Passion

Ausschnitt aus einem Freiburger Passionsteppich von 1520. Um die Darstellung (zwei von insgesamt fünf zusammenhängenden Szenen) vergrößert zu betrachten, klicken Sie bitte auf die Miniatur.

Passion

Ein dreidimensionale Bild-Erzählung zeigt der Tympanon des Straßburger Münsters (von ca. 1300). Leserichtung der Passionsfolge: von links unten nach rechts und oben.

Lapp

Oben: Carl Reinhardts "Meister Lapp und sein Lehrjunge Pipps" (1851) war einer der schönsten Comics der Fliegenden Blätter.

Blaumaier

Oben: "Pläsir-Reise des Herrn Blaumeier und seiner Frau Nanni" von Carl Stauber griff die seinerzeit aktuelle Mode des Tourismus auf (Fliegenden Blätter, 1851).

Honigdiebe

Wilhelm Buschs erster Comic, "Die kleinen Honigdiebe", erschien erst 1859 und fügte sich in eine bereits bestehende Tradition ein.

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Faszination Comic 2002

Eckart Sackmann
Comics vor Wilhelm Busch?

Einer schreibt es vom anderen ab, in fast jedem Buch über Comics steht es: Wilhelm Busch ist der Vater des Comic in Deutschland. Hier ein paar Beispiele, warum diese Vaterschaft angefochten werden muß und welche Formen die Bild-Erzählung bereits lange vor "Max und Moritz" hervorgebracht hat.

Wer über die Anfänge des Comic redet, sollte erst einmal eine Definition dieser künstlerischen Ausdrucksform liefern. Damit tut sich die Comicforschung schwer. Auch international gibt es wohl eine Tendenz, sich auf den einfachsten Nenner zu einigen (Comic ist eine Erzählung in wenigstens zwei aufeinander bezogenen Bildern), doch über die Grenzfälle streiten sich die Geister.

Ist der Comic an ein Printmedium gebunden? Nein, auch ein von Hand gezeichneter Comic ist ein Comic. Ist aber eine Bildfolge auf einem Wandteppich als Comic zu bezeichnen? Im Freiburger Augustinermuseum gibt es einen Passionsteppich von 1520 zu bestaunen, auf dem in fünf Bildern die Gefangennahme Christi geschildert wird. Eine dreidimensionale Bild-Erzählung gar vermittelt die Darstellung der Leidensgeschichte Christi im Tympanon über dem Hauptportal des Straßburger Münsters.

Comic oder nicht? In der Diskussion wird häufig nicht zwischen Form und Präsentation unterschieden ("Comics sind ein Massenmedium") - dabei kann allein die Form herangezogen werden, um einen Comic von anderen künstlerischen Ausdrucksweisen abzusetzen. Unbestritten geht der Aufschwung der Bild-Erzählung einher mit der Evolution der Drucktechnik. Anhand der Bildfolgen auf frühen Flugblättern muß jeweils im Einzelfall entschieden werden muß, ob es sich um eine Reihung von Momentaufnahmen oder tatsächlich um einen Comic handelt.

Ist Hal Fosters "Prinz Eisenherz" ein Comic? Wenn ja, dann ist ganz sicher auch ein Nürnberger Blatt von etwa 1490 ein Comic, das heute in der Münchener Staatsbibliothek aufbewahrt wird. "Ein grawsamlich geschicht Geschehen zu passaw" berichtet von der Peinigung Passauer Juden, denen man christliche Hostien untergeschoben hatte. Ähnlich, mit kurzen Textzeilen unter den Bildern, ist auch der 1520 entstandene Magdeburger Holzschnitt über das Wunderblut zu Wilsnack aufgemacht. Dieses Blatt existiert heute nur noch in Fragmenten (in Greifswald), konnte jedoch rekonstruiert werden. Auch hier liegt eindeutig eine Bild-Erzählung vor, während die meisten Flugblatt-Darstellungen aus der Bibel, von Stadtgeschichten oder anderen historischen Ereignissen häufig nur ausgewählte Einzelszenen aneinanderreihen.

Von diesen Flugblättern (Einblattdrucken) verläuft eine direkte Entwicklungslinie zu den Bilderbögen des 19. Jahrhunderts. Das gilt sowohl für die Form (Bildfolgen, entweder als Comic oder als einfache Reihung) als auch für die Inhalte (religiöse Darstellungen, sensationelle und unterhaltsame Ereignisse). Alle bekannten Beispiele vor 1800 richten sich allein an Erwachsene. Das Kind als Konsument von Bildergeschichten spielte erst mit zunehmender Schulbildung und wachsendem Wohlstand eine Rolle.

Einblattdrucke mit Comics gibt es etliche, und wer weiß, wie viele Beispiele dieses Gebrauchsguts im Laufe der Jahrhunderte verschollen sind. Neben den Holzschnitt traten bald andere Reproduktionstechniken. Radierungen richteten sich an eine besser situierte Klientel als die künstlerisch immer weniger geachteten Holzschnitt-Blätter. Der neue und anspruchsvolle Kundenkreis erwartete weniger Bildfolgen denn Einzelbilder. In England, während des 18. Jahrhunderts eine Hochburg der Karikatur, machte jedoch William Hogarth die Form des Bilderzyklus populär: Mehrere Einzelbilder ergaben aneinandergereiht eine Geschichte.

Der Karikaturist Josef Franz von Goez schuf 1783 einen über hundert Seiten umfassenden Comic nach Bürgers Gedicht "Lenardo und Blandine". Gleichfalls in zusammenhängenden Einzelszenen mit Untertext erzählte der Berliner Theodor Hosemann in der insgesamt 32 Bilder umfassenden Politsatire "Herr Fischer auf den vereinigten Landtage" (1847). Wenn man so will, ist auch Hans Hillmanns Krimi "Fliegenpapier" von 1982 in diese Tradition zu stellen.

Die im 19. Jahrhundert als Bilderfutter für die unteren Schichten abqualifizierten Bilderbogen griffen den Comic nur zögerlich auf. Die heute oft zu lesende Gleichsetzung von "Bilderbogen" und "Comic" ist grundsätzlich falsch. Erste Comics auf Neuruppiner Bilderbogen lassen sich etwa auf das Jahr 1835 datieren. Eine Zunahme von Bildergeschichten ist um 1850 festzustellen, und erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte der Comic eine Vormachtsstellung unter den Bilderbogen erreicht.

Dies wurde gefördert durch die Popularität des Wilhelm Busch, den Erfolg seines Buches "Max und Moritz" (1865) und der in der Reihe der "Münchener Bilderbogen" erschienenen Bildergeschichten. Möglicherweise hat dieser Erfolg entscheidend dazu beigetragen, daß Comics in den darauffolgenden Jahrzehnten als Kinderlektüre gesehen wurden. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war das anders gewesen.

Der erste Comic in der 1844 gegründeten Zeitschrift Fliegende Blätter, Franz von Poccis "Staatshämorrhoidarius", ließ sich der Publikationsweise wegen kaum als zusammenhängendes Werk identifizieren. Wie auch Carl Reinhardts "Meister Lapp und sein Lehrjunge Pipps" entpuppte sich dieses Werk erst Jahre später in der vervollständigten Buchausgabe.

Auch modische Reiseberichte in Bildergeschichten-Form fanden in die Fliegenden Blätter Eingang. Während Kaspar Brauns Deutschland-Querzüge des Eisele und Beisele kein Comic, sondern lediglich Momentaufnahmen abbildeten, war das bei Carl Staubers "Reiseerinnerungen" und der "Pläsir-Reise des Herrn Blaumeier und seiner Frau Nanni" (1851) schon anders. Ähnliches schuf übrigens Richard Doyle 1850 für den Londoner Punch.

Buschs erster Comic, "Die kleinen Honigdiebe", erschien erst 1859 als "Münchener Bilderbogen". Die Tradition der Bild-Erzählung war zu dieser Zeit schon Jahrhunderte alt, und auch innerhalb des Verlags Braun & Schneider hatte es Vorläufer gegeben. Als Vater des Comic in Deutschland kann man den süffisanten Norddeutschen wohl kaum bezeichnen. Allerdings war seine Wirkung enorm, auch auf den Comic in den USA.

Immer noch fehlt eine Aufarbeitung der Frühgeschichte des Comic. Vor allem Kunstgeschichtler und Volkskundler wären gefragt. Leider sind diese Wissenschaften überhaupt nicht darauf gepolt, zum Comic zu forschen - und leider liegen die Schätze der weiteren Vergangenheit nicht offen, sondern unter Tonnen anderen Materials in Museen und Archiven verborgen.

So wird denn fröhlich weiter mit dem fragmentarischen Wissen des 20. Jahrhunderts gefachsimpelt. Wie leicht ein solcher Dilettantismus zu jahrelang nachhängenden Vorurteilen führen kann - dafür ist die Apotheose eines Wilhelm Busch sicher ein gutes Beispiel.

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Der Verleger und Comicforscher Dr. Eckart Sackmann ist ein international angesehener Experte für die Frühzeit des deutschen Comic.

Zusammen mit Andreas Dierks betreut Sackmann eine Seite bei comic.de, auf der weitere Beispiele aus den Kindertagen der Bild-Erzählung zu sehen sind.

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