus kam Jamie Hewlett, als er Ende der 90er-Jahre zusammen mit seinem Mitbewohner, dem Blur-Sänger Damon Albarn die Band „Gorillaz“ gründete. Eine Band, die eigentlich nur in Musikvideos existierte – denn die Bandmitglieder waren schräge Comicfiguren, die Jamie Hewlett erfunden hatte. Die Musik dazu wurde von wechselnden Musikern eingespielt, deren Identität ziemlich egal war. Schon mit dem ersten Album landeten die Gorillaz in den britischen Top Ten, das Zweite landete auf Platz Eins und fuhr mehrfach Platin ein und das vierte Album brach in ganz Europa, Australien und den USA sämtliche Rekorde: „Gorillaz war erfolgreich, weil, in der Zeit, als die angefangen haben, waren alle Videoclips sehr ähnlich. Aber da die Band diese unglaubliche visuelle Identität hat… Die waren sofort erfolgreich auch wegen der visuellen Seite.“

Die ganze Vielfalt von Hewletts Arbeiten, in denen er urbane Szene-Typen karikiert und popkulturelle Erscheinungsformen von Trash-Filmen bis zu Fast-Food-Gewohnheiten verwurstet – aber auch Entwürfe für seinen Animationsfilm zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking – all das wurde nun erstmals als Buch im Hochglanzformat zusammengetragen und gibt einen ziemlich guten Überblick über all das, was Hewlett in seinem ganzen Künstlerleben gemacht hat. Und obwohl die Arbeiten alle ganz unterschiedlich sind, wirken sie durch den einfachen starken Strich, mit dem Hewlett immer wieder prägnante Typen kreiert verblüffend einheitlich. Denn: „Es ist die gleiche Welt, die Welt von der Popkultur!“

Nur die letzte Werkgruppe fällt aus dem Rahmen. Auch deshalb, weil Hewlett damit die Popkultur verlässt. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er Arbeiten allein für eine Kunstausstellung gemacht. Tarotkarten zum Beispiel, die mit ihren prägnanten Figuren noch sehr an seine früheren Abreiten erinnern. Und Plakate für einen fiktiven Erotikfilm, für die er seine Frau in anzüglichen Posen fotografiert hat – eine Hommage an die Erotikfilme der 60er- und 70er-Jahre: „Da können die Leute sehen – ah, so weit kann er gehen.“

Für die dritte Gruppe von Arbeiten hat Jamie Hewlett französische Pinien großformatig in Schwarz-Weiß gezeichnet – mit all ihren Buckeln und Windungen, mit der groben Rinde und den feinen Nadeln. Viel zu kontemplativ, um noch irgendwas mit Popkultur zu tun zu haben. Es ist, als würde Hewlett damit seinen Abgang in die bildende Kunst vorbereiten. Ist das Gorillaz-Album vom Frühjahr damit ein Abschiedsalbum? Möglicherweise. Aber eigentlich wussten Hewlett und Albarn nie, ob es nach den aktuellen Veröffentlichungen mit den Gorillaz weiter geht.

Dieser Text erschien zuerst beim Deutschlandfunk.

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.