Sonntag, 30. Januar
Man formulierte es seitens der Veranstalter recht vorsichtig durch eine Frage: "Was wäre, wenn der Steinzeitmensch den Comic erfunden hätte?" Im Leser einer solchen Frage entsteht dadurch ein Stück Eindruck, dass Höhlenmalerei also irgendwie Comic ist, obwohl das vor und nach der Frage unverändert fragwürdig ist und bleibt. Warum verzichtet man nicht auf diese Form des Aufplusterns und lässt die Kirche solange im Dorf, bis die Sache überzeugend genug wird? Mit Andeutungen über Höhlenmalereien als Comicvorläufer stehen die französischen Höhlenforscher, die im Theater Angoulêmes über neuere Entdeckungen berichteten, nicht alleine da. Auch Andreas C. Knigge lässt in seinem neuen Fachbuch "Alles über Comics" (hier mehr) die zierende Vokabel "Höhlenbilder" mitlaufen, ohne dass ausreichend belegt wird, warum diese Malereien Comic sein könnten. Für den an Comichistorie interessierten Leser wird die Wiederholung der immergleichen Beispiele wie das der Trajanssäule oder des Wandteppichs von Bayeux oder der ägyptischen und griechischen Ringkampfdarstellungen in Gräbern und auf Krateren berechtigterweise Anlass zum Spott, wenn ihm niemand erklären mag, was daran Comic sein soll.
Man entdeckte bei Höhlenmalereien in Frankreich, dass einige Figuren in verschiedenen Bewegungszuständen übereinander gezeichnet wurden, als hätte man eine Art steinzeitlichen Zeichentrickfilm anfertigen wollen.
In einiger Hinsicht haben die vortragenden Höhlenforscher in Angoulême etwas an Skepsis des kritischen Zuhörers ausräumen können. Verlangt man für einen Comic eine wiederkehrende Figur, dann gibt es unter den Höhlenbildern solche tatsächlich. Und noch verblüffender ist, dass in der Grotte de Lascaux in der Dordogne Figuren in offenbar verschiedenen Szenen übereinander gezeichnet wurden. Verlangt man für einen Comic ein (zeitliches oder räumliches) Nacheinander von Szenen, dann mag man hier nun ein Übereinander erkennen und überlegen, welchen Unterschied das macht.
Um zu belegen, dass es sich um ein und dieselbe Figur handelt (und hier im Bild nicht etwa um mehrere verschiedene Pferde, die hintereinander stehen), zeichnete man die Figuren ab und zeigte sie nacheinander wie bei einem Daumenkino an. Überrascht nimmt man wahr, dass auf diesem Wege ein einfacher Zeichentrickfilm entsteht, was wiederum die Auffassung nährt, der Maler habe eine einzelne Figur in verschiedenen Bewegungszuständen darstellen wollen. Ist das eine Erzählung? Ein weiterer Prüfstein für die Zuordnung dieser Szenenfolgen zum Comic wäre es, wenn man beim steinzeitlichen Maler erkennen könnte, dass er eine Geschichte erzählen möchte. Ob beispielsweise die Szenenfolge eines sich vorwärts bewegenden Raubtiers eine solche Geschichte birgt, bleibt uns jedoch ein Rätsel.
Die These, dass Künstler der Höhlenmalerei vor 30.000 Jahren die Technik des Zeichentrickfilms angewandt haben, wird von dem Höhlenforscher Marc Azéma im Wissenschaftsmagazin Science & Vie, Heft 2 (Februar 2005), S. 135ff, vertreten. Pedro Lima, Redakteur der Zeitschrift und Schreiber des zugehörigen Artikels, gab unterstützt durch zwei weitere Experten einen Einblick in das große Rätselraten der Höhlenforschung. Man erklärte, dass es keine Anzeichen dafür gebe, dass in jenen Höhlen des Öfteren viele Menschen zusammengekommen seien, was einen kultischen Gebrauch vermutlich ausschließe (obwohl genau das an vielen Stellen behauptet wird). Man neige eher zur Annahme, dass durch diese Zeichnungen ein Gebiet als zum jeweiligen Stamm gehörig markiert wurde. In diesem Sinne wären die Bilder als mächtige Zeichen für die prähistorische Gebietsaufteilung zu lesen, womöglich auch zum Schutz des Stammesgebietes. Durch die dargestellte Bewegung der Figuren hätte man folglich besonders lebendige Zeichen geschaffen.

Es fühlt sich so an, als seien in diesem Jahr 210.000 zahlende Besucher zum Comic-Festival gekommen. Diese Zahl wurde bereits vor dem Festival von FIBD veröffentlicht. Die Lokalpresse brachte zu dem Thema dieses Mal nichts, lediglich die Manga-Website webotaku.com meldete in ihrer Bilanz nach dem Festival genau diese Zahl. Was den Umsatz in den Messezelten angeht, scheint man bei den Verlagen zufrieden. Von Glénat hörte man, dass der Umsatz bei € 150.000 gelegen habe. Mit einer Standfläche von 650 m² gehört dieser Verlag zu den Riesen im Messegeschäft.
Mit 7 Millionen verkaufter Comicalben hält der belgische Verlag Dupuis laut eigener Aussage 14 bis 15 Prozent des frankobelgischen Comic-Marktes, wie die Tageszeitung Sud Ouest Ende Januar von einem Treffen des Verlags mit dem FIBD berichtete. Dimitri Kennes, der neue Generaldirektor von Dupuis, und Claude Gendrot, Verlagschef des belgischen Hauses, reisten nach Angoulême, um vor Ort Gespräche zu führen, die auf eine Rückkehr des "Spirou"-Verlages in die Messezelte für 2006 hoffen lassen. Noch sei nichts entschieden, sagte Gendrot, man wolle sich im März erneut mit dem FIBD treffen. Er ergänzte auf Nachfrage zu den Gründen dieses Sinneswandels, dass die tragende Säule des Verlags zwar der Comic-Massenmarkt sei ("Spirou et Fantasio", "Les Tuniques bleues", "Cédric", "Largo Winch"), man sich nun aber weiter geöffnet habe. Die Sud Ouest nennt hier unter anderem die ambitionierte Reihe "Aire Libre", mit der man sich beim Erwachsenencomic anspruchsvollere Leserschichten erschlossen hat. So konnten die beiden Dupuis-Chefs in Angoulême dann auch gleich der Verleihung des Preises der Comicbuchhandlungen an Etienne Davodeau für "Chute de vélo" beiwohnen, ein Album, welches im April 2004 als 83. "Aire Libre"-Album herauskam.

Letztes Jahr kam man mit 5.000 m² Zeltfläche am Champ-de-Mars aus, dieses Jahr musste man laut Charente Libre bereits 6.700 m² Fläche zur Verfügung stellen, was wegen der Verlegung des Busbahnhofs auch gelang. Doch nächstes Jahr wird der Champ-de-Mars wegen Umbaus gar keine Messezelte aufnehmen können, also hatte der Bürgermeister Philippe Mottet angekündigt, er würde noch während des Festivals eine Lösung präsentieren. Diese liegt jetzt vor.
Für 2006 muss man auf dem Marsplatz als Veranstaltungsort verzichten. Also setzt man die großen Messezelte zwischen Rathaus und Theater auch dorthin, wo in den vergangenen Jahren immer die Zelte für die Fanzines und für Merchandising- und Comichändler standen. Für diese steht dann 2006 ein "Fanzine-Dorf" unterhalb des Hauses der Städtepartnerschaften an dem Weg herunter zum CNBDI zur Verfügung.
Den Verlagen stellt man selbstredend in der Umgebung des Rathauses adäquate Flächen zur Verfügung, denn diese möchte man am allerwenigsten verschrecken. Insbesondere wird man nach den langen Jahren der Abwesenheit nun auch wieder dem belgischen Verlag Dupuis ausreichend Raum geben wollen. 5.000 m² sind für die Verlage vorgesehen, da fehlen rein rechnerisch dann 1.700 m² verglichen mit der Messe-Fläche dieses Jahres. Die Säle des Rathauses sollen den Marché des droits (den Lizenzhandel) aufnehmen. Wo bringt man jetzt noch Dupuis unter und wo die 500 m² für die Verlage rund um den asiatischen Comic? Lassen wir uns überraschen, Angoulême wird sein Festival im Gegensatz zu Sierre sicherlich geeignet unterstützen.

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