Mit RRAAH! erschien ab November 1987 ein neuer Typ von Comic-Fachzeitschrift. RRAAH! bemühte sich weniger um die Analyse einzelner Werke, sondern konzentrierte die Aufmerksamkeit auf den Markt und die Menschen hinter dem Comicgeschehen, die sogenannte Szene. So ist auch der Untertitel des anfangs noch schmalbrüstigen Hefts zu interpretieren ("Neues aus der Comic-Szene"), der andererseits deutlich auf das Urgestein unter den deutschen Fachblättern verweist, die Zeitschrift Comixene. Deren Mitarbeiter war einer der beiden Herausgeber von RRAAH!, Eckart Sackmann, im letzten Jahr ihres Bestehens gewesen. Der Ausgangspunkt für RRAAH! liegt denn auch einige Zeit vor dem Erscheinen des ersten Hefts - weniger in der Comixene allerdings, als in einem Objekt, das Sackmann während seiner Tätigkeit als Lektor im Comicverlag Carlsen betreute.
1982 war bei Carlsen die Schiene der "Comics für Erwachsene" in der Edition comicArt zusammengefaßt worden. Mit der Erweiterung des Programms beschloß der Verlag eine neue Informationspolitik. Sie äußerte sich 1983 zunächst in einer Werbezeitung namens comicArt , die auf vier DIN A3-Seiten im Grunde nichts anderes als Werbetexte zu den Neuerscheinungen der Edition enthielt, während sie gleichzeitig dem Interessenten suggerierte, sie informiere ihn besser als andere Quellen.
Schon nach zwei Ausgaben wollte Carlsen diese Form der Kundeninformation auch auf sein Programm an Kindercomics erweitert wissen. Zu diesem Zweck entwarfen die Redaktion und der Graphiker Arnd Bentlin ein neues, 24seitiges Magazin im Format DIN A4, das nun schlicht den Titel Carlsen Comics trug, den Untertitel von comicArt ("Neues aus der Welt der bunten Bilder") aber übernahm. Das jetzt vierfarbige Kundenheft enthielt den Angebotskatalog und die schon aus comicArt bekannten Werbetexte, hatte durch den hohen Bildanteil und eingestreute Comicseiten aber durchaus auch Unterhaltungswert.
Sackmann verließ Carlsen im Frühjahr 1985, um sich zusammen mit dem Graphiker Peter Hörndl als Verleger selbständig zu machen. Nicht nur die in ihrem neuen Verlag comicplus+ produzierten Alben lehnten sich eng an die erfolgreichen Carlsen-Comics an; in der Konzeption eines eigenen Werbehefts nahmen sich Sackmann und Hörndl das Carlsen Comics-Magazin zum Vorbild. Deutlich wird das schon in der Wahl des Untertitels und in der Titelbildgestaltung, die von einem Schriftzug in den Carlsen-Farben Rot und Gelb dominiert wurde.
Anfangs hatte RRAAH! (der Titel ist eine Onomatopöie) für comicplus+ tatsächlich die Funktion eines Werbemittels. Und nicht nur für comicplus+, denn auch andere konnten und sollten von dem neuen Magazin profitieren - wobei sie es im wesentlichen finanzieren halfen. Im Unterschied zu den älteren Comic-Fachzeitschriften lebte RRAAH! zum überwiegenden Teil von der im Heft geschalteten Anzeigenwerbung. Daher war es lange Zeit möglich, den niedrigen Verkaufspreis von DM 3,- zu halten.
Über diesen Preis wurden die Comic-Händler vom Verlag animiert, RRAAH! in 50er- oder 100er-Packs zu beziehen, um sie ihren Kunden gratis mit-zugeben. Sinn machte ein solcher Einsatz von RRAAH! durch einen "Comic Countdown" genannten, für die Comic-Fachpresse neuartigen Teil des Magazins, in dem mit Eckdaten und Kurzinformationen jeweils das gesamte deutschsprachige Comicprogramm der kommenden drei Monate vorgestellt wurde. So funktionierte RRAAH! für den Buchhandel wie ein Angebotskatalog. Der "Comic Countdown" in RRAAH! half Lesern und Buchhändlern bei der Orientierung im "modernen Comic-Dschungel"; er war
"[...] ein Kaleidoskop der Comic-Branche, dem der Leser, Buchhändler oder Sammler in übersichtlicher Form das Comic-Angebot des laufenden Vierteljahres entnehmen kann."
Der "Comic Countdown" war auch der Grund, warum in RRAAH! anfangs eine für andere Fachmagazine unverzichtbare Rubrik fehlte: die Rezensionen. Hier hätte es Überschneidungen mit der Vorschau gegeben; außerdem widersprachen Rezensionen dem Anliegen der Aktualität. Ende der 80er Jahre hinkten die anderen Fachmagazine mit ihren Rezensionen und ihrem unregelmäßigen Erscheinen weit hinter dem immer schnellebiger werdenden Markt hinterher. RRAAH! hingegen war pünktlich und stellte das auch werbewirksam heraus.
Obwohl sich die Zeitschrift als eine Hilfe für alle verstand, die mit dem Medium Comic in Berührung kamen, wurde der direkte Kontakt zum Leser vermieden. Es war neu für die Comic-Fachpresse, daß die Verfasser der Artikel im Heft nicht namentlich genannt wurden. Das erinnerte ein wenig an das notorische Spiegel-Prinzip, kaschierte jedoch lediglich den Umstand, daß so gut wie alles von einem einzigen Autor, nämlich von Eckart Sackmann, stammte. Ungewohnt war auch das Fehlen einer Leserbriefseite. Der Rezensent des Comic Forum monierte daher das Fehlen von "Meinungsvielfalt". Doch RRAAH! wollte kein Forum der Szene sein; es war tatsächlich, wie der Kritiker schrieb, ein Verlautbarungsmagazin.
Die Startausgabe vom November 1987 war lediglich 36 Seiten stark. Ein Viertel davon nahm der "Comic Countdown" ein, ein weiteres Viertel ein Artikel über André Juillard, einen Zeichner aus dem Programm von comicplus+. Das Heft litt deutlich an Kinderkrankheiten. Die wurden in den folgenden Ausgaben bald überwunden, besonders nachdem eine Erhöhung des Umfangs mehr Profil zuließ. Dem Konzept von RRAAH! lag ein Schubkasten-System mit festen Rubriken zugrunde, die schematisch durch einander ähnliche Artikel aufgefüllt wurden. "Gesammelt ergeben diese Artikel ein schönes Nachschlagewerk", folgerte der Verlag in bezug auf das Zeichnerporträt "Im Blickpunkt".
Das Coverillustration und Heft dominierende Zeichnerporträt (Szenaristen kamen bisher nicht zum Zuge) blieb bis heute einer der Hauptbestandteile der Zeitschrift. Nachdem hierfür zunächst die comicplus+-Künstler aufgearbeitet worden waren, wandte sich RRAAH! verstärkt den Zeichnern anderer Verlage zu. Die Darstellungen waren mit sieben bis acht Heftseiten textlich knapp gehalten und hatten den Charakter von lexikalischen Beiträgen. Der mangelnde Raum verhinderte eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Zeichner; die Artikel beschränkten sich auf einen Streifzug durch die Vita und die wichtigsten Werke der vorgestellten Personen.
Die Rubrik "Nahaufnahme" war ebenfalls von Anbeginn an im Heft zu finden. Hier wurden dem Leser die "Macher" vorgestellt: Verleger, Redakteure, Agenten und andere, die im Alltag der Szene und der Comic-Produktion wirkten. Obwohl die Beschreibungen Wert auf die Comic-Verbindungen der Skizzierten legten, fehlte ihnen nie ein Hauch von human interest, ein Seitenblick auf die privaten Vorlieben. Ähnlich locker fielen die Artikel über den einheimischen Zeichnernachwuchs aus, die unter dem Kunstwort "Art Direction" (heute: "Sprungbrett") firmierten. Die Zeichner waren in den meisten Fällen sehr weitsichtig ausgewählt - nicht wenige der hier noch in ihren Anfängen Vorgestellten machten sich in späterer Zeit einen Namen.
Als RRAAH! 1990 einen "Kritikerpreis", den "Comic des Jahres", ins Leben rief, waren Punktbewertungen von Comics nicht neu. Eine Bewertungsliste fand sich beispielsweise in dem ab 1989 öffentlich angebotenen ICOM Info, dem RRAAH! mit seiner Ausschreibung knapp zuvorkam, nachdem ICOM Info-Chefredakteur Gerd Zimmer ähnliche Absichten geäußert hatte. Der "Comic des Jahres" wurde von zehn mehr oder weniger unabhängigen Comic-Journalisten ermittelt, die das ganze Jahr über alle Neuerscheinungen einsahen und benoteten. Die besten zehn Bewertungen eines Vierteljahres wurden in RRAAH! vorveröffentlicht. Der nach dem durchschnittlichen Punkte-Ergebnis Höchststehende eines ganzen Jahres wurde im Novemberheft zum Sieger erklärt.
Während der Punktekatalog der "Tops'n'Flops" im Heft sicher den statistisch interessierten Leser erfreute, konnte der eigentliche "Comic des Jahres" nicht in publikumswirksame Werbung umgesetzt werden. Das Fehlen einer Verleihungszeremonie oder eines handfesten Preises, wie es sie etwa beim "Prix Vienne" des Comic Forum gab, verhinderte, daß die Öffentlichkeit vom "Comic des Jahres" viel Notiz nahm. Dennoch setzte sich die Bestenliste in RRAAH! wohltuend von den Bestsellerlisten der Verlage und Mitbewerber ab.
Informieren und unterhalten waren zwei der Absichten von RRAAH!. Der Unterhaltungswert der Zeitschrift wurde durch Beiträge gestützt, die zwar auch Comics zum Thema hatten, in ihrer Form aber sehr populär gehalten waren. Zu diesen Beiträgen gehörten zum Beispiel ab Heft 9 die mit "Helter Skelter" (heute: "drunter & drüber") überschriebenen Eingangsseiten, ein buntes Potpourri vor dem vergleichsweise langatmigen Hauptartikel. Hierzu zählten auch die eingestreuten Comicseiten, denen - wie dem von Hörzu inspirierten "Original & Fälschung" und der Fotogalerie "Snapshot" (heute: "Schnappschuß") - die Aufgabe zukam, die den eher textlastigen Rubriken "Checkpoint" (Rezensionen ausgewählter Sekundärliteratur, heute: "Prüfstein")), "Nahaufnahme" oder "Dateline" (heute: "Stichtag") gegenüberliegenden Seiten optisch aufzulockern. Lange Zeit schloß der Innenteil des Magazins mit "Klatsch & Tratsch", an einer Stelle, die heute das Preisrätsel "Hu_s hu?" einnimmt.
Wichtiges Element nicht nur bei der Unterhaltung, sondern auch bei der Informationsvermittlung war das Bild. Die Entwicklungen der Reprotechnik erlaubten es RRAAH!, stärker, als es bei den früheren Comic-Fachmagazinen der Fall gewesen war, Fotos einzusetzen. Dadurch konnte nicht nur der Stand der Comicgeschichte dokumentiert werden, sondern auch der (äußerliche) Zustand der Szene. Anstelle langer Textberichte vom Erlanger Comic-Salon etwa, wie sie die Konkurrenz brachte, fand der Leser in RRAAH! vielfach Fotostrecken, die auf ihre Weise einen Eindruck vom Geschehen vermittelten. Das Layout fiel in die Zuständigkeit von Peter Hörndl, der mit kreativem und arbeitstechnischem Aufwand dafür sorgte, daß das Konzept der inhaltlichen Vielfalt auch in der Anmutung des Hefts zum Ausdruck kam. In die Gestaltung investierte die Zeitschrift viel Geld (Aufrüstung auf den neuesten technischen Stand) und Zeit. (Siehe "Vom Klebeumbruch zu Photoshop")
Neben der fachlichen Information, den Berichten über das Szenegeschehen und dem Unterhaltungswert darf ein anderer Aspekt von RRAAH! nicht übersehen werden, der der Kritik. Gemeint ist nicht die Reaktion auf das editionspolitische Verhalten der Verlage, wie es auch in den anderen Comic-Fachzeitschriften zu lesen war. Gemeint ist vielmehr eine Analyse des nationalen und internationalen Marktgeschehens und eine Vorausschau der Konsequenzen. So erkannte RRAAH! sehr früh die Gefahr einer Übersättigung des Marktes durch einen unverhältnismäßigen Titelausstoß. Sackmann warnte schon 1989 vor einer erneuten Trivialisierung der Graphischen Literatur und 1990 vor einer drohenden Ramschflut.
Obwohl immer der Aktualität angepaßt, zeigte RRAAH! in seiner konzeptionellen Struktur von seinen Anfängen bis heute wenig Veränderung. Auch die Weiterentwicklung des Layouts geschah so behutsam, daß nur ein Vergleich zwischen ganz frühen und späten Heften Unterschiede aufzeigt. Dem Leser dürfte kaum aufgefallen sein, daß auch RRAAH! sich mit den Schwankungen des Marktes auseinanderzusetzen hatte. Vom Start weg war das Magazin durch das gute Image von Sackmann und Hörndl und ihrem Verlag comicplus+ getragen worden. Ab 1988 kam RRAAH! die enorme Erhöhung der Comic-Produktion aller Verlage zugute; der "Comic Countdown" etablierte sich als der verkaufsträchtigste Teil des Hefts. Anfang der 90er Jahre bestätigte sich dann schmerzlich, daß der "Comic-Boom" nur ein Boom des Angebots, nicht aber der Nachfrage gewesen war.
Alle Comicverlage gerieten in Schwierigkeiten. Schrittweise kürzten gerade die größeren Verlage ihre Investitionen im Anzeigenbereich. Gleichzeitig tummelten sich immer mehr Fachmagazine auf dem enger werdenden Markt, und alle versuchten, ihr Stück vom Anzeigenkuchen zu erhaschen. RRAAH! spürte das Tief vor allem in den Jahren 1994 und 1995. Zwar war die Existenz der Zeitschrift nie in Gefahr, die Gewinne sanken jedoch trotz der Einsparungen im technischen Bereich. Erst 1996, als mit Comic Speedline und Comixene praktisch nur noch zwei Mitbewerber am Markt standen, begann sich die wirtschaftliche Lage wieder umzukehren. Sackmann und Hörndl investierten in eine bessere Ausstattung (18 der 68 Seiten wurden jetzt vierfarbig gedruckt), was sich auch auf die Anzeigenakquisition positiv auswirkte.
In den Jahren 1997 und 1998 verlagerte sich der Schwerpunkt des deutschen Comic-Marktes in Richtung auf das Pressegrosso. Die Produktion der jetzt dominierenden Verlage wird von RRAAH! allerdings nur am Rande verfolgt, auch wenn sich das ungünstig auf den Anzeigenverkauf auswirkt. Das Interesse der Herausgeber gilt mehr denn je der Erfassung der deutschen Comic-Kultur. RRAAH! setzt auf die Vermittlung qualitativ hochwertiger Comics sowie auf die Darstellung der Historizität des Mediums und steuert damit gegen den momentanen Trend.
Um den Arbeitsaufwand für RRAAH! zu verringern, ersetzte die Redaktion im Mai 2000 (mit Heft 51) den "Comic Countdown" durch eine Rubrik mit ausgewählten Rezensionen - ein riskantes Unterfangen, galt die Vorschau doch als Herzstück des Magazins. Gleichzeitig wurde der Umfang des Hefts verringert. Natürlich billigten nicht alle Leser diese radikale Entscheidung, doch konnte ein kurzzeitiger Auflagenrückgang bald wieder ausgeglichen werden.
Mit seinem neuen Konzept rückte RRAAH! einen Schritt näher an die Machart traditioneller Comic-Fachmagazine. Was den Informationsaustausch anging, kooperierte RRAAH! in seiner Spätphase mit dem einzigen anderen aktuellen deutschen Fachblatt Hit Comics und auch mit dem Comicmagazin ZACK. Das Interesse der Comicleser an fundierter Information über Comics hatte in den 90er Jahren deutlich nachgelassen.
Der Grund für die Ende 2001 erfolgte Einstellung des Magazins lag aber weder an einem Rückgang der Verkäufe von RRAAH! noch an fehlenden Anzeigenkunden. Er lag allein in der Amtsmüdigkeit der beiden Macher, die ihr Heft vierzehn Jahre lang mit viel Aufwand betrieben hatten und die sich nun lieber verstärkt dem Buchverlag comicplus+ widmen wollten.
Fortgeführt wurde nur der seit 1998 bestehende Internet-Ableger RRAAH! online. RRAAH! war damals die erste deutsche Comic-Fachzeitschrift gewesen, die mit einer Netz-Version aufwarten konnte. Nach der Einstellung des Hefts änderte sich der Name der Website von RRAAH! online zu comic.de.
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