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Angoulême 2004
Haddock und Tintin

Plastifiziert: Kapitän Haddock und Tim sind auf jedem Comic-Festival in irgendeiner Form anwesend, hier sogar so groß wie im richtigen Leben.

Notizen

Bei der Wahl zum diesjährigen Grand Prix-Gewinner habe man in der Jury lange zögernd hin- und herüberlegt, berichtet die Sud Ouest. Gegen 12 Uhr 15 hätte noch Joann Sfar mit seiner Katze und dem Rabbiner vorne gelegen, um 12 Uhr 22 dachte man intensiv an Lorenzo Mattotti, aber um 12 Uhr 30 verkündete Loisel der wartenden Presse kurz und knapp die Entscheidung der Jury: "C'est Zep!"

Das Phänomen, dass immer mehr Comics als Vorlagen für Filme genommen werden (aktuell "Blueberry" mit Vincent Cassel oder "Lucky Luke" mit Til Schweiger), führte auch in Angoulême zu öffentlich ausgetragenen Gesprächen über die (Hinter-) Gründe. Chris Claremont, der für "X-Men" schrieb, führt das auf die Weiterentwicklung der Tricktechnik zurück, die es erlaube, der Comicerzählung 1 : 1 zu folgen. Jetzt kann Spider-Man so durch einen Film fliegen, dass es gar nicht mehr nach Tricktechnik aussieht.

1977 war den Erinnerungen vom damaligen Festivaldirektor Francis Groux zufolge ein Schicksalsjahr für die Geschichte es Angoulêmer Festivals. Vieles steckte noch in den Kinderschuhen und verlief unheilvoll. So konnte man aufatmen, als es endlich gelang, den damals 70-jährigen Hergé zur Anreise zu bewegen, der damit das Festival rettete. "Ohne Hergés Kommen hätte das Festival nicht bis heute überlebt", versichert Groux.

Herg&eacutee;-Denkmal

Hergé-Denkmal in der Rue Hergé in Angoulême

Hergé besuchte das Angoulêmer Festival 1977, als es zum vierten Mal stattfand. Der berühmte Zeichner hatte zur Bedingung für sein Kommen gemacht, dass er nichts signieren müsse und dass er nicht mit anderen Comiczeichnern konfrontiert werde. Doch die Festivalleitung fand es spannend, Hergé mit Wolinski zusammenzubringen, der sich in Charlie Hebdo für eine andere Zielgruppe und für eine andere Art Comic einsetzte als Hergé. Wolinski konnte sich dann auch nicht verkneifen, Hergé mit der Bemerkung anzusprechen "Sie sind der Lieblingszeichner..." – hier machte er eine kurze, rhetorische Pause – "... meiner Tochter." Nach einer abermaligen Pause stichelte er dann weiter: "Sie ist drei Jahre alt."

Die bisher in Angoulême verliehenen "Alph-Art" sollten einen neuen Namen bekommen. Namensgeber für den renommierten Preis war der Titel des letzten, unveröffentlichten Albums, an dem Hergé gearbeitet hatte ("Tim und die Alpha-Kunst"). Doch der Name sei zu schwierig auszusprechen und zu schreiben gewesen!? Also suchte man nach Ideen für einen neuen Namen, der ab diesem Jahr benutzt werden sollte. Gefunden hat man aber offenbar keinen. Also spricht man erst einmal von den Prix Angoulême und will sich vielleicht auch gar nichts anderes mehr einfallen lassen.

Etwas giftig gehen das Angoulêmer Comic-Festival (FIBD) und die Konkurrenz in Gestalt des Pariser Comic-Salons miteinander um. Yves Poinot, Präsident des FIBD, antwortete auf eine spitze Bemerkung von Bertrand Morisset, Direktor der Pariser Veranstaltung, mit der Feststellung: "Einigen schmerzt es zuzugeben, dass das Angoulêmer Festival der Kopf des Comic-Netzwerks in Frankreich und Europa geworden ist."

 

Sonntag, 25. Januar

Am frühen Sonntagmorgen wirkt die Oberstadt von Angoulême grau und verschlafen, es ist ganz still am Place Palet, wo gestern noch die öffentlichen Exekutionen durch den Präsidenten Grolands, Christophe Salengro, vorgenommen wurden. Etwas, das nach Blut oder dünnem Tomatenpüree aussieht, klebt immer noch auf dem Straßenpflaster an der Stätte dieser symbolischen Hinrichtungen. Nicht nur die Staatskapelle des Fernsehlandes rockte hier gestern mit Hingabe, für die zumeist jugendlichen Zuschauer traten danach weitere, schwermetallische Bands auf, die dem Comicereignis ein Musikereignis zur Seite stellten. Das eine für die Augen, das andere für die Ohren, aus dem Bauch heraus und mit Begeisterung inszeniert, dass das Publikum mitsingend abtanzen konnte.

Seit 800 Jahren befindet sich Groland in den Händen der Dynastie Salengro. Dem Präsidenten ist der Comic in seinem Land nicht unwichtig, brachte er zum Festival doch Fayo mit, den berühmtesten groländischen Comiczeichner. (Fayo ist übrigens ein Neffe des Präsidenten, aber das ist rein zufällig.) Im Angoulêmer Haus der Städtepartnerschaften, gleich gegenüber vom Place Palet, wurden dessen bedeutendste, innovative Comics ausgestellt. Im Stil eines Hofberichterstatters betont Fayo in seinen Zeichnungen, die er übrigens mit Luc Weissmuller signiert, die Segelartigkeit der Ohren des Präsidenten und seiner Familie, das Ohr gleichsam als Aushängeschild für einen Potentaten, der nicht müde wird, seinen Wahlspruch zu wiederholen: "Ich werde für euch sterben!"

Groland rockt

Salengro rockt: Der Präsident der groländischen Präsidentatur (mit hochgerecktem Arm in der linken Bildmitte) grölt unter dem begeisterten Jubel seiner selbsternannten Untertanen die groländische Nationalhymne mit.

:-)

210.000 zahlende Gäste konnte das Festival 2004 bis zum Mittag anlocken, gab das FIBD am Nachmittag bekannt, was im Vergleich zum Vorjahr (insgesamt 208.000 Besucher) nicht nur eine nochmalige Steigerung bedeutet, sondern auch eine kleine Überraschung, denn im Jubiläumsjahr 2003 zeigte man ein vielfältigeres Programm und hatte mit dem belgischen Kronprinzenpaar und dem Festivalpräsidenten François Schuiten wahre Publikumsmagneten am Start. Ob der Rummel um die Fernsehkunstwelt Groland für ein Comic-Festival tatsächlich so viel Wirkung entfaltet, dass man deswegen 2003 nochmals toppen konnte? Der Festivaldirektor Jean-Marc Thévenet ist davon überzeugt und setzt auch in Zukunft auf diese Art Medienmix.

950 Comiczeichner und -texter seien 2004 zum Festival gekommen, 880 Journalisten seien akkreditiert gewesen, mehrere tausend Mitarbeiter von Verlagen und andere Comic-Professionelle hätten sich angemeldet. Von den Ausstellungen sei diejenige zu Régis Loisel am besten besucht gewesen, dicht gefolgt von derjenigen im Atelier Sanzot. Der Comicladen im Comiczentrum CNBDI hätte pro Stunde für 15.000 Francs Comics verkauft, freute sich André-Marc Delocque-Fourcaud, der Direktor des Comicmuseums, dem ein gnädiger Geist einmal mitteilen könnte, dass auch in Angoulême seit zwei Jahren mit dem Euro bezahlt wird. Jetzt bleiben wir nämlich auf der Frage sitzen, ob er neue oder alte Francs gemeint hat. :)

Klarer sind die Angaben, die von den Verlagen aus den Messezelten kommen: Dargaud legte im Verkauf um zwanzig Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, setzte von den mit Preisen versehenen Alben "Le combat ordinaire" von Manu Larcenet und "Blacksad" von Juanjo Guarnido/Juan Díaz Canales gleich 300 bzw. 500 Stück ab. Bei Glénat/Vents d'Ouest zeigte man verhaltenere Stimmung. L'Echo des Savanes sprach davon, dass man zwar weniger Publikum am Stand gehabt hätte, aber noch nie so gut habe verkaufen können. Yves Poinot, Präsident des FIBD, erklärte, warum man das Gedrängel in den Zelten etwas habe mildern können, damit, dass man die Festivalfläche bis zum Place Palet ausgedehnt habe. Dieses Jahr seien sechs Mal so viele Tickets im Vorverkauf weggegangen als 2003, weswegen die Warteschlangen an den Ticketbuden kürzer gewesen seien. Verstärkt worden sei dieser Effekt durch eine Vereinfachung in der Preisgestaltung.

Jean-Marc Thévenet freute sich über die Verjüngung des Publikums. Es kämen immer mehr 14- bis 18-jährige zum Festival und der Gewinn des Grand Prix durch Zep und "Titeuf" lasse auf eine Fortsetzung dieser Entwicklung hoffen. Für 2005 kündigte er zudem eine besondere Veranstaltung für Freunde des Erwachsenencomic an: Hugo Pratt ("Corto Maltese") werde aus Anlass seines zehnten Todestages besonders geehrt.

Forum Leclerc

Das Publikum setzt sich aus fast allen Altersgruppen zusammen, auch hier bei einer Diskussionsveranstaltung des Forum Leclerc.

Zur Durchführung des Angoulêmer Comic-Festivals benötigt man viel Personal. So mussten die 10.000 m² Messefläche mit den Ständen der 210 Aussteller an den Eingängen von 70 bis 80 Leuten bewacht werden. Für die zwischenzeitliche Reinigung sorgten ein Dutzend Putzkräfte. Um die dreißig Hostessen kümmerten sich um die Belange der eintreffenden Gäste, fünfzehn Fahrer kutschierten die Besucher durch die Stadt. Zwischen 60 und 80 Polizisten sorgten für den sicheren Ablauf, tags und nachts. Ungezählt blieben die vielen Mitarbeiter, die von den Verlagen zum reibungslosen Betrieb ihrer Messestände mitgebracht wurden. Zahlreiche helfende Hände brachten um die 200 Bildfahnen an Seilen über den Straßen der Stadt an. Die Stadt Angoulême steht finanziell und organisatorisch hinter dem Festival, stellt viel Personal dafür ab und engagiert sich für dessen weiteren Ausbau. Das nutzt dem Renomee, schafft Arbeit und spült der heimischen Wirtschaft Geld in die Kassen. Selbst wenn nicht jeder im Rathaus ein ausgesprochener Comicfreund sein mag, so wird er sich von solchen Argumenten und der fröhlichen Stimmung in der Stadt anstecken lassen. Das Festival läuft so, wie es schon bei Corto Maltese heißt: "Und immer ein Stück weiter".

:-)

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