Samstag, 24. Januar
Der Samstag des Festivals ist der Tag des Gedrängels, an dem man auf den Straßen, in den Messezelten und in vielen Ausstellungen nur im Schneckentempo vorankommt. Sogar bei der "Rahan"-Ausstellung stehen lange Schlangen von Wartenden vor dem Eingang, obwohl ein solches Thema doch eigentlich nur 50- bis 60-jährige oder alte Geschichtslehrer interessieren dürfte. Haben die Jugendlichen, die hier grüppchenweise anstehen, etwa die freche Absicht, sich über Vaters steinzeitliche Dschungelcomics schlappzulachen? Vielleicht lauert auch irgendwo der Klassenlehrer, der seine Schüler durch alle Ausstellungen scheucht, weil deren Besuch ja schließlich im Preis für die Festivaltickets inbegriffen ist. Übrigens waren die Schlangen vor den Kassenhäuschen, an denen man seine Tickets kaufen konnte, dieses Jahr erfreulich viel kürzer als letztes Jahr. Nicht etwa, weil 2004 weniger Festivalbesucher gekommen sind (es waren sogar einige Tausend mehr als 2003), sondern weil viel mehr Karten im Vorverkauf weggingen und weil man die Vorliebe der Leute besser in den Griff bekommen hat, möglichst alles per ec-Karte zu bezahlen. Ein amerikanischer Besucher versuchte an einem Brötchenstand sogar für ein halbes Baguette mit Karte zu bezahlen. In einem Comicladen benötigte die Dame an der Kasse pro Kartenzahlung etwa eine Minute. Bei einer Warteschlangenlänge von dreißig Personen, geht man da besser zum nächsten Laden, wenn man ein eher ungeduldiger Mensch ist.

Sogar die Mülltonne trägt die Sträflingskleidung der Gebrüder Dalton ("Lucky Luke") und hat ihre besondere Aufgabe bei dieser schlitzohrig-improvisierten Straßenmusik.
Man hört und liest, dass sich Régis Loisel in seiner Funktion als Festivalpräsident nicht gerade ein Bein ausgerissen habe. Bei der Eröffnungsveranstaltung glänzte er durch Abwesenheit. Letztlich sei es ein Blödsinn, Festivalpräsident zu sein, gab er der Presse bekannt. Die Charente Libre klebte Loisel die Marke eines dilettierenden Präsidenten auf ("un président en dilettante"). Offenbar hatte Loisel wenig Lust, drei Tage lang im Laufschritt von Termin zu Termin zu hetzen. Zum Ende seiner Amtszeit kritisierte er die Auswahl der Comics, die für die Prix Angoulême 2004 nominiert wurden. Sie seien zu elitär und stellten für den gelegentlichen Comicleser keine Empfehlung dar. Er versetze sich in jemanden, der womöglich seit geraumer Zeit keine Comics gekauft habe, wieder einen Anlauf nehmen wolle und nun von den in Angoulême mit Preisen versehenen Comics höre. Wird er in diese solcherart empfohlenen Comics hineinschauen, gibt er seine Absicht wohl enttäuscht wieder auf, vermutet Loisel. Autobiografische oder soziale Geschichten erwarte die große Öffentlichkeit nicht. Es interessiere sie nicht, darüber zu lesen, wer mit wem wie gut schlafe oder nicht.
Den Preisträger Manu Larcenet oder den mit dem Preis der besten Serie versehenen Mangatitel "20th century boys" habe Loisel vorher gar nicht gekannt. Viele Comiczeichner, die er verehrt und für preiswürdig hält, seien demgegenüber gar nicht erst nominiert worden. Régis Loisel ließ die Verantwortlichen seinen Unmut spüren. Doch dass Preise nicht nur von Leuten gewonnen werden können, die Loisel kennt oder verehrt, müsste er schon wissen, dass Preise nicht immer passend zum Geschmack des Festivalpräsidenten oder des breiten Publikums verliehen werden, auch. Sinn dieser Preise ist ja nicht, zu wiederholen, was man schon weiß, nämlich dass ein bestimmter Titel sich sehr gut verkauft oder ungemein beliebt ist. Sinn macht vielmehr, Comics hervorzufischen, über deren Besonderheit, Bedeutung, andersartige Schönheit oder Neuartigkeit man sich einmal ein Bild machen sollte. René Goscinny sagte einmal, dass er den Lesern vorangehen möchte, nicht hinter ihnen herlaufen. Das trifft die Sache. Diejenigen, die zu der von Loisel angepeilten Gruppe der Neu- oder Wiedereinsteiger gehören, mögen sich an Verkaufscharts oder viel besser im nächstgelegenen Comicladen mit fachkundiger Beratung orientieren.

Vor dem Rathaus war die Menschenansammlung im Unterschied zum Vorjahr nicht mehr der Gefahr ausgesetzt, unter die Räder der vorbeifahrenden Autos gedrängt zu werden. Für die Bekanntgabe des neuen Grand Prix-Gewinners wurde diesmal die Straße gesperrt. Spannend war es leider auch sonst kaum. Alle wussten bereits seit dem Mittag, dass Zep ("Titeuf") das Zepter für 2005 schwingen darf. Es wäre schön gewesen, hätte man Zep auf dem Rathausbalkon zujubeln können. Aber der war nichtsahnend am frühen Morgen bereits nach Hause in die Schweiz gefahren, um den Geburtstag des älteren seiner beiden Söhne zu feiern.
Vor dem Rathaus warten Filmteams und Fans gespannt auf interessante Bilder.
Zep (d.i. Philippe Chappuis) wurde am 15. Dezember 1967 in Genf geboren. Seinen Künstlernamen soll er als Hommage an die Rockgruppe Led Zeppelin ("Whole lotta love", 1969) gewählt haben. Bereits mit zwölf Jahren gab er ein eigenes Comicmagazin mit dem Titel "Zep" heraus. Nach dem Besuch einer Kunstschule (École des arts décoratifs, Genf) konnte er ab 1985 im belgischen Comicmagazin Spirou erste Arbeiten veröffentlichen. Seinen großen Durchbruch erzielte er 1992, als er durch den Verlag Glénat seine Serie "Titeuf" auf den Weg brachte, erst mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren, doch sehr bald haben neue Alben gleich Auflagen von mehreren hunderttausend Comics. Die Sud Ouest meint, er habe mittlerweile zehn Millionen "Titeuf"-Alben verkauft, die Charente Libre spricht von fünf Millionen Alben. Jedenfalls sind es offenbar sehr viele.
Mit der Comicfigur Titeuf greift Zep für Kinder und Jugendliche vornehmlich Themen aus den Bereichen Liebe, Sex, Schule und Eltern auf. Die stets mit einer Pointe versehenen einseitigen Comics, aus denen sich die Alben zusammensetzen, sind für den erwachsenen Leser eher ungeeignet. Zu dümmlich-peinlich geraten "den Großen" manche der einfachen Witze, über die Kinder offenbar gerne lachen mögen. In Deutsch erscheinen die "Titeuf"-Alben bei Carlsen Comics. Mit den im Original belustigenden Sprechwitz hat man bei der Übertragung in unsere Sprache selbstredend Schwierigkeiten. Mit dem Titel des siebten Albums "Fass mich an die Füße!" mag ein Versuch unternommen worden sein, der zwar nicht in Norddeutschland ("Klei mi an de feut!") aber sicherlich weiter im Süden eine empörte Reaktion unter dem Motto "Rettet dem Dativ!" ausgelöst haben dürfte. Dieses siebte deutsche Album ist im Original übrigens das achte, weil man bei Carlsen Comics das allererste Titeuf-Album von 1992 wegen seiner freizügigen Art lieber erst einmal ausgelassen hat. Das in Französisch bald nach Drucklegung gleich eine halbe Million Mal verkaufte "Große Piephahnlexikon" brachte Carlsen im Jahr 2002 in unsere Buchläden. Es stellt im Kreis der herkömmlichen Aufklärungsbüchern eine sympathische, kindgemäße Variante dar.
Zep wurde von der Entscheidung der Jury offenbar überrascht. "Das kommt völlig unerwartet. Zwar hoffte ich, eines Tages zum Kreis der Grand Prix-Gewinner zu gehören, aber erst im hohen Alter", sagte er RTL-Reportern, die ihn zwischen zwei Zügen während der Heimreise abpassen konnten.
|