|
Mein erstes Mal, und wie ich es meiner Mutter erklärte. Von Röni Wurth
Vorher ist man aufgeregt, hinterher ist man immer schlauer und wenn man es noch nicht getan hat, kann man eh nicht mitreden: Die erste Fahrt nach Angoulême.
Natürlich rief eine Viertelstunde vor Abfahrt noch meine Mutter an. Sie hatte immer noch nicht ganz verstanden, was ich in Frankreich wollte. Ich versuchte zu erklären und gleichzeitig den Koffer fertig zu packen. Nein, Mama, kein Workshop, ein Festival. Das größte in Europa. 200.000 Leute. (Socken) Ausstellungen und Messestände und berühmte Leute. Überall in der Stadt. Nein, ich glaube nicht, dass Hansrudi Wäscher kommt. (Diktiergerät, Akkus) In Cognac, Mama, in Angoulême waren die Hotels ausgebucht. (Schal) Weiß nicht, ich will's mir einfach mal anschauen. (Regenschirm) Ja, Mama. Tschüs. Ja. Ich ruf an. Tschüs.
In Frankreich vergaß ich natürlich, meine Mutter anzurufen. Nach 14stündiger Nachtfahrt landeten wir kurz nach Festivaleröffnung am Comiczentrum CNBDI und nahmen den noch leeren Shuttlebus in die Altstadt. Bis zum Abend hatte ich mich zweimal in den kleinen Gäßchen verlaufen, einen Polizisten nach dem Weg gefragt, den vergeblichen Versuch unternommen, alle Comics an allen Ständen im großen Messezelt "Bulle Champ de Mars Nord" anzuschauen, viel Englisch und weniger Französisch gesprochen, wichtigen Leuten die Hand geschüttelt und erst später erfahren, was für wichtige Leute sie waren, einen Kaffee im "Pro-Tent" getrunken, wo Autoren und Verleger um Rechte schachern, und ich war eine Menge gelaufen. Ziemlich erschlagen von all den Eindrücken fiel ich ins Bett. Mir wurde klar, dass ich es einfach nicht schaffen würde, alles zu sehen.
Also versuchte ich, die Sache methodischer anzugehen. Ein Zeitplan mußte her. Einen ganzen Vormittag verbrachte ich im CNBDI, in der großen Dauerausstellung der "Musées Imaginaires" und der kleinen, aber feinen Ausstellung von Werken des Festivalpräsidenten Regis Loisel, wo sich Erwachsene und Halbwüchsige vor den Zeichnungen drängten - die einen, um die Jahreszahlen zu entziffern, die anderen, um über nackte Comicbrüste zu kichern. Dann: fernsehübertragene Szenaristendebatte im Forum Leclerc, Dave-McKean-Ausstellung, Jim Lee auf der Bühne, Besuch im Büro von www.coconino-world.com und neidisches Bestaunen der staatlich gesponserten Computertechnik, Pizzeria, Bière Grolandais, Bett.
Am Samstag hielt ich mich zunächst an die "Rencontres internationales " im Salle Bunuel, dem Theater im Keller der Espace Franquin, bestaunte Chris Ware und Seth und lauschte einer etwas einseitigen Podiumsdiskussion mit Thierry van Hasselt und Dave McKean. Dann trieb mich das viele Koffein aus der Pressebar wieder auf die Strasse: schnell noch zweites Messezelt abgrasen, schnell noch zum Off-Festival Underboom, schnell noch zum Atelier Sanzot, langes Warten vor dem Rathaus auf die recht unspektakuläre Bekanntgabe des nächsten Festivalpräsidenten (O-Ton Loisel: "Alors... c'est Zep."), Pizzeria, Bett.
Natürlich rief, kaum war ich wieder zu Hause, meine Mutter an. Wie es gewesen sei. Tja, sagte ich, viel los. Nein, Hansrudi Wäscher war wirklich nicht da. Doch, war nett. Schwer zu erklären. Man muß einfach mal dagewesen sein.
|
Warten auf den Shuttlebus
|