Sonntag, 27. Januar
Zwar sei es den Veranstaltern des Angoulêmer Comicfestivals gelungen, am Donnerstag und Freitag mehr Besucher anzuziehen, doch blieb dann ein Rekordsamstag wie 2001 aus (damals wurden 102.000 Eintrittskarten verkauft), so dass man unter dem Strich auf 200.000 Besucher für die diesjährige Ausgabe des Festivals komme, gab die Festivalleitung in einer Pressekonferenz am Nachmittag bekannt. Die Anzahl derjenigen, die eine Mehrtageskarte (für 18,25 €) gekauft hätten, sei verglichen mit 2001 gleich hoch geblieben, erläuterte Yves Poinot, Präsident des FIBD. Deutlich gestiegen sei aber die Anzahl der Comicautoren von 750 auf 900 (also um immerhin 20 %). Die langen Signiertische (Foto: Stand von Soleil) waren fast immer gut gefüllt. Auch die Anzahl der Pressevertreter nahm von 800 auf 840 zu (um 5 %), so dass die Präsenz des Festivals in den Medien ebenfalls stieg. 412 Publikationsorgane aus Presse, Fernsehen, Radio, Internet und von Presseagenturen waren vertreten. Philippe Mottet, Bürgermeister Angoulêmes, schien mit dem großen öffentlichen Erfolg sehr zufrieden. So ging man schließlich mit passenden Worten Martin Veyrons auseinander, der versicherte, "Angoulême est notre Mecque, notre Hollywood".
In die gute Stimmung mischte sich auch dann kaum Missvergnügen, wenn man an die Ankündigung dachte, die wie ein drohender Schatten aus Paris herüberfiel. Dort soll vom 1. bis 5. Juni ein Salon Paris BD aus der Taufe gehoben werden. Jean-Marc Thévenet, Direktor des FIBD, beirrt das in seinen Planungen nicht. Er möchte das kommende 30. Angoulêmer Festival auf Jugendliche ausrichten (vielleicht unter Einbindung von Persönlichkeiten wie Lewis Trondheim und Joann Sfar) und den koreanischen Comic vorstellen. Eine Delegation von fast 70 Personen traf aus Seoul ein, um mit dem FIBD daran zu arbeiten. Dies solle allerdings nicht in eine zweite Manga-Ausstellung münden, wie man sie 2001 sah. Die Koreaner verteilten in Angoulême 76-seitige, farbige Broschüren, um auf die Comicproduktion ihres Landes hinzuweisen und einige ihrer Autoren vorzustellen. Dem äußeren Anschein nach unterscheidet sich der koreanische vom japanischen Comic im Grunde nicht. Da kann man gespannt sein, was sich im nächsten Jahr als eigenständiger koreanischer Comic präsentiert.
Auf eine möglicherweise unglückliche Konkurrenzsituation durch die Gründung eines Pariser Comicfestivals im Juni des Jahres angesprochen, erwiderte die französische Kulturministerin Catherine Tasca während ihres Festivalbesuchs, dass man Verlage und Künstler nicht daran hindern könne, auf eigenes Risiko andere Comicveranstaltungen durchzuführen. Eine großartige Angoulêmer Tugend sei die Zusammenführung vieler Bereiche der Comicszene, von den Profis bis zum Nachwuchs. Sie sei nicht davon überzeugt, dass es in der Szene ein Interesse gäbe, sich zu weit zu verteilen. Michel-Edouard Leclerc, mit einer seit Ende der 80er-Jahre gezahlten Summe von nahezu 3,5 Millionen Euro einer der Hauptsponsoren des Festivals, spürt die Drohung durch ein Pariser Festival da schon eher. Ihn beunruhigt, dass hinter dem Pariser Festival Professionelle stünden und dass man in Paris potenziell sehr viel Publikum habe. Firmen wie die FNAC oder Carrefour könnten sehr versucht sein dort zu investieren. In Angoulême müsse man nun reagieren und nicht Geld in eine Tim und Struppi-Rakete stecken, sondern in die Fähigkeit, ein Kalifornien des Bildes zu werden. Die Belgier, Amerikaner, Japaner, Inder müssten nach Angoulême geholt, Film- und Spieleproduzenten müssten interessiert werden. Der Staat solle sich an dieser Perspektive als Motor bei der Finanzierung beteiligen.
Um auf die mangelnde staatliche Unterstützung des Comicbereichs im Rahmen der Kulturförderung hinzuweisen, nutzte Jean-Marc Thévenet die Gelegenheit, in der Zeitung Le Monde seine Meinung in einer Kolumne frei niederschreiben zu dürfen. Der Comic werde zu sehr als eine Art kultureller Unfall empfunden, als dass er sich neben anderen Künsten zu etablieren vermag. Und so müsse das Angoulêmer Festival, das wichtigste Schaufenster des Comics in Frankreich und Europa, weiterhin ohne direkte staatliche Förderung aus Paris auskommen. Nach fast dreißig Jahren finge man bei der Finanzierung des Festivals immer noch jedes Jahr bei Null an. Die zurzeit jährlich benötigten 1,65 Millionen Euro werden zu je einem Drittel durch private Geldgeber, die Region (Stadt und Landkreis) und durch die Einnahmen des Festivals selbst (Eintrittskarten, Standgelder usw.) gedeckt.
Catherine Tasca ging auf die Forderungen Thévenets ein, indem sie darauf verwies, dass es zu seiner Rolle als Organisator des Festivals gehöre und seinen leidenschaftlichen Einsatz beweise, wenn er mehr Geld wünsche. Tatsächlich sei der Staat mit etwa 2,3 Millionen Euro in Angoulême engagiert (CNBDI u.a. eingeschlossen), im übrigen Frankreich belaufe sich die Unterstützung im Comicbereich auf ungefähr 1,52 Millionen Euro. Dennoch brachte die Ministerin einen weiteren Zuschuss von 22.800 € für das Comicfestival bei ihrem Blitzbesuch am Donnerstag in ihrem Gepäck mit. Thévenet zeigte sich zwar mit der politischen Geste, nicht aber mit dem Betrag zufrieden, den er in die Nähe einer Mogelpackung rückte. Das CNBDI und die École Supérieure de l'Image würden vom ministeriellen Geldsegen für Angoulême insgesamt (also von jenen 2,3 Millionen Euro) viel mehr als das FIBD erhalten, was es auszugleichen gelte.
Der Beobachter dieser in der Presse ausgetragenen Verteilungskämpfe liest verblüfft, wie Differenzbeträge von einigen tausend Euro die Gemüter erhitzen, wo doch die Einnahmen aus dem Verkauf von 200.000 Eintrittskarten siebenstellig sein müssten. Wären zehntausend Besucher weniger nach Angoulême gekommen, hätten die folglich weniger eingenommenen etwa 50.000 € dann gleich ein Finanzdebakel ausgelöst? Kommt sich eine Ministerin nicht merkwürdig vor, die einen Betrag von einigen zehntausend Euro als nennenswerten staatlichen Zuschuss verkauft? Wie teuer waren eigentlich Scharpings dienstliche Flugreisen nach Mallorca?
Doch Trommeln gehört zum Handwerk. Will man jedes Jahr ein solch vielfältiges Comicfestival wie in Angoulême auf die Beine stellen, muss man sich vernehmlich äußern und auf diverse Tische hauen. Der 30. Ausgabe dieser Veranstaltung darf man 2003 getrost entgegensehen.
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