Eine Conrad-Variation – „Azrayen‘ Gesamtausgabe“

Algerien, irgendwo in der unzugänglichen Bergregion namens Kabylei. Im Land herrscht Krieg (über acht Jahre, von 1954 bis 1962). Man kämpft um nicht weniger als die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Die FLN (Nationale Befreiungsfront) gegen die Kolonialherren. 1957 verschwindet eine komplette, unabhängig operierende Einheit der Franzosen unter dem Kommando von Messonnier, den man im Land auch Azrayen, den Teufel, nennt. Hauptmann Valera erhält nun den Auftrag, nach Messonnier und seinen Leuten zu suchen, um deren Verbleib zu klären. Hilfe bekommt er dabei von Tirard, einem Offizier des Nachrichtendienstes und Algerienfranzosen und – unerwarteterweise – von Takhlit Allilat, der ehemaligen Geliebten Messonniers. Während wir in Rückblicken erfahren, wie sich Takhlit und er kennen und lieben gelernt haben, bringt Tirard einen weitere Ansatz für die Nachforschungen vor: Man durchleuchtet die Vergangenheit von Messonniers Unteroffizier Djeddar und deckt ein dunkles Kapitel seines Lebens auf, was jedoch zu keinen neuen Erkenntnissen führt. Erst als drei Deserteure von Messonniers Truppe ausfindig gemacht und verhört werden können, findet man eine Spur der Verschwundenen. Eine Spur, die direkt Richtung Krieg führt…

Der Algerienkrieg steht bis heute nicht gerade im Fokus, wenn es um die Aufarbeitung alter Konflikte geht. Der Krieg, der länger als der Zweite Weltkrieg dauerte, forderte auf beiden Seiten zahllose Opfer – hunderttausende, wobei die genauen Angaben schwanken. Am Ende stand die Niederlage Frankreichs und die Unabhängigkeit Algeriens. Hier entwickelt Autor Frank Giroud (ebenfalls bei Comicplus: „Zehn Gebote“, „Quintett“ sowie aktuell „Galkiddek“ bei Splitter) im Plot einen roten Faden, nämlich bei der Suche nach dem geheimnisvollen Messonnier und seinen Leuten. Ein Mann, der in den Rückblicken Takhlits überraschenderweise als überaus sympathisch rüberkommt und der sein Wesen später völlig verändert haben muss – was an die Figur des Kurtz erinnert, der in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ als Gesuchter im Fokus der Geschichte steht. Die verblüffende wie simple Aufklärung des Verbleibs von Messonnier und seinen Männern entlarvt dann auch vollends die Sinnlosigkeit des Krieges und beschämt zudem die Taten der Soldaten um Hauptmann Valera, die zuvor ein Dorf als vermeintliche Rebellenhochburg identifizieren und zerstören, wie das bald danach auch die Amerikaner in Vietnam praktizieren sollten. Verbrannte Erde eben.

Frank Giroud (Text), Lax (Zeichnungen): „Azrayen'“.
Comicplus, Leipzig 2018. 144 Seiten. 34 Euro

Bevor es zu diesem letzten Akt kommt, lernen wir etliche Hintergründe des Algerienkrieges kennen, wie auch die Region der Kabylei (wo es auch schneit und verdammt kalt sein kann) und den kargen Alltag der Menschen, viele davon hin- und hergerissen zwischen den alten Traditionen der Berber und dem europäischen Einfluss der Besatzer. Die sich von der eigenen Kultur entfremden, nur um dort dann wieder Zuflucht zu suchen und zu finden. Was an der Figur der Takhlit versinnbildlicht wird, die eigentlich in ihrem Dorf einem Schuhmacher versprochen ist und sich dann für ein westliches Leben in der Stadt entscheidet – vermeintlich. Die FLN, die gegen die Franzosen kämpft (wobei es auch Algerier gab, die auf französischer Seite standen, die man Pied-Noir nannte), bleibt weitgehend gesichtslos – zu kriegerischen Handlungen kommt es erst im zweiten Teil des Bandes. Das Geschehen konzentriert sich voll auf Valera und seine Suche und damit verbunden auf das Leid der Zivilbevölkerung. Hier tut sich vor allem der skrupellose Sergeant Chanaz negativ hervor, der offenbar vor keiner Gewissenlosigkeit zurückschreckt.

Die begleitenden Sekundärtexte, die von Frank Giroud stammen, erklären die Verbindung des Autors zum Geschehen: Girouds Vater kämpfte als Soldat in Algerien und der Fund von Fotos und einem Tagebuch inspirierten Giroud zu der Geschichte, zu der er zwecks Recherche gemeinsam mit seinem alten Herren an die ehemaligen Kriegsschauplätze reiste und dort auch mit ehemaligen Kämpfern sprechen konnte. Diese akribische Vorarbeit schlägt sich in den detaillierten und fundierten Bildern von Lax (d.i. Christian Lacroix) nieder. Von ihm erschien jüngst bei Salleck „Die Windpferde“ (als Autor), zuvor brachte Splitter seine aktuelle Arbeit „Ein Mann namens Cervantes“ heraus. Auch bei Schreiber & Leser sind Bände des Zeichners erhältlich (wie das Tour de France-Epos „Adler ohne Krallen“). Lax zeichnet in einem realistischen, feinen wie spitzen Strich und benutzt hier meist braune sepia-ähnliche Farbtöne, was das Geschehen beinahe wie einen zeitgenössischen Film erscheinen lässt. Der Band erschien im Original ursprünglich 1998 und 1999 in zwei Teilen, die jetzt hier zu einer Gesamtausgabe zusammengefasst werden. Ein edler frankobelgischer Comic-Leckerbissen, inhaltlich wie auch optisch.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.