9e Art

Geld oder Leben

Im Comic-Angebot von Carlsen und Ehapa finden sich immer weniger Titel aus dem frankobelgischen Raum. Gerüchten zufolge soll es an Nachschub mangeln - ein Eindruck, den das diesjährige Festival von Angoulême deutlich widerlegt hat.

Bei der Preisverleihung von Angoulême standen früher regelmäßig Zeichner und Autoren auf dem Treppchen, deren Werke auch in deutscher Übersetzung bekannt waren. Mit ihnen - Franquin, Moebius, Bilal - identifizierte sich die deutsche Szene so sehr, als habe man die Kultur der Franzosen und Belgier wie eine eigene akzeptiert.

Seit ein paar Jahren ist das anders, und das liegt sicher nicht nur an der Verschrobenheit der Jury. Seit Carlsen und Ehapa den Massenmarkt im Visier haben, ist der frankophone Comic ein Spielball für mittlere und kleine Verlage geworden. Hier nun geht er häufig unter. Die Edition Moderne, Salleck oder comicplus+ haben nicht die Mittel, ihr Programm ins Blickfeld einer Szene zu rücken, die sich derzeit an Kleinmädchenmangas und kostümierten Weltverbesserern hochzieht.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Der frankobelgische Comic habe sich totgelaufen, hört man in Deutschland allerorten. Doch hat er das wirklich? Ganz im Gegenteil. Die Verlage jenseits des Rheins veröffentlichten 1999 erstmals mehr als 1000 Alben im Jahr. Wenn auch die Grundauflagen nicht mehr so hoch sind wie vor 20 Jahren, so scheint doch Anreiz genug vorhanden zu sein, um immer neue Verlage zu gründen.

Apropos Auflagen: Der aktuelle "Blake und Mortimer" wird in Frankreich mit einer halben Million Exemplaren gedruckt. Mit 357.000 bzw. 320.000 liegen "Largo Winch" oder "Le petit Spirou" auch nicht schlecht im Rennen. Das sind natürlich Spitzenwerte. Sie verdeutlichen aber doch, wie stark der Comic - und zwar der Comic aus eigener nationaler Produktion - Rückhalt in der Bevölkerung hat.

Unter den zehn meistverkauften Büchern 1999 in Frankreich waren vier Comics. Im Verhältnis zum gesamten Buchhandel ist der Umsatzanteil der Bande Dessinée im letzten Jahr überdurchschnittlich gestiegen. "Vor zehn Jahren haben wir gemeint, der Comic sei am Ende. Heute sind wir wieder auf der Erfolgsleiter", freut sich Jacques Glénat, der in Angoulême sein 30. Verlagsjubiläum feiern durfte.

Gestiegen ist auch die Qualität der Alben, im Bereich gängiger Erzählungen wie bei der Avantgarde. Die französische Avantgarde (Trondheim, Rabaté, Menu) ist überaus lesenswert. Zum Glück werden ihre Werke wenigstens teilweise ins Deutsche übertragen. Aber auch Autoren wie Jean van Hamme, die einen eher traditionellen Erzählstil pflegen, schätzt und bewundert man jenseits des Rheins. Van Hammes "Largo Winch" wurde von Ehapa unvollendet eingestellt; die ausgezeichnete Serie "Hopfen und Malz" erreicht bei uns kaum genug Leser, um Gewinn abzuwerfen.

In den Zelten der Verlagsmesse von Angoulême drängelten sich am letzten Januar-Wochende so viele Fans, daß der Besuch reglementiert werden mußte. Die großen Verlage setzen ein Dutzend Zeichner nebeneinander an den Signiertisch. Da warten dann schon mal ein paarhundert Leute gleichzeitig auf eine kleine Zeichnung. Der derzeit sehr populäre Verlag Soleil hatte sich gar einen Extrabereich gesichert und köderte die "chasseurs de dédicaces" nicht nur mit Zeichnern, sondern auch mit gängigen Musikeinlagen.

Das Publikum ist in Angoulême erfreulich gemischt. Immer noch fahren Schulklassen geschlossen in die europäische Hochburg des Comic. Viele Jugendliche und nicht wenige ältere Herrschaften rieben sich Schulter an Schulter, kauften Alben tonnenweise und drängten gemeinsam in die Ausstellungen. Bei der phänomenal arrangierten Moebius-Schau im Comic-Museum, dem CNBDI, hieß es häufig: Nichts geht mehr.

Den "Grand Prix de la Ville d'Angoulême" erhielt in diesem Jahr - als erste Frau in 27 Jahren - Florence Cestac. Robert Crumb, ihr Vorgänger und offiziell Präsident des diesjährigen Festivals, spielte den "homme invisible". Er zeigte sich nur ganz kurz einmal, um Banjo zu spielen. Bei der Preisverleihung am Rathaus warfen die Organisatoren eine ihm nachgebildete Puppe vom Balkon - in allen Ehren, versteht sich.

Nein, der frankophone Comic ist nicht tot. Er ist so lebendig, wie schon lange nicht mehr. In Frankreich ist die Bild-Erzählung heute eine akzeptierte Kultur. Daß die für dieses Ressort zuständige Ministerin Cathérine Trautmann das Festival von Angoulême beehrte, war so selbstverständlich wie ausgiebige Berichte in allen großen Tagezeitungen.

Armes Deutschland. Bei uns, wo das Interesse am Comic sich immer mehr in Richtung "billig" und "trivial" bewegt, müßte man sich wohl schämen, Michael Naumann nach Erlangen einzuladen. Carlsen und Ehapa haben am großen Geld gerochen. Das indes wird nicht wieder in Kultur reinvestiert, sondern dazu verwandt, um noch mehr zu verdienen. Die Richtung bestimmt der Massengeschmack. Es geht nicht mehr um Qualität. Es geht um - Geld oder Leben.

Eckart Sackmann

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