Tim Heesch sen. erinnert sich: Superbabe wird 60
Sicher wundern sie sich, daß hier nicht, wie
angekündigt, Tim Heesch sen. steht, um die Laudatio
für SUPERBABE zu halten, sondern nur einer seiner
Angestellten, aber das hat seinen Grund: Herrn Heeschs
Frau, die bekannte Kinderbuchautorin Elsa Brandström,
erhŠlt dieser Tage in Stockholm den Bra Hallen Arnadal
Preis verliehen, in Anerkennung ihrer über 100 Bücher
für Kinder im Vorschulalter. Herr Heesch hat, wie sie
sicher wissen, die Kriegsjahre in Stockholm verbracht,
und so verbindet ihn viel mit dieser Stadt. Auch ist der
Preis ein hochangesehener, und er bittet sie deshalb, zu
verzeihen, daßs er nicht persönlich hier sein kann. Ich
habe von ihm den Auftrag bekommen, die Laudatio an
seiner Statt zu verlesen. Ich hoffe, seinen Worten
gerecht werden zu können. Aber nun zur eigentlichen
Rede.
Sehr geehrte Damen und Herren,
für einige von Ihnen mag es ungewohnt sein, mich am
Rednerpult zu sehen, kennen die meisten mich doch aus
den Verlagsmitteilungen in den Publikationen meines
eigenen Verlages, des Zwerchfell Verlages.
Bildgeschichtenhefte wie WANDA CARAMBA, KNURF und
KRIGSTEIN kennt ja sicher ein jeder von Ihnen. Andere
aber, und einige von Ihnen sehe ich hier, haben meinen
Vorträgen schon während eines der vielzähligen
Zwerchfell-Comic-Workshops zugehört, und für sie dürfte
es kaum eine Überraschung sein, daß ich hier zum
sechzigsten Geburtstag von SUPERBABE spreche.
Tatsächlich gebührt mein Dank dem Verlag Carlsen Comics
- der "Costbaren Concurrenz", wie wir ihn bei Zwerchfell
oft scherzhaft nennen - denn ich habe mich über die
Einladung, hier zu sprechen, nun, sehr gefreut. Herr
Klotzbücher, der jugendliche Handlanger des
Chefredakteurs Herrn Kaps, weiß von meiner Begeisterung
für diese amerikanische Serie, die heute ihren Jubeltag
feiert, und hat, wie es so schön heißt, die Sache
eingefädelt. Und mit Jubiläen ist das ja so eine Sache.
Kommen sie mal in mein Alter, wie mein Friseur zu sagen
pflegt, da werden die Feiern zu Geburtstagen über 50 auf
einmal doch mannigfach. Und man wird oft gefragt, ob man
nicht das eine oder andere Grußwort sprechen mag, und
oft, ja oft, liegt einem das Thema vielleicht gar nicht
mal so gut. Aber um manche dieser Reden reißt man sich
gar.
SUPERBABE ist so ein Fall. Warum? Das will ich
Ihnen gern erklären. Sehen Sie, SUPERBABE zeigt uns ganz
exemplarisch, wie Comics - gute Comics - funktionieren.
Da wären drei Punkte zu nennen: zum ersten die
Faszination des Hauptcharakters. Viele von Ihnen werden
es nur noch von der Schallfolie kennen, die dem
Jubiläumsheft zum 50sten Geburtstag der Braut aus Stahl
beilag, für mich wie für ungezählte andere war es
damals das Tagesgespräch, ein Muß, der Straßenfeger:
das SUPERBABE-Hörspiel, erstmals ausgestrahlt 1939. Wer
wie ich illegal im Radio +Die Stimme Amerikas+ empfing,
der lauschte dem ersten Abenteuer der attraktiven Amazone mit angehaltenem Atem.
Dank der bahnbrechenden Erfindung des Mono-SurroundTm-Verfahrens war es, als fände der Kampf zwischen SUPERBABE und DR. KRAUT direkt in unserem Wohnzimmer statt. Und dann, zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, ihre ersten Bildergeschichten in Heftform. SUPERBABE, damals aus der Feder des legendären Jack Kürbis, war uns Inspiration und treue Weggefährtin zugleich. Ihre fröhliche Art, ihr unverbrauchter Charme und die von anzüglichen Klebrigkeiten nur so sprühenden Geschichten brachten uns Licht in so manchen dunklen Tag. Und sicherlich hatte die SUPERBABE-Saga auch großen Einfluß auf die von mir nach dem Krieg publizierten Serien WUNDERBRAUT, DIE EISERNE und DIE SPINNE.
Hier war eine von Grund auf positive Figur: die fantastische Friseuse, die sich, allen Anzüglichkeiten zum Trotz, jederzeit in einen Hauch von Kostüm schwang, um die Welt zu retten, ohne Rücksicht auf ihr eigen Leib und Leben. Wir waren ihr damals verfallen, wir sind es heute noch. Und damit komme ich zum zweiten Punkt, der einen guten Comic ausmacht: das gemeinsame Erlebnis. Sehen Sie sich einmal um, und Sie werden feststellen: Zu dieser Feierstunde sind hier drei ganze Generationen SUPERBABE-Fans - jung und alt, Leser, Redakteure, Journalisten und Vertreter der verschiedensten Verlage - versammelt, um gemeinsam zu feiern. Jeder hat seine Lieblings-SUPERBABE-Geschichte, jeder seinen Lieblingszeichner, jeder seinen Lieblingswitz.
Wir alle haben diese Geschichten zwar örtlich getrennt, aber zeitlich gemeinsam gelesen, nein, gelebt. Diese Geschichten verbinden uns. Und damit
kommen wir zum dritten und wichtigsten Punkt, der über
Wohl und Wehe eines guten Comics entscheidet. Ich habe
es meinen Zeichnern und Textern schon oft gesagt, und
ich sage es immer gerne wieder: wenn die Geschichte
nicht stimmt, stimmt der Comic nicht. Sie ist das A und
0, die Seele des Heftes. Und wir im Comicgeschäft sind
doch allesamt Geschichtenerzähler. Sehen Sie sich
nochmal um: Hier stehen Mitarbeiter von verschiedensten
Verlagen beisammen, die tagtäglich in direkter
Konkurrenz zueinander stehen. Aber sehen Sie Unfrieden,
sehen Sie Zwistigkeiten? Sie sehen es nicht, und Sie
werden es nie sehen können, denn - und das ist das
Schöne an unserem Beruf - wir lieben die Geschichten,
die wir herausgeben, genauso sehr wie die Geschichten,
die unsere " Konkurrenten" produzieren.
Tagsüber mag man
da mit harten Bandagen um Lizenzen, Zeichner und Autoren
kämpfen, aber nach Arbeitsschluß? Wir reden
miteinander, scherzen, geben einander konstruktive
Kritik. Schließlich sitzen wir alle im selben Boot,
wenn sie den Comicmarkt so sehen wollen, und das ist
klein genug. Wir machen diese Arbeit doch nicht des
Geldes wegen! Das würden Sie als Leser doch schnell
merken - denn wie könnte man glaubhaft eine Geschichte
erzählen, wäre einem der Protagonist gleichgültig? Und,
wem könnte man sie denn schildern, schielte man nur auf
den schnöden Mammon?
Ihnen sicher nicht, denn ich weiß, daß Sie die gleichen hohen Anforderungen an die Qualität unserer Erzählungen haben wie wir selbst. Nein, lassen sie das Profit-Point-Denken, das Hinterherjagen nach Trends, den Gewinn auf Deubel komm raus, das - wenn ich so deutlich werden darf - ganze Drecksmarketing doch den Brokern und Bankern. Die wollen das, die können das, die sollen das ruhig tun - aber die erzählen Ihnen nicht so
schöne, gute, wahre Geschichten.
Nun, ich bin etwas abgeschweift. Vergeben Sie mir. Sie merken, das Thema treibt mich um. wir haben also den Charakter, die Leserschaft, und die Geschichte. Bei Superbabe haben wir Glück: Zwar kamen nach den goldnen Tagen, in denen Jack Kürbis der ballistischen Blondine Leben einhauchte, einige steinige Jahre, in denen unser Power-Pin-Up eher uninspirierten Zeichnern und Textern ausgeliefert war - ich möchte keine Namen nennen -, aber 1970 begann der damals 23-jährige Martin Frei als neuer Hauszeichner für die metallische Maid. Er hat bis heute nicht aufgehört,
ihre Abenteuer uns zu erzählen. Und er tut es mit unverminderter Meisterschaft.
Ich bin stolz, sagen zu können, daß Martin als Siebzehnjähriger bei mir im Zwerchfell Verlag seine ersten, zaghaften künstlerischen Schritte als Hintergrundzeichner für BOLF, STEINZEIT ADVENTURES und SCHLECHTE LAUNE machte. Er hat seitdem die Kunst des bildhaften Geschichtenerzählens zu höchster Perfektion ausgebildet. Sehen Sie, schon Plato wußte, daß es nur drei Grundstrukturen von Geschichten
gibt - und sie können mir glauben, Martin Frei hat seinen Plato gelesen. Das merkt man an jeder Ausgabe von Superbabe.
Was sind das für Geschichtsstrukturen? Nun, die erste hat das Prinzip: "Boris Jelzin, der Papst und Michael Jackson sitzen in einem Flugzeug." Ein gutes Muster, aber etwas eng. Schon etwas weiter gefaßt Prinzip Nummer zwei: "Ein Pärchen sitzt an der Bar. Ein Pferd kommt herein und bestellt drei Bier." Ungleich dynamischer, mit Platz für Überraschungen. Das mittlerweile aber anerkannt beste, und von Martin Frei
in SUPERBABE exemplarisch wiedergegebene Geschichtsprinzip ist so einfach wie genial. "Kommt 'ne Frau zum Arzt..." Sofortige Spannung, alles ist möglich, unsere Erwartenshaltung ist sehr groß. Und Frei, der Heros herber Herrenwitze, hat uns noch nicht einmal enttäuscht. Nicht einmal in 29 Jahren. Das ist wahre Meisterschaft.
Und so liest sich SUPERBABE heute wie gestern immer frisch, immer neu. Ich freue mich, wie so viele von uns, jeden Monat wieder auf die Abenteuer der Torte der Taten. Und nun die Jubiläumsausgabe! +You've come a long way, baby+, wie eine bekannte amerikanische Zigarettenwerbung sagt. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit dem Jubelabenteuer des Superbabe, das viele leider nur für ein super Babe halten. Erfreuen Sie sich an den kessen Geschichten um das flotte Girl, das schon Ihren Großvätern die Köpfe verdreht hat. Und unterschätzen Sie sie nicht - sie mag zwar sechzig Jahre alt sein, aber sie ist so frisch und frei wie an dem Sommertag, als sie
zum ersten Mal die Seiten ihres eigenen Heftes zierte!
Meine herzlichsten Glückwünsche an die Jubilarin, sowie
natürlich an Martin Frei und Carlsen Comics. "Building
better Comics" - Bessere Bildergeschichten bauen -, so
lautet das Motto des Zwerchfell Verlags. Ich freue mich,
daß sie an dieser Mission mitarbeiten. Lassen Sie uns
das Glas auf viele weitere Jahre mit Susi Bär, dem
spektakulären Superbabe, anstossen.
Herzlichen
Glückwunsch,
Ihr Tim Heesch, sen.
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