Wenn die Buchmesse in diesem Jahr zum zweiten Mal Gelegenheit bietet, die "Faszination Comic" zu ergründen, ist auch einer der berühmtesten Schöpfer der gezeichneten Bilderwelten mit von der Partie.
Der französische Zeichenstar Moebius, dem in Frankfurt eine Werkschau und eine Podiumsdiskussion gewidmet sein werden, hat nicht nur in Europa Furore gemacht, sein künstlerischer Einfluss reicht bis in die USA und sogar nach Japan. Der amerikanische Science-Fiction-Autor Harlan Ellison nannte ihn ein "Genie, das die Welt verändert", und Federico Fellini schrieb ihm einmal bewundernd: "Alles was du machst, gefällt mir, sogar dein Name gefällt mir."
Ein Name, den der 1938 in einem Vorort von Paris geborene Jean Giraud nicht zufällig als Pseudonym wählte. Möbius hieß auch der deutsche Mathematiker und Astronom, der vor knapp 200 Jahren einen Papierstreifen so zu einem Ring zusammensteckte, daß er von dessen Vorder- auf die Rückseite gelangte, ohne den Rand zu überschreiten. Die Comic-Seite als Möbiussche Fläche: Fast unmerklich geschieht der Übergang von der Ausgestaltung der Realität zu ihrer Erfindung.
Während des Studiums an der Hochschule für angewandte Kunst entwickelt Giraud eine Arbeitsweise, die an die écriture automatique der Surrealisten erinnert. Am liebsten beginnt er mit einer beliebigen Szene, die ihm gerade in den Kopf kommt, und zeichnet dann rein assoziativ, "Bild für Bild, Seite für Seite, wie es gerade kommt", ohne zu wissen, wohin die Reise führt. Erst das, was unmittelbar auf dem Papier entsteht, bringt die Hinweise für den Fortgang der Geschichte zum Vorschein.
Auf solche Experimente war die Welt der Comics allerdings noch nicht vorbereitet. Also absolvierte Giraud zunächst eine Lehre bei Jijé, einem der großen Comic-Routiniers der damaligen Zeit, bei dessen Western "Jerry Spring" er 1961 assistierte. Schon zwei Jahre später zeichnete er mit "Blueberry" seine eigene Westernserie und veröffentlichte gleichzeitig auch die ersten Arbeiten, die er mit Moebius signierte.
Girauds "Blueberry" avancierte binnen kurzem zu einer der besten und erfolgreichsten französischen Abenteuerreihen, Moebius' Stunde schlägt, als er ab Mitte der 70er in dem neuen Magazin Métal Hurlant, zu dessen Mitbegründern er zählt, die Möglichkeit hat, Geschichten jenseits jeder erzählerischen Konvention zu erfinden. Werke wie "Arzach", "Die hermetische Garage" oder "John Difool" avancieren zum Kult jener Generation, die Jean-Luc Godard als "Kinder von Marx und Coca-Cola" bezeichnet hat.
Ein Künstler mit zwei Gesichtern: Jean Giraud als Meister des klassischen Abenteuer-Comics und Moebius als Visionär der neunten Kunst. "Mister Moebius et Docteur Gir" lautete denn auch in Anspielung auf Stevensons Klassiker der Titel einer ersten Biografie über den Zeichner. Moebius hat wesentlichen Anteil daran, daß der Comic in den 80ern erwachsen wurde, wie man so schön sagt, und wurde zum Aushängeschild einer modernen Kunst, die François Mitterrand als einen wichtigen Beitrag Frankreichs zu einer europäischen Kultur verstand. 1984 verlieh ihm der damalige Kulturminister Jacques Lang den Grand Prix National des Arts Graphiques. Es war das erste Mal, daß ein Comic-Künstler diese renommierte Auszeichnung erhielt.
Als sei ihm die künstlerische Doppelexistenz noch nicht genug, hat Moebius auch an mehreren Kinofilmen wie "Alien" oder "Das fünfte Element" mitgewirkt, Szenarios für andere Zeichner geschrieben und für die Werbung gearbeitet. Gerade wurde er von BMW verpflichtet: Die Comic-Strips, die ab Herbst für den neuen Mini Cooper werben sollen, werden während der Buchmesse präsentiert.
Es ist nicht das erste Mal, daß Moebius für die Automobilindustrie arbeitet. Schon 1983 zeichnete er für Citroën ein Bilderbuch, das bei Fans schnell eine gesuchte Rarität war - und dessen Protagonisten bald darauf die Helden eines neuen Comic-Abenteuers wurden. Es könnte also gut sein, daß auch in dem neuen Auftrag bereits der Funke für eine überraschende Fortsetzung liegt.
Andreas C. Knigge