Hat jemand eine Netzspinne gesehen?

Wir sind Venom! Einer der brutalsten, bösartigsten und komplexesten Widersacher von Marvel-Ikone Spider-Man feiert sein umstrittenes Solo-Kinodebüt. Die Figur durfte zuvor bereits 2007 in Sam Raimis drittem Filmabenteuer des Wandkrabblers die Leinwand unsicher machen, blieb aber weit hinter den hohen Erwartungen der Fans zurück. Die Symbiose aus dem wahnsinnigen Ex-Journalisten Eddie Brock und einem Angehörigen der außeridischen Spezies „Klyntar“ darf pünktlich zum Kinostart natürlich auch in zahlreichen Comic-Veröffentlichungen bei Panini von seinen zahlreichen Zähnen und Tentakeln Gebrauch machen.

Venom – Tödlicher Beschützer“ ist eine der größten Inspirationen für das Drehbuch der Verfilmung. Aus heutiger Sicht für sich bloß launige Neunziger-Heldenaction, markiert die Miniserie tatsächlich einen der wichtigsten Meilensteine der Historie des Alien-Monsters mit dem kaputten Kompass für zwischenmenschliche Interaktionen und moralische Entscheidungen. „Lethal Protector“ war die erste Veröffentlichung, die tatsächlich den Namen der Figur selbst auf dem Titelbild zeigte, gleichzeitig der Beginn seiner Rolle als ambivalenter Antiheld im Marvel-Universum und die Abkehr vom schlicht bösen, chaotischen Monstrum, das Autor David Michelinie gemeinsam mit Spawn-Schöpfer Todd McFarlane einführte. Für Sammler und Nostalgiker ist der Band dennoch eine lohnenswerte Anschaffung, zumal er mit „Funeral Pyre“ auch die unmittelbar folgende zweite Mini-Serie beinhaltet, die den ebenfalls über die Grenzen des Mediums hinaus bekannten „Punisher“ mitmischen lässt.

Das deutlich aktuellere „Venom Inc.“ versammelt das gleichnamige, serienübergreifende Event, das den frisch eingeführten Antagonisten Lee Price, vormals selbst mit Eddies Symbiont als „Venom“ verbunden, nun als Maniac gegen eine ganze Heerschar an Schurken und Helden des Marvel-Universums ins Feld führt. Das ist zwar insgesamt solide präsentiert und erzählt, verkommt aber schnell zur stimmungsbefreiten Action-Schlacht, die in bester Crossover-Tradition eher seichte Einblicke in eine Vielzahl anderer Serien gibt und so auf neue Käufer schielt.

Wie viel besser das funktionieren kann, beweist der zweite „Venomverse“-Band, der mit einer ähnlichen Prämisse, aber einer deutlich aufwändigeren Gestaltung und vor allem viel mehr Mut zur chaotischen Übertreibung und zum selbstironischen Humor an den Start geht. In enger Anlehnung an das „Spider-Verse“-Szenario versammelt hier ein mit dem Symbionten verbundener Venom-Captain-America weitere „venomifizierte“ Publikumslieblinge wie Wolverine, Rocket Raccoon oder Deadpool um sich, um den mysteriösen Schwarm der ebenfalls symbiotischen „Poison“-Wesen zu bekämpfen. Diese verbinden sich mit bereits aktiven Symbiosen aus Klyntar-Aliens und Superhelden, um letztere zu verzehren, ihre Fähigkeiten anzunehmen und so die perfekten Wirte für deren Symbionten zu werden. Selbstredend ist dieses Szenario völlig überladen und bescheuert, hat seinem Kreativ-Team aber mit der Gestaltung unzähliger Symbiont-Poison-Helden-Verbindung aber offensichtlich einen Heidenspaß gemacht, den sie ganz offensichtlich auf ihre Leser übertragen können. Auch wenn es sich hier um einen zweiten Band handelt, bilden die Kurzgeschichten des ersten Bandes nur einen atmosphärischen Auftakt und sind überhaupt nicht notwendig, um dem hysterischen Spektakel folgen zu können.

Der unbestreitbare Höhepunkt aller Veröffentlichungen rund um den Kino-Hype ist aber ohne Zweifel das auch hervorragend alleinstehend lesbare „Venom – Dark Origin“, das die Ursprungsgeschichte des ikonischen Charakters aus einer neuen, viel komplexeren und psychologischeren Perspektive zeigt. Der abgeschlossene Band beleuchtet die Kindheit, Jugend und all die kleinen und großen zwischenmenschlichen Tragödien, die Eddie Brock zu dem psychotischen Wrack werden ließen, das diese dankbare Projektionsfläche für Venom bietet. Die düsteren, dynamischen Bilder des langjährigen „Spawn“-Zeichners Angel Medina schaffen auch optisch eine wundervolle Brücke zwischen modernen, düster-abgründigen Helden-Comics und der ausklingenden Zeit der bunten, actionbetonten Ära, in der auch Venom einst seine Reise durch die Comic-Welt begonnen hat.

Dieser Text erschien zuerst auf: DeinAntiheld.de

Mattes Penkert-Hennig ist Betreiber des Online-Comicmagazins DeinAntiHeld.de, Autor für Comic.de, war Juror beim „Rudolph Dirks Award“, Panelmoderator auf Comicmessen und hat bereits viele Video-Interviews mit namhaften, internationalen Comic-Künstlen geführt. Darüber hinaus produziert er mit Begeisterung animierte Video-Trailer für Comics und artverwandte Medien.