Art Spiegelman
Art Spiegelman (1995, Foto A. Hall)

Maus

Faszination Comic - Frankfurter Buchmesse 2001

Art Spiegelman

Nur ein einziger Comiczeichner wurde jemals mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Art Spiegelman erhielt ihn 1992 für seinen Comic "Maus" (erschienen in zwei Teilen bei Rowohlt), für den er auch sämtliche wichtigen internationalen Comic-Preise abräumte. Schon vor "Maus" hatte der Amerikaner als einer der innovativsten Comic-Künstler gegolten (Anthologie "Breakdowns«, 1977). Bekannt wurde Spiegelman, der 1948 in Stockholm geboren wurde, mit dem experimentellen Comicmagazin RAW (ab 1980), das er gemeinsam mit seiner Frau Françoise Mouly herausgab und in dem sowohl amerikanische als auch europäische Comic-Künstler vorgestellt wurden.

Dort erschien auch erstmals seine Comic-Erzählung "Maus". Ursprünglich wollte sich Spiegelman nicht in Comicform mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Er wollte einfach eine große Comic-Geschichte zeichnen, für die man ein Lesezeichen braucht, die man nicht in wenigen Minuten überfliegen kann. Zuerst sollte es ein Strip über die Afroamerikaner in den USA sein. Das hatte jedoch wenig mit seinem Leben zu tun, so entschied er sich für die eigene schmerzhafte Geschichte, die mit den Alpträumen seiner Eltern zusammenhing. "Mit Maus wollte ich die Welt nicht in einen schöneren Ort verwandeln", resümierte Spiegelman in einem Interview.

Spiegelmans Eltern wurden in Polen geboren, während der Nazizeit erst in ein jüdisches Ghetto deportiert und schließlich nach Auschwitz. Seine Mutter konnte diese Zeit nie überwinden und beging später in den USA Selbstmord. In langen Gesprächen schilderte Spiegelmans Vater seinem Sohn die Nazizeit, die Verfolgung der Juden und der Ermordung der meisten seiner Verwandten. Spiegelman zeichnete alles auf, mit Tonband zuerst und dann mit dem Skizzenblock.

Dreizehn Jahre sollte er an "Maus" arbeiten. Für seine Bilder wählte er eine ungewöhnliche Lösung. Juden wurden als Mäuse dargestellt, Deutsche als Katzen und Polen als Schweine, wobei die hellen Gesichter der Mäuse aus den schwarzweißen, stark strichlierten Panels richtig herausleuchten. Spiegelman erklärte dazu: "Für mich als Künstler gab mir diese Art Maskierung die Möglichkeit einer Distanz zu mir und meiner Arbeit. Die Gesichter der Opfer sind fast völlig rein, durch die Köpfe der Mäuse scheint das weiße Papier. Auf der einen Seite macht es die Figuren natürlich zu etwas Universellem, aber andererseits ermöglicht es dem Leser, diese scheinbar leeren Gesichter mit einer Persönlichkeit zu füllen, vielleicht mit der eigenen."

Öfters wurde Spiegelman attackiert, weil er den Holocaust in einem Comic dargestellt hat und weil er Tierfiguren verwendete. Comics sind für ihn aber viel analytischer als beispielsweise ein Film, da hier dem Leser Zeit für die Betrachtung bleibt. Gegen das zweite Argument wendet er ein, daß er eine sich selbst zerstörende Metapher verwenden wollte, und dazu passten ihm eben die Figuren von Mäusen und Katzen.

Der erste Teil trägt den Titel "Die Geschichte eines Überlebenden«. Der zweite Teil, der Auschwitz und die Zeit danach umfaßt, nennt sich "Und hier begann mein Unglück". Aus diesen Bänden entwickelte Spiegelman auch eine CD-ROM. Darauf sind alle Phasen der Entstehung dokumentiert. Man findet penible Übertragungen von Ideen- und Figurenskizzen, aber auch Musikausschnitte der 30er Jahre, und kann sich die Gespräche mit seinem Vater anhören.

Spiegelman zeigt sich noch immer als äußerst vielseitiger Künstler und Herausgeber. Er lebt heute in New York, unterrichtet an der New School of Visual Arts und ist künstlerischer Berater mehrerer Firmen. Für das Magazin The New Yorker zeichnete er mehrere Titelblätter und zahlreiche Cartoons.

Gemeinsam mit Bob Callahan gab er auch eine Comic Version von Paul Austers ungewöhnlichem New York Krimi "Stadt aus Glas" (erschienen bei Rowohlt) heraus und zeichnete das Kinderbuch "Schlag mich auf... Ich bin ein Hund!".

Sein neuestes Projekt, das er gemeinsam mit seiner Frau Françoise Mouly betreibt, nennt sich "Little Lit: Märchen und Sagen" und soll zur Frankfurter Buchmesse auch auf deutsch bei Carlsen erscheinen. In diesem Band versuchen sich europäische und amerikanische Illustratoren und Comiczeichner an neuen Interpretationen bekannter Märchen, wie "Dornröschen" oder "Jack und die Wunderbohne". Die Geschichten von Joost Swarte, David Macauly und natürlich Art Spiegelman selbst zeigen ein vielfältiges Spektrum an Zeichenstilen und Inhalten (http://www.little-lit.com).

Marian Klöch

Wiedergabe des obigen Textes mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Buchkultur.

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