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Max-und-Moritz-Preis 2000:
Preisträger und Laudationes

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Bester internationaler Comic-Strip oder Cartoon-Serie

Zits

"Zits" (Jerry Scott/Jim Borgman)

In einer Zeit, in der immer weniger neue Zeitungs-Strip-Serien das Licht der Druckerpresse erblicken, ist "Zits" von Jerry Scott und Jim Borgman ein echter Lichtblick. Optisch in einem sympathischen Semi-Funny-Stil gehalten, der in seinen besten, verspieltesten Momenten an Bill Wattersons "Calvin und Hobbes" gemahnt, bietet "Zits" (auf Deutsch "Pickel") auch inhaltlich einiges. Abgesehen von der vordergründigen Handlung über die Nöte eines pubertierenden Jugendlichen, Jeremy, in seiner schlimmsten Phase, zerrissen zwischen Selbstzweifel und Selbstüberschätzung, bieten gerade auch die Nebenhandlungen sowie sorgfältig charakterisierte Nebenfiguren einiges an tiefen, psychologischen Einblicken. Da wären etwa die Eltern Jeremys, brave US-Mittvierziger, gezeichnet von Midlifecrisis einerseits und Erinnerungen an die glorreichen Tage der Flower-Power-Bewegung andererseits, Jim Borgman/Jerry Scott dann der beste Freund des Helden, ein typischer Vertreter der zweiten Generation hispanischer Amerikaner, die Mädels an der Schule etc. Des Weiteren mischen sich auch immer wieder (gesellschafts-) politische und Fragen der Geschlechterdifferenzen in den bunten Strauß an Gags. Kurz alles, was man von einem wirklich guten US-Zeitungs-Strip zu erwarten gewohnt ist. (HaHa)


Bester deutschsprachiger Comic-Strip oder Cartoon-Serie

Touché

"Touché" (©TOM)

Jeden Wochentag ein Comicstrip, das ist ein Ausstoß, den in Deutschland nur wenige Zeichner schaffen. Thomas Körner, der seine Strips stets mit ©Tom signiert, war der erste, der dieses Kunststück vormachte. Seit Dezember 1991 erscheinen seine Touché-Strips exklusiv und täglich auf der Wahrheits-Seite der "Tageszeitung". Heute drucken drei weitere Zeitungen seine Touchés täglich nach, in zahllosen anderen Zeitschriften und Magazinen ist er Dauergast. Die ersten 2.000 Strips sind in zwei ziegelsteindicken Bänden gesammelt, daneben gibt es jedes Jahr ©Tom-Hefte und Bücher. Bis heute hat Touché - anders als andere Comicstrips - keine feste Hauptfigur, sondern ständig wechselndes Personal, das laufend erweitert wird. Körners Humor lässt sich wohl am besten mit einem recht altmodischen Wort beschreiben: Er ist warmherzig. Nie denunziert er sein mitten im prallen Leben stehendes Bestiarium, nie lacht man über die Personen, sondern immer mit ihnen. Stolz ist ©Tom gleichermaßen darauf, in seiner Jugend auf dem ersten Platz in der Badischen Leichtathletik-Bestenliste gestanden zu haben, der schnellste fahradfahrende Comiczeichner von Söd-Berlin zu sein und in einem Buch über Caravaggio abgedruckt worden zu sein. Und gleichwohl: Spricht man ihn auf seine Vorreiterrolle in der deutschen Comicszene an, wiegelt er bescheiden ab: "Man müsste eher die Redakteure dafür loben, daß sie solch ein Experiment gewagt haben." (LuG)

Touché


Bester deutschsprachiger Comic-Künstler

Martin tom Dieck

Martin tom Dieck Die Reduktion, die Skizze, die Abstraktion: In einer Zeit, in der erfolgreiche Comics mit vollen Farben und voluminösen Formen protzen, geht Martin tom Dieck den widerständigen Weg. Nach zwei Schwarzweiß-Büchern über labyrinthische Welten und verspiegelte Wirklichkeiten ("Der unschuldige Passagier" und "Hundert Ansichten der Speicherstadt") greift er in seiner neuen Arbeit mit dem Titel "Flüchtige Fragmente" die Farbe auf und lässt dabei grafische Wurzeln und bildnerische Anreger in den bissig karikierenden Zeitkommentatoren aus der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren entdecken. Martin tom Dieck, Oldenburger von Herkunft, Wahlhamburger, mit nordischer Melancholie ausgestattet, hat im Umfeld grafischer Normierungen eine ganz eigenständige Erzählhaltung entwickelt, die dem Leser keine Botschaften aufdrückt, sondern Interpretations-Richtungen andeutet und mit der präzisen Setzung des Strichs stille Reflektionen über Schatten und Licht anstellt. (HH)


Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Eigenproduktion

Geteilter Traum

"Geteilter Traum" (Daniel Bosshart), Edition Moderne

Was für eine wunderbare, ganz und gar stille Geschichte! Eine Lebensgeschichte, eine Geschichte vom Altern, eine Geschichte vom Träumen. Es geht um Träume und Träumer, die sehr verschieden sind. Der eine träumt das Abenteuer, wenn er als Kind draußen im Wald spielt. Dem anderen wird das vermiedene Abenteuer zum Anlass, sich über die Phantasie in die künstlerische Sublimation zu träumen. Von zwei Jungen wird gehandelt, die mit ihren Träumen reifen. Sie haben eine erwachsene Bezugsperson. Wahrscheinlich erzählt der Schweizer Daniel Bosshart von einer Rumpffamilie. Ein Letztes muss man nicht wissen. "Geteilter Traum" bewahrt Geheimnisse. Das Buch ist in einem statischen, vom Jugendstil geprägten Realismus erzählt. Es gibt keine einzige Sprechblase, nur Zeichen innerhalb der Bilder. Es gibt immer wieder Gesichter, Hände, am Ende ein geteiltes Brot. Diese grafische Novelle öffnet sich für viele Assoziationen. Und - was man nicht häufig sagen kann - sie rührt den Leser an. (HH)


Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Import

Approximate Continuum Comics

"Approximate Continuum Comics" (Lewis Trondheim), Reprodukt

Lewis Trondheim legt eine Menge Selbstbewusstsein an den Tag - zu Recht. Die Werke des französischen Zeichners, der als Laurent Chabosy in Fontainebleau geboren wurde, gehören mit zum Besten, was derzeit auf dem internationalen Comicmarkt erhältlich ist. Deshalb ist es auch absolut vertretbar, daß sich der Künstler in jedem seiner Comics selbst in Szene setzt. Als Sonderling mit Vogelkopf tritt Lewis Trondheim in seinem Band "Approximate Continuum Comics" auf. Er hat zwar einen Schnabel und Federn auf dem Kopf, ähnelt aber sonst sehr seinem Schöpfer. Trondheims Held trägt einen Mantel mit Karomuster wie Trondheim selbst, er kämpft gegen Erschöpfungszustände und Fettringe am Bauch wie Trondheim selbst. "Approximate Continuum Comics" ist Trondheims autobiografischste Arbeit - und vielleicht auch seine bisher beste. (TA)


Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Sekundärliteratur

Die deutschsprachige Comic-Fachpresse

"Die deutschsprachige Comic-Fachpresse" (Eckart Sackmann), comicplus+

Eckart Sackmann, Comic-Journalist (RRAAH!), Herausgeber (comicplus+) und Sachbuchautor (u.a. über Mecki, Comic-Plattencover, Manfred Schmidt...) legt mit "Die deutsche Comic-Fachpresse" nunmehr einen umfangreichen Band über die deutschen Sekundärmedien der letzten Jahrzehnte vor. Dabei zeigt sich das Buch als angenehme Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit, bibliographischer Aufzählung und anekdotenreicher Nacherzählung der Gründungen, wechselvollen Schicksale und (zumeist) frühen Enden der deutschen Comic-Fachmedien. Tatsächlich ist dieser sekundäre Blick auf sekundäre Medien gerade im Falle des deutschsprachigen Raumes mehr als berechtigt. Erschienen hier doch lange Zeit mehr Comic-Fachmagazine als Comic-Magazine, spielte sich doch hier die (auch öffentliche) Auseinandersetzung mit dem Medium meist mehr in der Berichterstattung als im tatsächlichen Produzieren und Konsumieren von Comics aller Art ab. Insofern ist "Die deutsche Comic-Fachpresse" nicht nur eine Untersuchung der besprochenen Publikationen, sondern auch ein einzigartiger Rückblick auf mehrerer Jahrzehnte deutsche Comic-Geschichte. (HaHa)


Beste deutschsprachige Comic-Publikation für Kinder und Jugendliche

Der Wind in den Weiden

"Der Wind in den Weiden" (Michel Plessix), Carlsen Verlag

"Der Wind in den Weiden" ist hierzulande vor allen Dingen als Zeichentrickfilm bekannt mit Vanessa Redgrave als Erzählerin. Bestenfalls kann man noch das Pink Floyd-Album "The Piper At The Gates Of Dawn" als Zitat aus dem Buch identifizieren. In Großbritannien dagegen ist der Band ein Kinderbuchklassiker, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1908 immer wieder aufgelegt wird.
Der Autor Kenneth Grahame, der einer der leitenden Direktoren der Bank Of England war, erzählte die Fabel ursprünglich seinem Sohn als Gute-Nacht-Geschichte, später führte er sie in Briefform fort. Doch Grahame wollte mit seiner Erzählung wohl vor allen Dingen Zivilisationskritik leisten, und auch deshalb wurde es zu einem Kultbuch der Ökologie- und Hippiebewegung in den siebziger Jahren. Sein Maulwurf ist der konservative britische Bürger, der den Einbruch des 20. Jahrhunderts unwillig registriert. Dem gegenüber steht der Kröterich, der sich, begeistert von der neuen Technik, sogar auf den Bock eines Autos schwingt und damit durch den Wilden Wald brettert. Zwischen diesen beiden Antipoden tümmeln sich die Ratte und der Dachs, beides Organisationstalente der besonderen Art. Diese vier Hauptdarsteller bewegen sich wiederum in einem Koordinatenkreuz, das seinerseits durchtränkt vom "Zurück zur Natur"-Mythos ist: Gegen die Idylle am Fluss steht der Wilde Wald als Symbol für den täglichen Existenzkampf, das unbekannte Land jenseits davon ist jedoch nicht nur Sinnbild für die Bedrohung durch die neue Zeit, sondern auch für die Träume, Wünsche und Hoffnungen der Protagonisten. Im Tonfall resigniert formuliert Grahame die "Religiosität einer pantheistisch fundierten Naturmystik auch formal in Anlehnung an die Bibelsprache", weiß Klaus Doderers "Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur."
Diese Sprache erspart der Comic von Michel Plessix, doch der Konservatismus findet sich auch hier wieder. Kein fieseliger Action-Stil, sondern groß angelegte Aquarelle, detailverliebte Zeichnungen, die an alte Kinderbuchillustrationen erinnern, bestimmen das Erscheinungsbild. Und Plessix läßt sich Zeit, viiiiel Zeit, um den Roman zu adaptieren. Geradezu kontemplativ kommt die Erzählung daher und entfaltet sich erst beim mehrmaligen Lesen zu ihrer ganzen Schönheit. Dabei gelingt es Plessix durchaus, die Balance zwischen Situationskomik und der Forderung nach Zivilisationsentsagung zu finden, die auch den Roman auszeichnet, ohne dem Leser ständig penetrant ökologisches Bewusstsein unter die Nase zu reiben. (LuG)


Bester internationaler Szenarist

Alan Moore

Alan Moore Kein Zweifel: Er ist der Meister! Egal was Alan Moore anfässt, es wird zu Gold in seinen Händen. Das begann schon vor 20 Jahren, als er aus der mittelmäßigen Gruselserie "Swamp Thing" den ersten Mainstream-Comic machte, den auch anspruchvollere Leser lesen konnten. Höhepunkt und gleichzeitig Endpunkt dieser Entwicklung war dann 1986 "Watchmen", vielleicht der beste Superhelden-Comic, der jemals geschrieben wurde. Was folgte, schien zunächst Verzettelung: Der Intellektuellen-Porno "Lost Girls" und die Jack the Ripper-Moritat "From Hell" begannen ihr Dasein in obskuren Independent-Anthologien. Wer konnte bei den ersten Kapiteln schon ahnen, daß aus "From Hell" einmal das opus magnum des "rauschebärtigen" Engländers werden sollte, ein Comic-Roman, so komplex und vielschichtig, daß er elf Jahre, 584 Seiten und fünf Verleger brauchte. Den einzigen Vergleich, den man zu "From Hell" anstellen könnte, ist der zu Art Spiegelmans Meisterwerk "Maus". In einem Interview verglich Späthippie Moore letztens die Arbeiten "From Hell" mit dem Bau einer Kathedrale - und so abwegig ist dieser Vergleich gar nicht. Alles, was Meister Moore schon bei den "Watchmen" angelegt hatte - Synchronizität, Symbolik und Symmetrie, Jung'sches kollektives Unterbewusstsein und Freud'sche verdrängte Sexualität - bricht sich hier seine Bahn, wird zu einem gewaltigen Epos, zu einer Meditation über das Böse im Menschen. Denn hinter der eigentlichen Ripper-Story steht viel mehr: eine politische Intrige, ein gesellschaftliches Hazardspiel und sogar eine Geheimgesellschaft, die die Weltherrschaft anstrebt. Und was zunächst aussah wie ein klassischer viktorianischer Krimi, entpuppte sich schnell als Psychogramm einer Epoche: Das britische Empire, das auf dem Höhepunkt seiner Macht bereits den Keim des Untergangs in sich trägt. Und das Böse manifestiert sich nicht nur in Jack the Ripper. Am Scheidepunkt zum Zeitalter der Massenvernichtung werden die Leser auch zum Beobachter bei der Zeugung Adolf Hitlers.
Neben diesem Werk und Brotarbeiten für "Spawn" und die "WildC.A.T.s", schrieb Moore in den letzten Jahren mit "Surpreme" auch noch den "besseren Superman". Hier versteckt er seine pessimistische Weltsicht in sehnsuchtsvollen, nostalgischen Beschwörungen. (LuG)


Spezialpreis der Jury

Roland Gethers

"Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" (Shane Simmons), Maro Verlag

"Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" ist eigentlich ein klassischer englischer Gesellschaftsroman, wie er im vorigen Jahrhundert gang und gäbe war. Shane Simmons erzählt dabei die (tragische) Geschichte eines vom Schicksal gebeutelten Bergarbeitersohnes von der Wiege bis zur Bahre. Was größtenteils als absurde Chronik in einem den "Monty Pythons" oder Douglas Adams nicht unähnliches Stil beginnt, entwickelt im Laufe der Handlung durchaus ernsthafte, ja, sozialkritische Aspekte, welche der skurrilen Lebensbeichte gelegentlich melodramatischen Tiefgang verleiht. Simmons bedient sich dabei ausschließlich der Form des Dialogs. Seine Geschichte könnte, ohne Abstriche und Veränderungen, daher auch als Hörspiel erscheinen. Oder als bilderloses Buch. Aber Simmons hat seine Texte in kleine - sehr kleine! - quadratische Blöcke gepackt, hat Punkte als handelnde Personen hinzugefügt und ab und zu auch mal einen Soundeffekt oder einen grafischen Kniff, wie das eine oder andere Quadrat schwarz zu färben, verwendet. Und somit ist "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" eindeutig ein Comic. Wenn auch ein in vielfacher Hinsicht außergewöhnlicher. Deswegen wurde der Band von der Jury auch in der Kategorie "Sonderpreis" nominiert und nicht etwa als "Beste Comic-Publikation" oder Simmons als "Bester Szenarist", obwohl beides durchaus gerechtfertigt gewesen wäre. Denn dieses Werk ist besonders. Und sonderbar. Auf jeden Fall aber lesenswert. (HaHa)

Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers


Sonderpreis für das Lebenswerk

Jean Giraud/Moebius

Jean Giraud/Moebius Jean Giraud wurde am 8. Mai 1938 in Nogent-sur-Marne, Frankreich, geboren und veröffentlichte seine ersten Comics 1956/57 in mehreren Zeitschriften, bevor er ein Jahr später an der Seite von Jijé seine außerordentlichen Fähigkeiten im Bereich des Westerncomic entwickelte. 1963 erschien der erste "Blueberry" (nach einem Szenario von Jean-Michel Charlier), eine Serie, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. Dennoch wollte er sich nicht einseitig auf den Western festlegen, sondern zeichnete unter dem Pseudonym Moebius zeitgleich zu Science Fiction-Themen. Die Titel seiner Arbeiten als Moebius sind mittlerweile Comic-Legende: "Die hermetische Garage des Jerry Cornelius" (Major Grubert), "John Difool", "Die Sternenwanderer" sind Glanzpunkte des Erwachsenencomics. Jean Giraud/Moebius Bedeutung liegt über dem Wert seiner Werke hinaus in seiner Vorbildfunktion für zahlreiche Zeichner (u.a. Claude Auclair, Michel Blanc-Dumont, Milo Manara, Arno, Christian Rossi und George Bess), die den Spuren folgen, die er auf dem Zeichenpapier und in den Köpfen hinterlässt. Jean Giraud sagt von sich, dass ihm seine starke Kurzsichtigkeit beim Zeichnen der Details sehr helfe. Doch das allein kann seine besondere Wirkung nicht ausmachen, hinzu kommt Neugier, Spiritualität und Phantasie. (pela)


Kürzel der Autoren: TA - Titus Arnu, LuG - Lutz Göllner, HaHa - Harald Havas, HH - Herbert Heinzelmann, pela - Petra Lakner

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