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Angoulême 2003
François Schuiten

François Schuiten hat sich in der Comicszene und als visionärer Ausstellungsmacher einen Namen gemacht. mehr....

Ausstellungen

Man muss die Augen schon offen halten und alle vier Festival-Tage von morgens bis abends ausnutzen, um als neugieriger Besucher alle Ausstellungen in Angoulême zu finden und zu sehen. Es gibt in der Stadt mehr Plätze, an denen man sich unter besonderen Comics umschauen kann, als man auf den ersten oder flüchtigen Blick vermutet. Einige der Ausstellungen sind auch noch nach dem Festival zu sehen.
  • "Le Théâtre des Images", zu neuen Formen des Comic, Stadttheater Angoulême
  • "Les Musées Imaginaires de la Bande Dessinée", zu sechs Aspekten des Comic, CNBDI, noch auf unbestimmte Zeit zu sehen
  • "Nicolas de Crécy", zu seinem Lebenswerk, CNBDI, noch bis zum 27. April 2003
  • "Une trop bruyante solitude", zu einer Comicadaption eines Romans gleichen Titels des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal, CNBDI, noch bis zum 30. März 2003
  • "Éditions l'Ampoule", zum gleichnamigen, neuen Verlag, Buchladen des CNBDI, noch bis zum 16. März 2003
  • "La Bande Dessinée Coréenne", zur Vielfalt des koreanischen Comic, place Saint-Martial
  • "Grzegorz Rosinski", zum Lebenswerk des gebürtigen Polen, Rathaus
  • "Reiser dans tous ses états", zum 20. Todestag des Zeichners, Hôtel Saint Simon
  • "Le Musée Ferraille", zum Roboter Ferraille (parodistische Museumsschau), Hôtel des Ventes
  • "Le Décalogue", zur zehnbändigen Reihe "Zehn Gebote" von Frank Giroud, Champ de Mars Sud
  • "La Bande Dessinée Vietnamienne", zum vietnamesischen Comic, École Supérieure de l'Image
  • "Michel Plessix", zum Comic "Wind in den Weiden", Jugendbibliothek, Place Saint Martial, noch bis zum 28. Februar 2003
  • "Exposition Jeunes Talents", zu 30 noch nicht veröffentlichten Nachwuchszeichnern, Justizpalast, Place Louvel
  • "Exposition Futuro Anteriore", zu 86 Comicseiten aus Neapel, Fremdenverkehrsbüro, Place des Halles
  • "Courant d'Art", zu Arbeiten junger Fans, Galerie Courant d'Art
  • "Choco Creed", zu jugendlichen Werken, Rathaus, Saal Hugo Pratt
  • "Fantôme des coins de Hanoï", zum Vietnam-Notizbuch von Gérald Gorridge, 15 rue des Trois-Notre-Dame, noch bis zum 8. Februar 2003
  • "Le Village Sanzot", zum Atelier Sanzot, Place Saint-Martial
  • "Dessins pour le Climat", zur Arbeit von Greenpeace, Hôtel Mercure
  • "Amour et Humour" u.a., zu Comic und Ökumene, Kathedrale St. Peter
  • "Dessine moi un conte" u.a., zum christlichen Comic und zum Frieden, Kirche St. Martial
  • "L'Ésoterisme dans la BD" u.a., zur Esoterik im Comic, reformierte Kirche, rue de Bélat
  • "Pour faire de beaux vieux, faites du sport", zum Sport, Bar le Nil
  • "Les auteurs d'en bas", von der Association les dauphins de la BD, 24 rue saint Roch, noch bis zum 8. Februar 2003
  • "Les jeunes et le travail", von der École Supérieure de l'Image und der Gewerkschaftszeitung, Papiermuseum
  • "Exposition Bruno Bourdet", 24 rue de la Cloche Verte, Kunsthaus
  • "Exposition Cyril Doisneau", zu einem preisgekrönten jungen Talent, 16 rue des Trois-Notre-Dame
  • "Processus", zur Arbeitsweise verschiedener Autoren, Maison des Auteurs, noch bis zum 15. Februar 2003
  • "L'aventure americaine", zur Eroberung Nordamerikas durch den Comic, Maison des Auteurs, noch bis zum 15. Februar 2003
  • "Dany: sa vie, son œuvre", zum Lebenswerk des Zeichners, 82 rue de Paris
  • "Soirées caricatures", von den Autoren des l'Oeuf, 82 rue de Paris

Ausstellungskoffer

Freitag, 24. Januar

Von außen sah das Stadttheater aus, als hätte man alle Öffnungen des Hauses zugemauert, damit kein Unbefugter eindringen kann. Tatsächlich gehörte diese lichtdichte Abgeschlossenheit eines "Zauberkastens" zum Ausstellungskonzept von Benoît Peeters und François Schuiten, die dem Ausstellungsgänger ein besonderes "Theater der Bilder" anbieten wollten. Dieser Überschrift folgend versuchte man einen Brückenschlag zwischen Comicausstellung und einer Ausstellung Bildender Kunst, nannte es Installation und holte drei Mitwirkende ins belgische Comicboot. Unterm Dach stellte Frémok (vormals Fréon und Amok) Neuartiges aus, im Untergeschoss zeigte Claude Renard Arbeiten zu Galileo Galilei, einige Animationskönner belegten die Etage an der Bar, und im Eingangsbereich und in den Sälen des Theaters hatten sich die beiden Hauptpersonen mit ihren eigenartigen und geheimnisvollen Stadt-Welten selbst installiert. Sie wollten nicht Retrospektive sondern Prospektive, erklärte Benoît Peeters, Vorausschau auf mögliche neue Wege des Comic und nicht Rückschau auf “gute alte Comictage” und Verharren in “seiner eigenen kleinen Blase”. Comic habe sich heute zweier Phänomene zu stellen: zum einen sei dies die Globalisierung im positiv verstandenen Sinne – also der weltweite Gedankenaustausch der Comicautoren untereinander – und zum anderen, dass Comic nur eine Form unter vielen anderen Formen des Erzählens mit Bildern sei. Es bestehe die außergewöhnliche Chance, im Dialog mit anderen Medien eine neue “Sprache” zu erfinden.

Auf dem Weg in ein solches Multimediagemenge fühlte man sich bereits in der Korea-Ausstellung, in der am Ende gezeigt wurde, wie der “Comic” für das Handy-Farbdisplay aussieht. In Korea leben einige Comiczeichner schon vom Anfertigen dieser kurzen, animierten Bildfolgen, die sich der Kunde auf sein Handy lädt. Da schlagen die Comic-Puristen die Hände über dem Kopf zusammen, gilt beim wahren Comic doch, dass der Leser selbst über die Lesegeschwindindigkeit bestimmt und nicht sein Handy.

Nebelfiguren

Als wechselten Figuren wie im Traum vom Hier zum Dort, Schuiten und Peeters schufen durch Licht, Schleier und blasse Puppen unwirkliche Bilder im Raum, die sie mit Klängen hinterlegten, die denen von Erlangen 2002 ähnelten.

Die Ausstellungsmacher zeigen sich als große Experimentierende, die in der Grauzone zwischen Comic und Film nach Gold suchen. Jenes Publikum, das den Weg und die Arbeit der beiden kennt, ist davon und von der Ausstellung kaum überrascht worden. Neuartiges vermisste man. Statt womöglich durch einen haushohen Schuiten-Comic zu laufen, fand man sich in einem Haus mit vier einzelnen Ausstellungen wieder. Und wohl als Zugeständnis zu den vermeintlichen Publikumserwartungen, wurden im unteren Theatersaal Comicoriginale ins Rund gestellt, begleitet von einem Film mit dem gewissen Zuviel an Selbstverliebtheit.

Auch wenn die “Installation” als Ganzes nicht so recht funktionierte, so lohnte jedoch die Ausstellung von Frémok mit ihren eigenwilligen Comicpräsentierhängetischen und die Arbeit von Claude Renard das Kommen. Claude Renard, ein Lehrer von François Schuiten, mit dem er "Die Medianen von Zymbiola" und "Das Gleis" erarbeitete, Frühwerke Schuitens, hat sich – auch in Buchform – der Person und der Zeit Galileo Galileis ("Und sie dreht sich doch!") zugewandt. Und so drehte sich dann in Renards Ausstellung so manches, auf Kreisbahnen bewegten sich selbstgefertigte Objekte, Zeiger kreisten auf seltsamen Maschinen, kreisartige Figuren waren aus glatten Steinoberflächen herausgeätzt. Im angrenzenden Kellergewölbe hingen Bilder, darunter eine Bilderfolge, die das langsame Verschwinden Galileis zeigte. Mit Comic hatte das zwar nur wenig zu tun, aber es gab reichlich zu denken und zu sehen, was man in dieser Form in Angoulême nicht erwartet hätte.

Bob Beerbohm

Überhaupt nicht druckfrisch und dennoch ganzer Stolz des Forschers Bob Beerbohm sind die Ausgaben von "Brother Jonathan" aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit denen belegt wird, dass es weit vor dem Auftauchen des Yellow Kid bereits gedruckten Comic in Nordamerika gab.

Aus vielen Ländern kommend trafen auch dieses Jahr Comic-Historiker anlässlich des Festivals im Comiczentrum (CNBDI) zusammen. Einige hatten alte Comics und neues Wissen aus ihren Ländern mitgebracht, um sie der Fachgemeinde vorzustellen. Die Form des Austausches verlief jedoch überwiegend atemlos und vom Zufall bestimmt. Lediglich beim gemeinsamen Essen kam das aufgeregte Durcheinander etwas zur Ruhe. Ein freundliches Nacheinander wäre fruchtbarer.

Art Spiegelman / Neil Gaiman

Art Spiegelman (links) ist durch "RAW", "Maus" und "Little Lit" überall bekannt, Neil Gaiman (rechts) konnte durch "Sandman" erfolgreich eine neue Art Erwachsenencomic begründen

Um weiter herauszustreichen, dass man es alljährlich in Angoulême mit einem internationalen Comic-Festival zu tun habe, überschrieb man eine Reihe von Podiumsveranstaltungen mit “Internationale Begegnungen” und lud dazu u.a. Art Spiegelman, Neil Gaiman, Jirô Taniguchi, José Muñoz, François Schuiten, Dave McKean, Todd McFarlane, Miguelanxo Prado und Katsuhiro Otomo ein, also eine erste Riege an Comic-Künstlern, wie man sie nirgendwo sonst innerhalb von drei Tagen sehen und hören kann. Der Andrang auf einen Sitzplatz im großen Kinosaal des Espace Franquin war dann auch enorm. Im Podiumsgespräch schafften es die Zeichner und Szenaristen, vieles von ihrer Arbeit und einiges aus ihrem Leben einem sehr interessierten Publikum anschaulich vorzustellen, welches jeweils im Anschluss Gelegenheit bekam, auch eigene Fragen zu stellen. Dabei blieb nicht aus, dass einige langredende Selbstdarsteller dann auch einmal sanft von ihrem Mikrophon getrennt werden mussten. Mit einer per Funk betriebenen Simultan-Dolmetschanlage konnte man den Gesprächen meist mühelos folgen, wenn man selbst und auch die Dolmetscherin genug Französisch konnte, was bei Japanisch wohl ein Problem war.

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