Bombenangriffe aus Kreide – „Flut!“

Dass man auf Eric Drooker im Deutschland der 90er Jahre durch die Plattencover der Hamburger Punkband …But Alive aufmerksam wurde, ist kein Zufall: Drookers Arbeiten zieren fast sämtliche ihrer Veröffentlichungen. Das Werk des 1958 geborenen Künstlers stand der Radikalität des Punk immer schon näher als dem unverbindlichen Meinungspark des Kulturbetriebs. Eine Kindheit in Zonen sozialer Kontraste, wie sie Drooker im New Yorker East Village verbrachte, wo jeden Tag Cadillacs Abgase in die Gesichter der Obdachlosen und Bettler bliesen, schärft die Sinne für die Schweinereien der Macht.

Eric Drooker (Zeichnungen): „Flut! Ein Roman in Bildern“.
Avant Verlag, Berlin 2013. 192 Seiten. 19,95 Euro

Drooker bewegte sich in subkulturellen Regionen, die heute längst museal eingemeindet sind. Er arbeitete als Straßenkünstler, gehörte zur Hausbesetzerszene. Sein erstes Buch „Flood! A Novel in Pictures“ (deutsche Edition beim Avant Verlag), 1992 veröffentlicht und 1994 vom Fleck weg ausgezeichnet mit dem American Book Award, ist eine pechschwarze, wortlose Meditation über das Leben in der Großstadt, die von einsamen und entfremdeten Schattenwesen bevölkert wird. Sowohl Sujet als auch Linolschnitttechnik erinnern an die zwei großen modernen Humanisten des Holzschnitts: Lynn Ward und Frans Masereel, beide geistige Wegbereiter Drookers, deren partiell hoffnungsvolle Blicke auf Elend und soziale Ungleichheit bei Drooker durch ein Prisma aus Polizeigewalt und Gefängniszellen gebrochen werden.

Später, in der Malerei, der illustrierten Ausgabe von Allan Ginsbergs „Illuminated Poems“ und schließlich bei den Titelbildern für den „New Yorker“, hält immer mehr Farbe und mit ihr eine Spielart utopischer Schwärmerei Einzug ins Werk. Da wird dann romantisch Vertrauen geschaffen für die Kraft der Liebe oder für einen sehr wörtlich genommenen Großstadtdschungel. Bis man feststellt, dass die spielenden Kinder einer Illustration des „New Yorker“ nicht bloß Hüpfspiele, sondern auch Luftbombenangriffe mit Kreide auf die Straße zeichnen. Bei Punk muss also nicht zwangsläufig Kettcar hinten rauskommen.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur, Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de und Autor der Zeitschrift Konkret. Beiträge u. a. für Tagesspiegel, Taz, TITANIC, Jungle World, Junge Welt, Potsdamer Neueste Nachrichten, Das Viertel, Testcard sowie für Buchpublikationen und DVD-Editionen.