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McKean leicht übergewichtig

von Röni Wurth

„Un c'est Anglais, deux c'est Francais, trois c'est Espagnol.“ Mit diesen Worten bekomme ich einen Übersetzungskopfhörer in die Hand gedrückt, dann schiebt mich die Menge durch den Eingang zum Salle Buñuel. Drinnen fallen 320 rotsamtene Klappsitze zur Bühne hin ab, wo bereits vier Männer auf vier Stühlen sitzen. Einer von ihnen ist Dave McKean, wegen dem ein Großteil des Publikums jetzt hierher gekommen ist. Allgemeines Aufsetzen der Ohrbügel, dann kann es losgehen.

Bei der Veranstaltung, die jetzt, Samstag, 14 Uhr, hier im Keller der Espace Franquin stattfindet, handelt es sich um eine der „rencontres internationales“, die erst seit 2003 zum Festivalprogramm gehören. Dazu werden jeweils ein oder zwei Comic-Macher eingeladen, um in Gesprächen mit jungen Comic-Kritikern und dem Publikum ihre Arbeit vorzustellen. 2004 kamen die Gäste zwar nicht aus aller Welt, immerhin aber von drei Kontinenten.

Die Welt von Dave McKean, in die man bei der Retrospektive „Narcolepsy“ schon einen Blick werfen konnte, präsentiert der Künstler nun selbst, in Form einer Slideshow mit Ausschnitten aus seinen wichtigsten – oder ihm liebsten – Arbeiten. Immer wieder betont er, dass er großen Spaß an seiner Arbeit habe, und man glaubt es ihm aufs Wort. Den Blick ins Nähkästchen schließt er ab mit seinem aktuellen Projekt, dem Film „Mirror Masks“, an dem er mit dem Autor Neil Gaiman für Jim Henson Pictures arbeitet. Es ist – trotz langjähriger künstlerischer Zusammenarbeit – das erste Mal, dass er und Gaiman gemeinsam an einen Drehbuch schreiben, und es seien dabei, so McKean, zwei ganz verschiedene Arbeitsmethoden aufeinandergestoßen. Während Dave McKean gerne alles ganz genau plane, stelle Neil Gaiman „einfach ein paar Leute auf die Bühne und lässt sie herumlaufen.“ Schmunzelnd fügte er hinzu „You think you know somebody...“

Erst nach einer Stunde richtete sich die Aufmerksamkeit der beiden Moderatoren, und damit auch die des Publikums, auf den vierten Mann auf der Bühne. Der, ein großgewachsener, ruhiger Typ, hatte sich bisher nur durch ein paar Bemerkungen an der McKean-zentrierten Diskussion beteiligt. So mancher kramte noch einmal sein Eintrittsticket heraus, um den Namen des jungen Mannes zu erfahren, an den nun, um 15 Uhr, die erste Frage gerichtet wurde. Schade, denn eine weniger einseitiges „rencontre“ zwischen dem Belgier Thierry van Hasselt und Dave McKean wäre wohl ergiebiger gewesen. Schließlich haben die beiden doch viele interessante Berührungspunkte, die sich dem Zuhörer hier leider nur mangelhaft erschlossen.

Beide mussten sich in ihrem Comic-Schaffen erst mit der Tradition herumschlagen: Dave McKean zuerst in England, wo die Kombination Text-Bild immer noch für Kinderbücher reserviert ist, dann in Amerika, wo er seine Arbeit in einer an Superhelden orientierten Branche begann. Thierry van Hasselt dagegen brach mit den eingefahrenen Strukturen der großen belgischen Comictradition, mit ihren klaren Zeichnungen und dem linearen Storyverlauf, um zu einem malerischeren, mehr mit den Einzelbildern und ihrem Arrangement experimentierenden Ansatz zu finden. Sowohl McKean als auch van Hasselt nennen die Arbeiten von Lorenzo Mattotti einen wichtigen Einfluss.

Beide nutzen mit Vorliebe andere Gestaltungsmöglichkeiten als Tinte: McKean betont, dass jedes Material, ob Kreide, Holz, Fotografie oder anderes, eine eigene Qualität habe. Außerdem mache er sich immer noch gern die Hände schmutzig, um nicht den ganzen Tag hinter dem Computer zu sitzen. Welches Material er benutze, sei abhängig von der Story. Van Hasselt geht sogar noch weiter und behauptet, am Anfang stehe das Material, und erst daraus entstünde die Idee.

Beide arbeiten auch in und mit anderen Medien: Filme und Musik bei Dave McKean, der das Lernen und die Herausforderung liebt und allen Neuanfängern den Rat gibt: „Hate walls between jobs.“ Thierry van Hasselt dagegen hat bereits an einer Ballettproduktion teilgenommen und das „Buch zum Ballett“ gemalt, um „aus dem üblichen Rahmen auszubrechen“.

Während McKean allerdings seine Arbeiten um einen Plan, ein Grundgerüst, herum errichtet, geht van Hasselt intuitiver vor. Wenn er arbeite, versuche er, in jedem Kapitel den Dingen einen neuen Dreh zu verpassen, zu dekonstruieren was er aufgebaut hat, wie ein Kartenhaus, das zusammenfällt.

Es hätte also durchaus eine interessante Diskussion zwischen den beiden Künstlern werden können auf der Bühne des Salle Buñuel, wenn nicht beide Moderatoren sich derart auf Dave McKean konzentriert hätten. Und auch dabei unterliefen ihnen Schnitzer: Kurz vor Ende, nachdem seine Arbeiten schon ausführlich diskutiert worden waren, wurde der erstaunte McKean gefragt, ob er sich vorstellen könne, auch mit anderen Materialien als Tinte und Papier zu arbeiten. Nach einigen Publikumsfragen war dann Schluss und der Saal leerte sich. Von der Veranstaltung nahm ich einen merkwürdigen Nachgeschmack mit: Obwohl auch ich, wie die meisten, wegen McKean gekommen waren, hätte ich gern mehr von Thierry van Hasselt gehört.

Was für ein Glück, ihn wenig später in der Pressebar zu treffen! Assistiert von einem französischen Bekannten, der mehr Englisch spricht als er und mehr Französisch als ich, konnte ich noch ein paar Minuten mit ihm sprechen. Van Hasselt betonte nochmals, wie wichtig ihm das Zusammenspiel von Sinn und sinnlicher Wahrnehmung, von Form und Inhalt ist, erzählte von seinen Anstrengungen, sich vom klassischen belgischen Comic zu lösen - weg von der Sequenz und darüber hinaus. Obwohl die „neue“ Art frankobelgischer Comics, wie sie van Hasselt und seine Kollegen von Frémok vertreten, nun auch schon eine langjährige Tradition hat, gelten sie als Underground. Er wisse, sagte van Hasselt, dass es eine „schwierige Sorte Comics“ sei, schwierig zu erklären in ihrer Dekonstruktion der Narration und ihrer Intuitivität. Auch deshalb sei es ihm schwergefallen, sich vorhin auf der Bühne Aufmerksamkeit zu verschaffen – er sei einfach schüchtern. Trotzdem gefalle es ihm gut beim Comic-Festival.

Auch Dave McKean zeigte sich begeistert. Auf eine der letzten Publikumsfragen antwortete er: „Being here fires me for the next year... doing comics to match...“

Dave McKean

Dave McKean fühlt sich...

Dave McKean

... durch das Comic-Festival Angoulême ...

Dave McKean

... angefeuert.

Cages 1

Cages 5

"Cages", Bände 1 und 5, Carlsen 1997/98

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