RRAAH! aktuell

Angoulême 2000

Samstag, 29.01.2000


Volle Zelte - Die Angst im Dunkeln - Crumb von Rathausbalkon gestürzt

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Blick auf die Hauptzelte am Marsplatz

Eine Lautsprecherdurchsage in der Stadt informiert die Gäste des Festivals, dass die Zelte auf dem Champ de Mars überfüllt seien und erst einmal keiner mehr eingelassen werde. In diesen Zelten stellen die Verlage aus und hunderte von Zeichnern (über 450 hatten ihr Kommen angekündigt) zeichnen und schreiben Widmungen in ihre Alben, oftmals dicht an dicht an langen Tischen angereiht, vor denen sich die Warteschlangen der geduldigen Fans bilden. Das sind also keine kleinen Zelte, sondern Komplexe von Zelthallen, die auf dem Marsplatz aus sieben Teilzelten und großen Maschinenanlagen bestehen, die im Inneren für die nötige gute und warme Luft sorgen.
An anderen Orten der Stadt stehen weitere Zeltkomplexe für Fanzines, Multimediales, Jugend, Konferenzen und Lizenzpoker. Angoulême hat einiges dafür getan, auch im Jahr 2000 wieder über 200.000 Besucher empfangen zu können. Man spürt die Erfahrung der Organisatoren. Beispielsweise bringen Busse die Gäste des Comic-Festivals gratis von einem Ort des Geschehens zum nächsten. Ein großes Aufgebot von Ordnungskräften (auch Polizisten) sorgt für reibungslosen Ablauf. Nirgendwo wird das Gedränge wirklich beängstigend.
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Giraud/Moebius (Bildmitte) signiert den neuen "Blueberry"

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Gilbert Shelton zeichnet für die "Freaks"

glenatstand.jpg - 25512 Bytes Wie ein Comic-Supermarkt ist der riesige Stand von Glénat/Vents d'Ouest aufgebaut, am Eingang befindet sich eine Garderobe, wo man Taschen und Mäntel abgeben kann, am Ausgang stehen zwei Kassen mit zugehörigen Käuferschlangen. Man darf sich wundern, warum die Besucher hier oftmals Comics zum vollen Preis kaufen, die im Comicladen nebenan oder bei Auchan mit 5 % Rabatt erhältlich sind.

Der Glénat-Stand ist eher zweckdienlich, denn ein Schmuckstück. Mehr als zum sinnfreien Aufstellen weniger Comic-Plastikfiguren hat es beim Standdesign nicht gereicht.

castermanstand.jpg - 21662 Bytes Besser beherzigt haben die Worte vom Zusammenhang von Sein, Design und Bewußtsein die Verlage Casterman und Soleil. Casterman fängt die Blicke durch drei Projektionsstalagmiten (siehe links). Soleil lässt in der Mitte der Standfläche Musikgruppen auftreten, tanzen und die Lichtorgel spielen. Die Zeichner, die am Soleil-Stand signieren, müssen Nerven wie Drahtseile haben oder Oropax und Sonnenbrille. Die meisten Signierplätze hat dem Anschein nach der Stand von Delcourt aufzubieten, um den herum die Zeichner selbst als Zierde des Stands dienen. Eine Hinweistafel zählt 37 anwesende Künstler auf, darunter Sfar, Mazan, Turf, Masbou, Blain und Ayroles.

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Geräumig und licht war's bei den Bouquinisten nur im Wintergarten des Rentenamts

Der Espace Bouquinistes (d.i. der Ort für die Händler von antiquarischen Comics) ist in einem Gebäude untergebracht, welches dem Schild am Hauseingang zufolge normalerweise eine Behörde für Rentner beherbergt. In schummriger Atmosphäre zwängt sich das Publikum an den Tischen der Händler vorbei und sucht nach verborgenen Schätzen. Mit geübtem Blick verfolgen die Händler die Handgriffe der Schatzsuchenden. Bange Minuten vergehen, als die Deckenbeleuchtung im oberen Teil des Gebäudes plötzlich ausfällt. Im Dunkeln vernimmt man neben den Rufen nach begabten Elektrikern auch das Schlagen angstvoller Herzen. Als das Licht zurückkehrt, ist die Welt noch in Ordnung und das betriebsame Leben geht weiter.

Vor dem Rathaus hatten sich bei Nieselregen nicht gerade sehr viele Zuschauer für die Bekanntgabe des Gewinners des "Grand Prix de la ville d'Angoulême 2000" eingefunden. Nach einer launigen Ansprache wurde der letztjährige Präsident des Festivals, Robert Crumb, symbolisch vom Thron gestürzt, indem man ihn vom Balkon des Rathauses warf. Bei einer zu durchfallenden Höhe von gut 5 m prallte er - wie aus dem Physikunterricht bekannt - nach etwa 1 s mit hässlich hohlem Geräusch auf das harte Pflaster. Zum Glück hatte sich "Herr Unsichtbar" auch bei dieser Feier durch jemand anderen vertreten lassen, in diesem Fall von einer Schaufensterpuppe.

Glück auch, dass sich Florence Cestac von diesen rauen Sitten nicht abschrecken ließ, die Präsidentschaft für das kommende Comic-Festival zu übernehmen. Begeistert riss sie die Arme in die Luft und nahm den Beifall der Menge entgegen. Endlich eine Frau als Preisträgerin! Ein zigarrekauender Zuschauer war mit dem Kür-Prozedere gar nicht einverstanden und schrie, dass er wissen wolle, warum die Comic-Autoren den Präsidenten nicht mitwählen dürften. Da es sich bei dem Grand Prix um einen Preis handelt, den die Stadt Angoulême verleiht, lässt sich dieses Anliegen sicherlich in den Wahlkampf zur nächsten Bürgermeisterwahl einbringen.

Unter ihren Regenschirmen kauernd hörte das Comic-Volk noch kurze Rede und Musik, um sich dann in die umliegenden Lokale zu verteilen und darüber zu sinnieren, wer Präsidentin Cestac eigentlich sei.

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Rathausbalkon: Florence Cestac wird zur Präsidentin für das 28. Comic-Festival 2001 ausgerufen

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Felix