Evangeliar

Ausschnitt aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen. Um die ganze Seite vergrößert zu betrachten, klicken Sie bitte auf die Miniatur unten.

Evangeliar

Logo

Faszination Comic 2002

Eckart Sackmann
Spruchbänder statt Sprechblasen

Daß der Sprechblasencomic urplötzlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts "geboren" wurde, ist anerkannt Unsinn. Die Entwicklung der Erzählform Comic vollzog sich über Jahrhunderte. Vorläufer der Sprechblasen waren etwa die mittelalterlichen Spruchbänder. Schon im 12. Jahrhundert gab es in Deutschland Comics.

Auf der Suche nach den Vorformen des modernen Comic ist Vorsicht geboten. Nicht alles, was auf den ersten Blick so aussieht wie eine Bildergeschichte, ist auch eine. Das gilt beispielsweise für ein Großteil der Bilderbogen des 19. Jahrhunderts, das gilt auch für die mit Sprechblasen übersäten englischen Karikaturen um 1800. Auch Spruchbänder finden sich in der mittelalterlichen Malerei zuhauf. In den überwiegenden Fällen "vertonen" sie aber Einzelbilder, keine Sequenzen.

Anders ist das bei einer Seite aus dem in Wolfenbüttel liegenden Evangeliar Heinrichs des Löwen. Es stammt aus dem späten 12. Jahrhundert und ist reich mit Illustrationen geschmückt. Unter diesen nimmt die hier abgebildete eine Sonderstellung ein. Die Bildfolge ist nicht nur eindeutig sequentiell, sie wird auch durch einen über Spruchbänder geführten Dialog unterstützt. Dargestellt ist eine dreiteilige Szene aus der Passionsgeschichte. Die Leserichtung verläuft - nicht untypisch für mittelalterliche Szenenfolgen - von rechts nach links und von unten nach oben. Der lateinische Text folgt dem Johannesevangelium und der Ostersequenz des Wipo aus dem 11. Jahrhundert.

Maria Magdalena steht weinend am leeren Grab Christi. "Frau, was klagst du?" fragt einer der Engel. Maria möchte wissen, wohin man den Leichnam gebracht hat, und als sie hinter sich einen Mann stehen sieht (den sie nicht als Christus erkennt), stellt sie ihm dieselbe Frage. Der Wiederauferstandene aber schickt sie zu seinen Jüngern, um ihnen die Auffahrt zu seinem Vater im Himmel mitzuteilen. Im oberen Bild verkündet Maria denn auch, nachdem die Jünger sie nach Neuigkeiten gefragt haben: "Ich habe das Grab des lebendigen Christus und die Glorie des Auferstandenen gesehen." Alle Fragen werden in roter, die Antworten hingegen in schwarzer Schrift wiedergegeben.

Ist diese Darstellung der erste deutsche Sprechblasencomic? Um die Frage zu bejahen, muß man sich davon frei machen, daß Comics - Bild-Erzählungen - zu allen Zeiten so ausgesehen haben, wie wir es heute gewohnt sind. Daß die für das 12. Jahrhundert revolutionäre Darstellung keine Wirkung auf nachfolgende Illustratoren gehabt hat, liegt vermutlich darin begründet, daß das Evangeliar der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Unvorstellbar, wie sich die Geschichte des Comic entwickelt hätte, wenn so etwas schon damals in Mode gekommen wäre.

Logo

Der Verleger und Comicforscher Dr. Eckart Sackmann ist ein international angesehener Experte für die Frühzeit des deutschen Comic.

Zusammen mit Andreas Dierks betreut Sackmann eine Seite bei comic.de, auf der weitere Beispiele aus den Kindertagen der Bild-Erzählung zu sehen sind.

zurück [Startseite Faszination Comic] [Seitenanfang] [Startseite comic.de]

Copyright © 2002 Verlag Sackmann und Hörndl