William Vance 1935-2018

Heute erreichte uns die traurige Nachricht, dass der belgische Comickünstler William Vance am 14. Mai im Alter von 82 Jahren verstorben ist. „Bob Morane“, „XIII“, „Ringo“, „Bruno Brazil“, „Ramiro“, „Bruce J. Hawker“ sind die zentralen Werke, mit denen Vance in die europäische Comicgeschichte eingegangen ist. Wir lassen an dieser Stelle noch einmal seine Weggefährten Michel Greg und den französischen Comicjournalisten Jacques Pessies zu Wort kommen, um den künstlerischen Werdegang und das herausragende Talent von William Vance zu würdigen, und dokumentieren Auszüge ihrer Texte aus den Editionen zu „Ramiro“ und „Bruce J. Hawker“.

William Vance – Kino auf Papier
von MICHEL GREG

Als der Comic aufhörte, ein kindisches Medium zu sein – und das im negativen Wortsinn – machte William Vance ihn zu seinem Beruf. Er war Teil jener neuen Generation von Illustratoren, die plötzlich beschlossen, in dieses bis dahin nicht besonders ernstgenommene Berufsbild neue Ideen einzubringen. Ideen wie künstlerischer Ausdruck, Dokumentation der Wirklichkeit, cinematografische Bildeinstellungen, gewissenhafter Farbeinsatz und einige weitere entsprechende „Details“.

Die Verlage wussten noch nicht recht, was sie mit dem außergewöhnlichen Talent von William Vance anfangen sollten, und so erhielt er für den Anfang den Auftrag, erbauliche „wahre Geschichten“ zu zeichnen, die für Kinder aus dem Leben von Helden erzählten – von Karl dem Großen bis Surcouf und von Julius Cäsar bis Bernard Montgomery – wo auch immer große Taten einen beispielhaften Charakter besaßen. Er erledigte seine Arbeit ganz ausgezeichnet und langweilte sich dabei zu Tode. Ich hatte das Glück, ihn gerade in dieser Zeit kennenzulernen und mit ihm andere Dimensionen des „Kinos auf Papier“ entdecken zu können. Wir begannen mit den Abenteuern von „Bruno Brazil“, einem Geheimagenten, der sich endlich vor glaubhaften Schauplätzen echter Hilfsmittel bediente und eine Reihe von Heldentaten vollbrachte, deren Risiko immer real war.

Seite aus „Ramiro Gesamtausgabe“, Band 2 (Splitter)

Parallel dazu zeigte William sein außergewöhnliches illustratorisches Talent bei der Bebilderung der Geschichten des spätgotischen Klassikers „Bob Morane“. Jedes Detail, jedes Objekt, jede Figur wurde mit einer Präzision ausgeführt, einer Authentizität, die alle bislang gültigen Konventionen weit in den Schatten stellte. Die Fiktion der Comics passte sich mit jeder Seite ein Stückchen mehr der Realität an, die selbst ein unübertroffener Geschichtenerzähler ist.

Es galt dann nur noch einen letzten Schritt zu tun, und Vance gelang dieser mit Leichtigkeit. In „Ramiro“ ist nur die Hauptfigur eine Erfindung: Die Epoche, der Erzählrahmen, die Ereignisse, die Objekte bis hin zu den Worten, die hier gesprochen werden, sind Teil der Geschichtsschreibung, Teil des Lebens. Doch man kann nicht einmal behaupten, hier werde das Leben rekonstruiert, es wird vielmehr neu erweckt, ins Licht gerückt, so wie es war, wie es ist. Denn es ist der Leser, der mit auf der Straße nach Compostela geht, der den Alltag jener Zeit wiederentdeckt, der schließlich in das Universum des William Vance eintaucht, dem zeichnenden Journalisten, dem Geschichtsreporter, der die wiederentdeckte Vergangenheit treu in Szene setzt.

Der Fallstrick dieser Entwicklung wäre, wenn sich die grafische Belesenheit zur Pedanterie wandeln würde. Nun ist aber auch die Eleganz eines Vance genauso zuverlässig und authentisch: so, dass sie ganz unbemerkt wirken kann. „Ramiro“ verzaubert uns im Stil eines Spielfilms voller Aufregung und überraschender Wendungen, voller Kühnheit und Idealismus. Eine erste Lektüre regt die Fantasie an. Da gibt es Abenteuer, Fremdheit, Träume. Beginnen wir danach von neuem… Und das Geschichtsbuch schreibt sich auf feinsinnige Weise in das erste Buch ein.

(aus dem Vorwort zum 1. Band der „Ramiro“-Gesamtausgabe)

William Vance – Die Gischt im Blut
von JACUES PESSIES

Wenn „Bruce J. Hawker“ und andere Serien von William Vance auf einer Woge des Erfolgs schwimmen, so ist das beileibe kein Zufall.Über Jahrzehnte hinweg hat der Zeichner den Großteil seiner Zeit Serien gewidmet, die heute als Klassiker des frankobelgischen Comics gelten. Dennoch hat er sich selbst nie als Star gefühlt und verbrachte die meiste Zeit im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Spanien, wo er sich zu Beginn der 80er Jahre eingerichtet hat.

Geboren wurde William Vance 8. September 1935 im belgischen Anderlecht als William van Cutsem, und schon in seinen jungen Jahren zeigt sich bei ihm ein Talent fürs Zeichnen. Mit 19 Jahren besucht er die Kunsthochschule „Académie Royale des Beaux-Arts“ in Brüssel, wo er die Grundlagen seines zukünftigen Handwerks, aber auch die der Malerei, erlernt. Fünf Jahre später, im Jahr 1956, findet er eine Anstellung in einer Werbeagentur. Sehr schnell kann er dort sein künstlerisches Talent in der Illustration unter Beweis stellen. Um sich etwas dazuzuverdienen, nimmt er Arbeit im Atelier von Dino Attanasio an, der gerade Gérald Forton als Zeichner der Comicversion der Abenteuer von „Bob Morane“ von Henri Vernes abgelöst hat. So übernimmt Vance das Tuschen und die Kolorierung von zwei Abenteuern: „La Terreur Verte“ (Die grüne Hölle) und „Le Collier de Çiva“ (Die Halskette von Shiva).

Seite aus „Ringo Gesamtausgabe“, Band 2 (Splitter)

Anfang der 60er Jahre macht er die Bekanntschaft von André Fernez, dem Chefredakteur von Tintin. Dieser ist so hingerissen von seinem vielversprechendem Zeichenstil, dass er ihm anbietet, einige abgeschlossene vierseitige Geschichten mit historischem Hintergrund zu illustrieren. Die erste mit dem Titel „Desaix, le sultan juste“ (Desaix, der gerechte Sultan) erscheint am 23. August 1962 in Nummer 722 der französischen Ausgabe des Magazins. Vance freundet sich wenig später mit dem jungen Szenaristen Yves Duval an, der bereits seit längerem für Tintin tätig ist. Sie entdecken ihre gemeinsame Leidenschaft für das Meer und die Geschichte, besonders die der Seefahrer und Matrosen. So produzieren sie dann fast zwangsläufig 1963 gemeinsam die erste Folge der Abenteuer von „Howard Flynn“, dem jungen britischen Marineoffizier. Die Serie wird jedoch nur ein Achtungserfolg. Dafür gilt William Vance nun als ein hoffnungsvolles Zeichentalent und er erhält Bewunderung für die auffällige Sorgfalt, die er in jedes Detail seiner Zeichnungen steckt. Gewissenhaft bis zum Äußersten ist Vance jedoch tatsächlich völlig außerstande, anders zu arbeiten und eine Seite einfach nur hinzuschludern. „Howard Flynn“ erlebt drei Abenteuer und verschwindet dann zugunsten von „Ringo“ in der Versenkung, der seinerseits zwischen 1965 und 1968 der Held von drei Westernabenteuern wird. Zunächst noch Bestandteil von Tintin Sélection, erhalten sie die Weihen eines regelmäßigen Platzes in den Seiten des Wochenmagazins.

Bob Morane aus heiterem Himmel

In der Zwischenzeit übernimmt Vance dank der Empfehlung eines Freundes aus der Werbebranche innerhalb von zwei Tagen die Arbeit an den Abenteuern von „Bob Morane“, die in Femmes d’Aujourd’hui vorabgedruckt werden. Gérald Forton, der eigentliche Zeichner, hat aufgrund großer Probleme mit dem Fiskus überstürzt Frankreich mit unbekanntem Ziel verlassen und dabei das laufende Abenteuer „Les loups sont sur la piste“ (Die Wölfe auf der Spur) unvollendet hinterlassen. Nachdem er zu Hilfe gerufen wurde, zeichnet Vance probeweise ein paar Skizzen im Stil von Forton. Als der Chefredakteur der Zeitschrift sie zu Gesicht bekommt, bietet er ihm auf der Stelle einen Vertrag an. Vance akzeptiert unter der Bedingung, dass er ab den nächsten Abenteuern der Serie wieder mit seinem eigenen Stil arbeiten darf. Unmittelbar danach trifft er den Szenaristen Henri Vernes, der ihm ebenfalls grünes Licht zum Antritt der Nachfolge gibt. Vance und Vernes werden zusammen 18 Abenteuer von „Bob Morane“ produzieren, bevor der Zeichner den Staffelstab an seinen Schwager Coria weitergibt.

In diesem Jahrzehnt arbeitet Vance außerdem an den Abenteuern von „Bruno Brazil“, die von Greg unter dem Pseudonym Louis Albert verfasst werden, und 1972 an zwei Geschichten von „Roderic“ nach einem Skript von Lucien Meys sowie ab 1974 an „Ramiro“, wo er selbst der Autor der neuen Ritterabenteuer wird und zehn Geschichten ersinnt, die in Femmes d’Aujourd’hui und anschließend in Tintin erscheinen, ehe er die Serie aus Zeitgründen beendet.

Denn er willigt ein, „XIII“ zu zeichnen, die neue Serie vom Szenaristen Jean Van Hamme für die Zeitschrift Spirou. Vance glaubt von Anfang an, dass die Serie ein großes Publikum erreichen kann. Der Plot erinnert ihn an jene amerikanischen Actionfilme, die er über alles liebt. Aber er hat absolut keine Vorstellung von dem einzigartigen Erfolg, der nun folgen sollte, und der seine Karriere völlig umkrempelt. Mit Ausnahme von zwei Bänden „Marshal Blueberry“, die er Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre nach einem Szenario von Jean Giraud verwirklicht, wird er von jetzt an den Löwenanteil seiner Zeit jenem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, widmen. Und an dessen Abenteuer sich paradoxerweise eine riesige Leserschaft doch immer wieder erinnert.

(aus dem Dossier des 1. Bandes der „Bruce J. Hawker“-Gesamtausgabe)