Festival der Spaßkultur
Daß "Essen" kein zweites "Erlangen" werden würde, stand wohl von Anfang an außer Frage. Kritiker hatten einen Rummel der Trivialität erwartet, riesige Hallen voller pubertärer Superhelden-Fans, die den auf Heftchen spezialisierten Verlagen willig ihr Taschengeld überließen.
Diese Vorstellung hat sich nicht bewahrheitet. Die Essener ComicAction vom Oktober hat trotz Betonung der "Spaßkultur Comic" Ernsthaftigkeit bewiesen. Zum Ende der viertägigen Veranstaltung zeigten sich nicht nur die Aussteller positiv überrascht, auch dem Skeptiker wurde deutlich, daß "Essen" sehr wohl eine Bereichrung der deutschen Comicszene sein kann.
Was gegenüber Erlangen fehlte, war der literarische Anspruch. Kein Beiprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen, sondern eines mit Rockbands und Allotria. Ohne beigestelltes Kulturangebot waren vier Tage eine lange Zeit. "Essen" war eine Show für Tagesbesucher - es sei denn, man wollte auch noch die anderen Hallen abgrasen, in denen die Spiel Ô99, eine Spielemesse der Superlative, abgehalten wurde. Am Gesamtangebot war auch der Eintritt bemessen - mit 18 Mark pro Tag (Dauerkarte 38 Mark) doch recht hoch, wenn es nur um die Comics gegangen wäre.
Dennoch dürfte die Zahl der Besucher der des Comic-Salons entsprochen haben. Die ersten beiden Tage verliefen relativ ruhig; am Wochende folgte der Ansturm. Das Publikum war durchaus gemischt. Nur Kinder vermißte man - und die Schar der regelmäßig nach Erlangen pilgernden Alt-Fans, die bekannten Gesichter. Hier kamen neue Gesichter an die reichhaltig gedeckten Händlertische, und auch die Verlage präsentierten sich in ungewohntem Erscheinungsbild.
Den Ehapa-Stand mit seinem "Gothic! Gothic!"-Schriftzug und den Figuren des neuen Fleetway-Labels hätte man beinahe kaum wiedererkannt. Traditioneller ging es bei Carlsen zu. Dino trat protzig auf, Marvel optisch einfallsreich, nur leider mit zu geringer Beleuchtung. Die kleineren Verlage hatten sich noch zurückgehalten; Splitter - wohl wegen der bekannten Schwierigkeiten des Verlags - fehlte ganz.
In Essen waren Händler- und Verlagsstände bunt gemischt. Das war kein Nachteil und sollte vielleicht auch für Erlangen in Erwägung gezogen werden. Das Angebot wirkt dadurch lebendiger. Allerdings gab es auf der ComicAction kaum die alles abdeckenden Schlangen von Fans vor den Signiertischen. An den beiden ersten Tagen drängten sich nur wenige, um eine Signatur oder Zeichnung so bekannter Namen wie Pat Mills, David Mack oder Simon Bisley zu erhaschen.
Sehr wahrscheinlich wird die ComicAction auch im Jahr 2000 stattfinden. Deutschland hat damit zwei wichtige Comic-Veranstaltungen, die beide auf ihre Art verschieden sind und doch beide "Berechtigung" haben. Für Fans und Profis wird es allerdings happig: Im Juni Erlangen, Anfang Oktober die Buchmesse, Ende Oktober Essen, dazwischen noch die eine oder andere Börse. Die Nachfrage nach solchen Veranstaltungen ist da - bleibt zu hoffen, daß auch die Nachfrage nach Comics bald wieder größer wird.
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