Am Anfang war der Teig – Religion im Comic

Bild aus "Das Nichts und Gott" (Aike Arndt / Zwerchfell)

Am Anfang war der Teig. Oder besser: ein ziemlich missratener Teig, den Gottes Oma da verzapft hat. Denn den hatte sie zwar ganz korrekt nach Brigitte-Rezept angerührt – aber selbst beim Backen ging der Teig nicht auf. Und deshalb blieb das Universum, das eigentlich aus diesem Teig geschaffen werden sollte, erst mal ein klitschiger, kleiner Teigklumpen. So beschreibt Aike Arndt die Erschaffung der Welt in seiner Cartoonsammlung „Das Nichts und Gott“.

„Es sind lustige Geschichten, es sind Nonsens-Geschichten – und sie regen vielleicht dazu an, in die Bibel zu schauen. Das ist ja auch manchmal Nonsens. Da erschafft jemand eine Welt aus dem Nichts heraus oder aus dem Tohuwabohu – das kann auch keiner verstehen erst einmal, was das bedeutet. Und hier wird es variiert.“

Jürgen Mohn ist Ordinarius für Religionswissenschaft an der Universität Basel. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten und in Lehrveranstaltungen nimmt er sich auch immer wieder Comics vor, in denen religiöse Themen behandelt werden.

„Religionswissenschaftler interessieren sich eigentlich für sehr viel, wo man irgendwie religiöse Dinge in der modernen Gesellschaft in der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit, finden kann. Und das hat sich ja sehr, sehr verbreitet in der letzten Zeit, in den verschiedensten medialen Darstellungen: in Filmen, im Fernsehen, in Serien – in Comics eben auch. Und das Interessante daran ist, dass man an popkulturellen Medien sehr gut die Stimmung ablesen kann, wie über Religion in der Gesellschaft geredet wird, wie Religion verhandelt wird.“

„Die Geschichten müssen nicht ernst genommen werden“

Der Comiczeichner Aike Arndt (Zwerchfell-Verlag)

An den Gott-Cartoons von Aike Arndt interessiert Jürgen Mohn vor allem die Respektlosigkeit gegenüber der tradierten Überlieferung. Allein der Strich, mit dem Aike Arndt seinen Gott in die abstrusesten Situationen schlittern lässt, ist so lapidar hingeworfen wie eine Klo-Krickelei.

Gott watschelt durch die Cartoons wie ein alter Bienenkorb mit Armen, Beinen und Gesicht. Gott wird als schlecht erzogene Göre gezeichnet, die von seiner Oma so vernachlässigt wird, dass sich in seinem Bauch „Nichts“ befindet. Als sich dieser Gott-Bengel eines Tages mit dem kleinen Luzifer um Omas missratenes Universum streitet, da wird er so wütend, dass er den klitschigen Teigklumpen einfach aufisst. Im Bauch mischt sich das missratene Universum mit dem Nichts, wird von Gott regelrecht ausgekotzt – und es kommt zu einer Art Urknall. Planvolles Handeln sieht anders aus.

„Das ist der Ausdruck einer Distanz zu den traditionell ernsthaft erzählten Geschichten – die Geschichten müssen nicht unbedingt ernst genommen werden, man kann sie hinter sich lassen.“ Und das hat spätestens seit der Aufklärung Tradition, meint der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn.

Mit lässigem Strich porträtiert Aike Arndt den Gott im Bienenkorb (Zwerchfell-Verlag / Aike Arndt)

„Seit in der Französischen Revolution Karikaturen gegen das Religiöse, gegen das Katholische in Frankreich eingesetzt wurden, da hat man sich distanziert und hat es versucht, als Unsinn darzustellen. Und hat dazu die Mittel der Karikatur in visueller Hinsicht, aber auch in sprachlicher Hinsicht benutzt. Wir lernen daraus, dass wir uns von der Geschichte, so wie sie im Alten Testament, in der hebräischen Bibel erzählt wird, distanzieren können, dass wir das Tohuwabohu unterschiedlich interpretieren können und dass wir es auf eine ganz lustige Art und Weise weitererzählen können, variieren können. Das ist wichtig.“

„Gott Gott“ wird er von da an heißen…

Der Berliner Comic-Autor Aike Arndt thematisiert, wie die Gesellschaft mit Gott umgeht. Einen ähnlichen Ansatz hat auch der Franzose Marc-Antoine Mathieu in seinem Comic „Gott höchstselbst“. Mathieu gilt als Philosoph unter den Comiczeichnern. In seinem Comic „3 Sekunden“ zum Beispiel erzählt er eine Kriminalgeschichte als Spiegelung – als Reflexion in Fensterscheiben, in Lampenschirmen und einem Zigarettenetui. Auch für seine Reflexionen über Gott wählt der Comic-Künstler eine indirekte Erzählweise.

Marc-Antoine Mathieu gilt als Philosoph unter den Comiczeichnern (Reprodukt / Olivier Roller)

„Er erzählt gespiegelt durch die verschiedenen Medien. Am Anfang steht eine Volkszählung. Und in der Volkszählung ist ein Mann, ein komischer älterer Mann mit einem weißen Bart, er hat keine Identität.“

Dieser Mann hat wallende Locken, einen Rauschebart und wirkt wie der Prototyp einer naiven Kindervorstellung. Er heiße Gott, sagt dieser Mann. Und als man ihn nach seinem Nachnamen fragt, sagt er wieder nur Gott. Gott Gott wird er von da an heißen.

„Und irgendwann sieht man, das ist eine Filmszene, die viel, viel später erst als dieses Ereignis war, gedreht wird. Und dann kommt ein Kommentar – und dann ein Kommentar zu dem Kommentar. Oder Journalisten reden mit verschiedenen Experten als Soziologen, als Historiker – und das ist das Interessante daran, dass die Gottesgestalt insofern durchgespielt wird, dass man sie nicht in originalen, faktualen Erzählschritten darstellt, sondern dass man zeigt, wie unsere Welt aufgebaut ist, auch wenn sie über Gott redet: durch und durch medialisiert.“

Marc-Antoine Mathieu reflektiert über Gott, indem er unsere Wirklichkeit reflektiert. Und die stellt er – ganz ähnlich wie Gott höchstselbst – als schwer fassbar dar. Denn diese Wirklichkeit wird nicht von Fakten bestimmt, sondern davon, wie sie durch Medien vermittelt wird – also von den Geschichten, die sich durchsetzen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung von Gott. Das klingt ziemlich kompliziert – und ist es auch. Der Comiczeichner reflektiert tatsächlich in bester geisteswissenschaftlicher Tradition den Gottesbegriff, sagt Religionswissenschaftler Jürgen Mohn.

„Wenn man philosophisch über diesen Gedanken Gott nachdenkt, dann macht man sich Gedanken über das, was diese Welt bestimmt. Das kann man in der Theologiegeschichte, in der Philosophiegeschichte nachlesen – und das greift er auf. Deswegen sind auch einige der Zitate, die er durchspielt von Sartre und anderen Philosophen übernommen. Und die werden dann auch in dem Prozess, der Gott gemacht wird, als Frage aufgeworfen.“

Gott steht vor Gericht

In „Gott höchstselbst“ wird Gott zur Marke (Reprodukt / Marc-Antoine Mathieu)

Die Menschen strömen zu Gott. Eine unfassbar große Menschenmenge steht da, andächtig und atemlos. Gott steht in einem offenen Wagen und gleitet durch die Massen. Dann entdeckt ein Reporter, dass Gott einen Ohrhörer trägt. Wird Gott etwa von Anderen gelenkt? Die Stimmung kippt. Denn natürlich gibt es Menschen, die zweifeln – und Gott für einen Scharlatan halten. Dabei steht er doch vor ihnen. Auf die Frage, wer er denn sei, antwortet er vor Gericht mit Sartre: „Gott ist die Einsamkeit der Menschen.“

Jürgen Mohn: „Das Interessante an dieser Welt ist, dass es überhaupt kein christlicher Gott ist – Christus spielt überhaupt keine Rolle – und die Gottesfigur ist eigentlich eine philosophische Gottesfigur.“

Auch der vielschichtige Comic „Gott höchstselbst“ von Marc-Antoine Mathieu bildet nicht die biblischen Erzählungen ab – thematisiert aber immer wieder theologische Diskurse.

Plötzlich steht Gott vor Gericht. Die Gunst der Medien hat Gott verloren, die Massen haben sich gegen ihn gewandt; und nun sollen ihn 62 Staatsanwälte zur Verantwortung ziehen. Er soll sich für das Böse in der Welt rechtfertigen – schließlich ist die Welt Gottes Schöpfung.

„Was wäre, wenn Gott da wäre?“

Aber kann man Gott für das Böse verantwortlich machen, wenn er dem Menschen die Freiheit geschenkt hat – also auch die Freiheit, katastrophale Entscheidungen zu treffen? Auch auf der Bildebene spielt Mathieu auf theologische Diskurse an: etwa, wenn er Gott im gesamten Comic mit weißem Rauschebart zeichnet. War da nicht was? Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen?

„Allerdings muss man auch dazu sagen: Sein Gesicht wird nie gezeigt, er zeigt keine Emotionen. Und wenn das Gesicht gezeigt wird, dann ist es immer sehr, sehr verschwommen. Das heißt, mit dem Bilderverbot wird zusätzlich noch gespielt – das spielt er dort auch durch.“

Und dann verschwimmt Gottes Gesicht. Je mehr sie Gott analysieren und festschreiben wollen, schwindet sein Gesicht. Die Mittel der Justiz und anderer Wissenschaften lassen Gottes Antlitz verpuffen. Anders die saturierten Gesichter der Menschen: Die setzt Mathieu mit sattem, schwarzem Strich diesem fragilen Gott entgegen. Die Menschen wirken umso wuchtiger, kraftvoller, realer. Trotzdem sind es die Menschen, die scheitern – nämlich bei dem Versuch, Gott mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu definieren. Gott höchstselbst formuliert das im Comic mit den Worten von Gotthold Ephraim Lessing: „Die Suche nach Wahrheit ist köstlicher als deren gesicherter Besitz.“

Jürgen Mohn: „Was wäre denn, wenn Gott da wäre? Brauchen wir ihn – oder brauchen wir ihn nicht? Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass Gott seine eigene Abdankung erklärt. Er sagt, das Ganze ist eigentlich nur eine Erfindung. Dann fragen die Journalisten am Ende auch: Und na ja, die Antwort ist, es war wenigstens eine gute Geschichte, eine spannende Geschichte.“

„Gott höchstselbst“ ist im intellektuellen Sinne spannend – weil Marc-Antoine Mathieu den Gottesbegriff auf ein paar Grundprinzipien verdichtet und damit spielt.

„Religionen sind voller Geschichten“

Die Comic-Biografie „Buddha“ des Japaners Osamu Tezuka dagegen ist eine spannende Abenteuergeschichte, die das Leben Buddhas in seiner ungeheuren Detailfülle erzählt. „Buddha“ ist längst zu einem Klassiker geworden, auf der ganzen Welt ausgezeichnet mit den wichtigsten Comicpreisen.

Osamu Tezuka ist in Japan fast ein Nationalheld. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er den Manga – so heißen die Comics in Japan – aus der Kinder-Nische geholt und erfolgreich für Erwachsene gezeichnet. Seine Buddha-Biografie von 1972 ist rund 3000 Seiten lang.

„Was für ein Tempo. Was für eine Rasanz! Hier eine Verfolgungsjagd, dort eine Prügelszene. Das zieht dich so rein in die Bewegung. Du denkst, du würdest selbst prügeln oder verfolgen. Damit eignet sich der Manga ausgezeichnet, um religiöse Geschichten zu erzählen“, meint Ordinarius Jürgen Mohn.

„Religionen bestehen größtenteils daraus, gute Geschichten zu erzählen, spannende Geschichten, aber auch tiefgehende Geschichten. Und sie müssen natürlich auch überzeugen.“

Man denke nur an die ganzen Befreiungsgeschichten aus dem Alten Testament – wie Moses das jüdische Volk aus Ägypten führt – und dabei vor immer neuen Problemen und Herausforderungen steht. Spannende Geschichten gebe es in allen Religionen, meint Mohn.

„Die sind alle voller Geschichten, die mehr oder weniger gut und gelungen sind und die bis heute eigentlich die Filmkultur, die Comic-Kultur, die Literatur durchziehen. Genauso wie auf die antike Mythologie greift man immer wieder auf biblische Geschichten zurück und erzählt sie in unterschiedlichen Varianten wieder.“

Trash, Gewalt und Slapstick

Und genauso macht es Osamu Tezuka mit seiner Buddha-Biografie – dafür holt er ziemlich weit aus. Die Jugend von Buddhas Weggefährten wird beschrieben – lange vor Buddhas Geburt: Einer von ihnen ist ein Paria aus der niedersten Kaste. Er scheint kein Benehmen zu haben. Er pinkelt im wahrsten Sinne des Wortes auf seine Kontrahenten. Später wird Buddha verstehen: Gute Manieren nutzen nur dem, der von den anderen geachtet wird. Und dann hat er den Geistesblitz: Er hebt das Kastensystem auf.

Tezukas Buddha-Biografie basiert auf vielen Bausteinen: auf Buddhas Lehren, aber auch auf Legenden über ihn.

„Die konfrontiert er mit kleinen Problemen aus der Gegenwart und baut sie zu Trash-Geschichten zusammen. Und erzählt sozusagen aus der Spannung heraus auf transzendente, auch göttliche Dimensionen verweisende Geschichten, die mit den Legenden Buddhas verknüpft sind und mit spannenden Verschwörungsgeschichten, mit Kampfszenen, mit Gewalt – und aus deren Spannung heraus er den Leser dann auch bei der Stange hält.“

Tezuka verwebt immer wieder buddhistische Mythen mit der Gegenwart. Er hat auch keine Hemmungen, Slapstick-Szenen in einen tief religiösen Kontext einzubauen. Da sind zum Beispiel diese Asketen. Denen schließt sich Buddha eine Zeit lang an. Sie martern sich mit Nagelbrett, Strick und Hunger. Das ist so überzogen, dass man darüber nur lachen kann. Und mitunter zeichnet sich Tezuka selbst in die Szenen seines Manga und fragt in einer Sprechblase: „Und das soll eine seriöse Biografie sein?“

Erstaunlich, dass Tezuka bei so viel Trash und Gewalt ein so vielschichtiges Bild vom Leben des Buddha und seinen Lehren zeichnen kann. Am Ende der Biografie sieht Buddha genauso aus wie die Statuen, die es bis heute von ihm gibt – die, die den typischen Haarknoten tragen.

„Es zeigt sich in erster Linie, dass der Umgang mit der Tradition, mit den Legenden, aber auch mit der Lehre, mit den Inhalten sehr frei geworden ist,“ sagt Jürgen Mohn. „Man versucht auch, das als eine moralische oder ethische Leitung in das eigene Leben einzubauen, aber es hat nicht mehr den Autoritätscharakter wie in einem geschlossenem religiösen System, das durchgängig bestimmt wird durch eine Theologie oder durch eine ganz bestimmte Interpretationsform der buddhistischen oder bei uns eben christlichen oder auch jüdischen Tradition. Das heißt, wir leben in einer Kultur, die dadurch gekennzeichnet ist, dass es einen individuellen, sehr, sehr unterschiedlichen Umgang mit Religion, mit religiösen Lehren gibt.“

Bar Mizwa für die Katze

Davon zeugt auch eine Comicreihe des Franzosen Joann Sfar. Sie hat den Titel: „Die Katze des Rabbiners“. Die Katze des Rabbiners ist keineswegs anschmiegsam. Aber sie ist ausgesprochen lebenstüchtig. Sie lebt zusammen mit einem Rabbiner und dessen Tochter. Und weil der Papagei des Rabbiners die Katze mit seinem leeren Gebrabbel ungeheuer nervt, frisst sie ihn kurzerhand auf – und kann plötzlich selbst sprechen. Nun brabbelt die Katze vor sich hin wie ein Papagei. Und der Rabbiner bekommt Panik. Er fürchtet – und wie sich herausstellt zu Recht – dass die Katze seine Tochter auf allerlei dumme Gedanken bringt. Deshalb beschließt der Rabbiner, dass eine Katze, die reden kann, in der jüdischen Tradition unterrichtet werden muss und die Bar Mizwa erhalten soll. Er bringt die Katze also zu seinem eigenen Rabbiner. Der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

In „Die Katze des Rabbiners“ sorgt eine sprechende Katze für allerlei religiöse Diskussionen (Joann Sfar / Avant-Verlag)

Jürgen Mohn: „Jede einzelne Geschichte, die dort Alltagsprobleme und so weiter reflektiert, bringt sozusagen den Erfahrungsschatz der jüdischen Tradition, Geschichten aus dem Talmud und so weiter auf sehr spielerische Art und Weise. Und man lernt sehr, sehr viel über den Umgang in der jüdischen Tradition mit gewissen Gottesfragen, mit Alltagsfragen – wie soll man dazu sich verhalten und dazu sich verhalten, was gibt es für Möglichkeiten und wie wird das durchgespielt.“

Zum Beispiel, dass die jüdische Tradition von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich ausgelegt wird. Der Rabbiner des Rabbiners jedenfalls will der Katze keine Bar Mizwa zugestehen. Debattierlust setzt sich durch – messerscharfe Argumente, ausgetauscht zwischen Katze und Rabbi:

„Ich frage ihn, wo der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Katze sei. – Er antwortet, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen habe. – Ich bitte ihn, mir ein Bild zu zeigen. – Er sagt, dass Gott das Wort sei.“

Und damit beißt sich die Katze in den Schwanz – oder auch dem Rabbiner des Rabbiners in den Hintern, denn diese Katze ist ja durchaus des Wortes mächtig. Und wird den beiden Theologen mit ihren theologischen Argumenten noch die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn treiben.

„Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Tradition“

Joann Sfar hat seinen Comic im Milieu sephardischer Juden in Algerien angesiedelt – und zwar vor 100 Jahren. Warum nicht im Milieu zeitgenössischer Juden im heutigen Frankreich? Der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn vermutet, dass…

Der Comiczeichner Joann Sfar mit seiner Katze (Joann Sfar / Avant-Verlag)

„…er auch das Frankreich der Gegenwart einfach hinter sich lassen wollte und nicht von vornherein die Konfrontation zwischen Judentum und einer islamisch geprägten Gegenwart Frankreichs reflektieren will. Sondern – und das ist vielleicht auch wieder ein Mittel der Distanz – das zeitlich, aber auch räumlich in eine andere französisch geprägte Zeit versucht zu projizieren.“

Es geht dem Comiczeichner darum, die Traditionen des jüdischen Lebens und Glaubens in all ihrer Diversität zu zeigen. Es wird im Verlauf des Comics auch einen Clash der jüdischen Kulturen geben.
Die Tochter des Rabbiners, die gerne mit der Katze rumschmust, verliebt sich ausgerechnet in einen Pariser Rabbi. Und dessen Familie bestätigt alle Vorurteile des alten Rabbis: dass die Pariser Juden gottlos sind, dass sie sich nicht an die religiösen Regeln halten und so weiter. Doch am Ende wird er auch aus dieser Erfahrung versöhnt herausgehen.

Joann Sfar ist selbst der Enkel eines Rabbiners – und einer der großen Comicstars in Frankreich, der so viel veröffentlicht, dass sein Stil wirkt, als wäre alles schnell dahingeworfen, skizzenhaft. Zu einem Comic übers Judentum passe das besonders gut, meint der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn. Denn auch da sei nichts in Stein gemeißelt:

„Er spielt eigentlich verschiedene Elemente und verschiedene Vorstellungen, die er aus der jüdischen Tradition kennt, dort durch. Damit ist das eine Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Tradition, auch mit der Offenheit, auch mit der Diskussionsfreudigkeit und mit der Möglichkeit, dass das Transzendente möglicherweise als Katze dargestellt werden kann, die den Menschen und sein Verhalten kommentiert.“

Popkulturelle Medien als Stimmungsbild

Comics können unterschiedliche religiöse Traditionen erlebbar machen. Als popkulturell geprägtes Medium transportieren sie zugleich, wie Gesellschaft mit Religion umgeht. Auf den ersten Blick mag das ziemlich schräg erscheinen. Eine sprechende Katze, die ihren Besitzer, einen algerischen Rabbiner, in Erklärungsnot bringt, der historische Buddha, der sich mit ziemlich rüpelhaften Schlägertypen umgibt, und ein Gott, der von seiner Oma so vernachlässigt wird, dass er immer Hunger hat. Das sind nur drei Beispiele, wie im Medium Comic das Thema Religion verhandelt wird.

Die Liste ließe sich fortsetzen: „Habibi“ von Craig Thompson, „Antityp“ von Ralph König, „Stille Nacht“ von Frank Flöthmann, „In God we trust“ von Winshluss, „Zen ohne Meister“ von Frenk Meeuwsen, „Blankets“ von Craig Thompson.

Nicht alle sind von der Qualität wie „Das Nichts und Gott“, „Gott Höchstselbst“, „Buddha“ oder „Die Katze des Rabbiners“ von Aike Arndt, Marc-Antoine Mathieu, Osamu Tezuka oder Joann Sfar. Was alle verbindet: Sie können zum Material für Religionswissenschaftler wie Jürgen Mohn werden, der überzeugt ist…

„…dass man an popkulturellen Medien sehr gut die Stimmung ablesen kann, wie über Religion in der Gesellschaft geredet wird, wie Religion verhandelt wird.“

Dieser Text erschien zuerst am 20.06.2018 auf: Deutschlandfunk.

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.