Vorauseilender Gehorsam und parteiische Justiz – „Verbotene Kunst“

2012 war beim Comic-Salon Erlangen eine Ausstellung mit dem Titel „Respekt“ zu sehen. Europäische und russische ZeichnerInnen warben darin für Toleranz, riefen gegen Fremdenfeindlichkeit auf. Vieles davon war vor allem eins: gut gemeint. Eine Ausnahme bildeten die Arbeiten von Wiktoria Lomasko. Mit scharfem, aber einfühlsamen Blick porträtierte die 1978 geborene Künstlerin die Verlierer der russischen Gesellschaft: jugendliche Strafgefangene, von der politischen Entwicklung frustrierte Intellektuelle und einsame Alte, die in der Metro sitzend von ihrem traurigen Schicksal erzählen. Lomasko ist eine Meisterin des Reportage-Comics, den sie gerne auch in einer ungewöhnlichen Form pflegt: der Gerichtsreportage.

Im vorliegenden Buch dokumentiert sie, unterstützt von dem Journalisten Anton Nikolajew, den langwierigen Prozess, der von Mai 2009 bis Juli 2010 gegen die Kuratoren Andrei Jerofejew und Juri Samodurow angestrengt wurde. In der Ausstellung „Verbotene Kunst“ hatten sie Kunstwerke gezeigt, die im Jahr 2006 aus politischen und religiösen Gründen aus russischen Museen und Galerien entfernt worden waren. Die orthodoxe Splitterorganisation Volkskirche erhob daraufhin Anklage – „wegen Schürens religiöser Feindschaft“.

Wiktoria Lomasko, Anton Nikolajew: „Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung“.
Aus dem Russischen von Sandra Frimmel. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2013. 172 Seiten. 19,90 Euro

So ominös dieser Vorwurf war, so unfair die folgende Verhandlung. Anton Nikolajew bezeichnet sie in seinen polemischen Notizen treffend als „üble Posse“. Die Richterin war offenkundig parteiisch: Alle Anträge der Verteidigung lehnte sie ab, allen Anträgen der Staatsanwaltschaft gab sie statt. Von den zahlreichen Zeugen, die beteuerten, in ihrer Frömmigkeit und ihrem patriotischen Empfinden verletzt worden zu sein, hatte kaum einer die Ausstellung überhaupt gesehen. Fast ausnahmslos lasen sie uniforme Aussagen vor, die ihnen von den Anführern der Volkskirche in aller Öffentlichkeit zugesteckt worden waren. Angesichts solcher Praktiken, die das Gericht in ein Theater verwandeln, darf man sich, wie die Übersetzerin Sandra Frimmel in ihrem klugen Nachwort bemerkt, durchaus an stalinistische Schauprozesse erinnert fühlen.

Verbotene Kunst“ ist keine einfache Lektüre. Die vielen Künstler und Aktivisten, die Gruppen und Vereinigungen, die auftreten, kann man sich, obwohl es ein Glossar gibt, nicht einfach merken. Ein wenig bedauern muss man, dass sich die Kunst Wiktoria Lomaskos nicht so richtig entfalten kann. Das liegt einerseits an dem kleinen, taschenbuchartigen Format, andererseits daran, dass die Zeichnungen, trotz der Verwendung von Sprechblasen, oft nur in einem illustrativen Verhältnis zum Text stehen. Davon abgesehen gelingen Lomasko aber auch hier ein paar eindrucksvolle physiognomische Studien, die, ohne denunziatorisch zu sein, den zum Teil offen gewaltbereiten Fanatismus der Anhänger der Volkskirche deutlich machen.

Wie der Pussy-Riot-Prozess zeigt „Verbotene Kunst“: In Russland gibt es eine Allianz zwischen religiös-nationalistischen Kräften und einem Staat, dessen autoritäres Verhalten vom Erbe der Sowjetzeit geprägt ist. Ein Trost ist da schon, dass die Ausstellungsmacher nur zu einer Geldstrafe verurteilt wurden – und nicht zu der mehrjährigen Lagerhaft, die der Anklage vorschwebte. Später wurden auch vier ihrer Zeichnungen aus einer feministischen Ausstellung zum Internationalen Frauentag im Museumspavillon „Arbeiter und Kolchosbäuerinnen“ in Moskau entfernt. In vorauseilenden Gehorsam der dortigen Kuratorin, wie die internationale Presse vermeldet.

Dieser Text erschien zuerst in der taz.

Christoph Haas lebt im äußersten Südosten Deutschlands und schreibt gerne über Comics, für die Süddeutsche Zeitung, die TAZ, den Tagesspiegel und die Passauer Neue Presse.