Faschismus in (Comic-)Bildern

Dass die NSU-Terroristen eine Comic- und Cartoonfigur wie The Pink Panther alias Paulchen Panther für ihre Propaganda verwendeten, verwunderte die Öffentlichkeit. Niemand schien auf eine solche Appropriation der Popkultur durch die Rechten vorbereitet, da man sich ein Bild vom „Ewiggestrigen“ und von kultureller Nostalgie in Nazi-Kitsch und Vormoderne nicht ausreden lassen wollte. Doch auch neofaschistische Terroristen wachsen mit Comics, Pop und Computerspielen auf. Es ist eine der Aneignungen, auf die Öffentlichkeit und Kritik so ratlos reagieren, weil sich bisher nur wenige mit der Mediengeschichte des Rechtsextremismus ernsthaft auseinandergesetzt haben. Einen Grund hat das natürlich darin, dass man dabei noch stets unbequeme Wahrheiten zutage fördert: Je populärer ein Medium, desto durchlässiger scheinen die Grenzen zwischen Mainstream, rechtskonservativem Rand und offen faschistischer Mordgesinnung. Das von Ralf Palandt herausgegebene Buch „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“ kann helfen, einen versäumten Teil der Auseinandersetzung nachzuholen, die Beziehung zwischen Zeichen, Überzeugungen und Taten zu klären, die „Kultur“ der rechtsextremen Szene zu verstehen und auch die gelegentliche Hilflosigkeit der Gegenbewegungen. Auf 450 großformatigen, bebilderten Seiten werden alle Aspekte dieses Themas behandelt.

Als der deutsche Fix-und-Foxi-Verlag Kauka 1965 die populäre französische Serie „Asterix“ im Sinne der Rechten in „Siggi und Babarras“ umtitelte, begann eine Subgeschichte des Mediums in einer Gesellschaft, die kaum Vokabular und Tradition für den Umgang mit ihm hatte. Noch während die Organe ihrer Mutterpartei im Sinne des konservativen Kulturverständnisses gegen das „undeutsche“ Medium an sich wetterten, übernahm der Nationaldemokratische Hochschulbund für seine Publikation im Jahr 1979 den frankobelgischen rechtsextremen Comic „Der kürzeste Weg ins Paradies“ des einschlägigen Zeichners Prik, auf deutsche Verhältnisse – von Kauka hatte man’s gelernt – umgetextet. Schon hier deutete sich das transnationale Potenzial des Mediums an: Wie die Klangsprache der Rockmusik, so konnte auch die Sprache der Comics dazu benutzt werden, das Gemeinsame zu behalten und jeweilige spezielle Bedürfnisse zu bedienen.

Tiefenwirksames Medium

Ralf Palandt (Hrsg.): „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“.
Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2011. 450 Seiten. 18 Euro

Die achtziger Jahre standen dann im Zeichen eines neuen Diskurses: Faschismus und Popkultur. Neben den Fragen, mit welchen Mitteln des populären Erzählens der historische deutsche Faschismus und seine Untaten dargestellt werden konnten, neben der Neuauflage der Leni-Riefenstahl-Debatte, neben der von hysterischen Tönen begleiteten Ausstrahlung der amerikanischen Serie „Holocaust“ wurden auch die Comics als tiefenwirksames Medium zur Erzeugung und Festigung politischer und historischer Überzeugungen, als Propaganda erkannt. Im Mainstream kümmerte man sich zwar nach wie vor mehr um Sex und Gewalt, aber immerhin wurden auch Comics hier und da als aufklärerische wie als aufgeklärte Medien in Unterrichtung und Bildung akzeptiert.

Andererseits eben die transnationale Strategie der Rechten: Seit geraumer Zeit setzt die amerikanische Nazi Party Comics ins Netz, die im Visuellen alle Parameter nationalsozialistischer Propaganda befriedigen, von den jeweiligen Multiplikatoren aber noch mit jeweils eigenem Text versehen werden können. Rechtsrock und Comics waren und sind die Medien, mit denen sich die Neonazis und ihre Jugendorganisationen am schnellsten über Landes- und Sprachgrenzen hin verständigen können. Zugleich sind es die Medien, die diskret die Zonen zwischen dem rechten Rand und dem Mainstream durchqueren. Die Schulhof-Propaganda der Neonazis besteht seit längerer Zeit aus einer Kombination von Musik auf Gratis-CDs und beigelegten Comics.

NPD-Wahlwerbung

Dieser Gebrauch der Comics durch die rechte Szene bildet eines der drei Hauptthemen des vorliegenden Bands. Die beiden anderen Themen: Die Fähigkeit des Comic-Mediums und seiner Künstler angemessene Formen zur Analyse und Erinnerung zu finden. Und das Spuken des Faschismus in eher mythisierter, allegorischer statt historisierter Form in den Comics (einschließlich jener Comics in der Art von „Trigan“, die so offensichtlich von faschistischem Gedanken- und Bildergut durchdrungen sind, dass man von einer Propaganda von Faschismus im Futur sprechen müsste, auch wenn der begriffliche und ikonografische Bezug zum historischen Faschismus fehlt). So unterschiedlich diese drei Diskurse sind, und jeder einzelne in sich vielfältig und materialvoll genug, so laufen sie doch auf eine zentrale Frage hinaus: auf den Zusammenhang von Bildhaftigkeit und Einstellung.

Um der Wirkmacht der Comics in der rechtsextremen Szene und ihrem Gebrauch als Propagandainstrument näherzukommen, muss zunächst ein Vorurteil ausgeräumt werden: Es ist nicht so, dass Nazis des „Dritten Reiches“ keine Comics geduldet hätten. Comics oder Comic-ähnliche Formen als Bildgeschichten und erweiterte Karikaturen waren durchaus präsent. In Österreich etwa wurde eine populäre Bildgeschichte wie „Tobias Seicherl“ nach dem „Anschluss“ mit antisemitischen Inhalten aufgeladen. Im faschistischen Italien – auf die sehr speziellen antisemitischen Comics dort weist der Beitrag von Giulio C. Cucciolini hin – sowie im besetzten Belgien und Frankreich blühte die Comic-Produktion ohnehin weiter, in einer, wie Joachim Sistig am Beispiel insbesondere der Zeitschrift Pierrot zeigt, sowohl faschistisch-heroischen wie antisemitischen Weise. Zeichner wie Kurt Caesar schafften scheinbar mühelos den Sprung von der faschistischen Comic-Propaganda zum deutschen Comic der Nachkriegszeit wie „Perry Rhodan im Bild“, ohne Stil und Gesinnung groß zu ändern. Im Comic wie im Film der Nachkriegszeit gibt es unheilvolle personale und thematische Konstanten zu beobachten: Antisemitische und Anti-Roma-Klischees spukten in der Wirtschaftswunderzeit zur Genüge auch durch die deutschen Comics.

Damit kommt man der Frage auf die Spur, ob es rechtsextreme Comics auch über Akte der Aneignung und Umwidmung hinaus gibt. Natürlich ist das Medium von den Vorzeige-Rechten der Jungen Freiheit (Friedhelm) dabei prominent vertreten, über die NPD-Wahlwerbung bis zu den „Fanzines“, und in den verschiedenen Magazinen und Zeitungen wurden Comics aus anderen Ländern übernommen, etwa die Comics um die „Rassenlehre“ des frankobelgischen Zeichners Korbo. Dort, im französisch-belgischen Bereich hat sich offenbar ein Zentrum der rechtsextremen Comic-Produktion etabliert, in bewährter Manier von den gerade-noch-legalen Angeboten im Versandhandel bis zu den Underground-Titeln reichend.

Ungeschminkt antisemitisch

Auch wurde im NPD-Wahlkampf der Comic „Enten gegen Hühner“ (die Hühner sind Flüchtlinge, die die fleißigen und braven Enten unterwandern und schließlich beherrschen) nach dem Gedicht von George Lincoln Rockwell eingesetzt, dem Gründer der American Nazi Party, der im Original auf ungeschminkten Antisemitismus setzt. (Ironie des Schicksals nebenbei, dass Rockwell selbst von dem Redakteur und Cartoonisten seiner Parteizeitung Stormtrooper erschossen wurde). Comics waren auch Wahlkampfmunition der österreichischen FPÖ; dort machte man den Vorsitzenden gleich zu einem Superman gegen Eurobürokraten und Scheinasylanten. Die Serie „Faustus“ von Horst Grimm, die diesem Umfeld entstammt, brachte es sogar zu zwei Alben im „Micky-Maus“-Verlag Ehapa. Die Szenen sind also durchlässig, und immer wieder fehlt es den „bürgerlichen“ Verlagen auch an Fingerspitzengefühl.

Natürlich wird den Versuchen der Gegenbewegung, der aufklärerischen Arbeit mit Comics gegen rechts, in diesem Band ebenfalls breiter Raum gegeben. Je bedrohlicher die Zunahme der Aneignung popkultureller Ausdrucksformen durch die Nazis, desto drängender die Fragen nach ihrer semantischen und sozialen Bedeutung. Es gibt die Diskussion zur Beschäftigung mit Comics und Geschichte im Unterricht, und es geht um die Darstellbarkeit des Holocaust und die Grenzen und Gefahren, die sich dabei ergeben. Hier gibt es einen enormen Faktenreichtum (selbst ein Comicomane wie der Verfasser dieser Rezension erfährt hier etwas über Serien und Bände, die er nicht kennt), und sogar so etwas Spezielles wie die Geschichte des Golem im Comic findet Platz. Entstanden ist nicht weniger als das Standardwerk zum Thema, an dem in Zukunft niemand mehr vorbeikommt, der sich mit dem Spannungsfeld Faschismus und Comics auseinandersetzt. Ein Anfang ist gemacht, ein sehr guter.

Dieser Text erschien zuerst in: Der Freitag

Georg Seeßlen, geboren 1948, Publizist. Texte über Film, Kultur und Politik für Die Zeit, Der Freitag, Der Spiegel, taz, konkret, Jungle World, epd Film u.v.a. Zahlreiche Bücher zum Film und zur populären Kultur, u. a.: Martin Scorsese; Quentin Tarantino gegen die Nazis. Alles über INGLOURIOUS BASTERDS; Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität (zusammen mit Markus Metz); Tintin, und wie er die Welt sah. Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums; Sex-Fantasien in der Hightech-Welt (3 Bände) und Das zweite Leben des ›Dritten Reichs‹. (Post)nazismus und populäre Kultur (3 Bände). Kürzlich erschien in der Edition Tiamat Is this the end? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung.