Hingucker
                 

 
Rundblick, Report und Recherche – viele Seiten Comic-Wissen
Aufgefallen: Besondere Bücher zum Einblicken. Vorgestellt von Andreas Dierks.

Bei der Frage nach der Lage des Marktes für deutschsprachige Comics gerät man ins Grübeln, bei der Rückbesinnnung auf frühe deutsche Comiczeichner fällt einem nur Wilhelm Busch ein, beim Lesen eines Comicblogs wüsste man gerne mehr über die Macher und Hintergründe. Der Comicszene bietet sich schon seit vielen Jahren die passende Sekundärliteratur zu all ihren Themen, zum Teil im Netz, zum Teil auf Papier. Um Letzteres geht es in diesem Hingucker.
 

Comic Report 2012 Comic Report 2012, Seite 137 Comic Report 2012

Der zweite Band der Reihe "Comic Report" wird von den Herausgebern nicht nur als Jahrbuch zu Aspekten des deutschsprachigen Comicmarkts verstanden. Man beabsichtige darüber hinaus, ein "gedrucktes Referenzwerk mit bleibendem Wert" zu schaffen, welches einen Gegenpol zur "unstrukturierten Informationsflut des Internets" biete. Dieser Hinweis lässt sich als Anspruch deuten, sowohl alle wichtigen Facetten der Entwicklung des Comicmarkts als auch die markanten, besonderen Aspekte des Berichtjahres 2011 mit dem "Comic Report" zu erfassen. So feiert der seitenstarke Softcoverband unter anderem die wichtigen Jubiläen des Jahres nach, wodurch Themen wie 30 Jahre "Menschenblut", 25 Jahre "Wendy" oder 30 Jahre ICOM einen Platz in diesem Marktreport finden, Themen, die man eher in einem Comicmagazin wie der "Reddition" oder der "Comixene" erwartet hätte. Wie schon die Coverabbildung verrät, werden im "Comic Report 2012" die Comic-Verfilmungen des Jahres 2011 besonders herausgestellt, was neben der Auflistung von Superheldenfilmen auch willkommener Anlass zu einem Rückblick auf die Geschichte der "Schlümpfe"- und "Tim und Struppi"-Filme bietet.

Da Verfilmungen dieser Größenordnung ihre Wirkung auf den Comicmarkt haben werden, erfüllen die Autoren mit den Kapiteln über die Comic-Verfilmungen auch die Erwartungen derjenigen, die im "Comic Report" vornehmlich Einblicke in das Marktgeschehen suchen, wie es die Unterzeile des Buchtitels verspricht. Die sechzehn Seiten, die den "Blauen Boys" gewidmet sind, erscheinen vor diesem Hintergrund eher abschweifend, wenngleich der umfassend informierende Beitrag sehr lesenswert ist. Der Marktreport-Anteil wurde im Vergleich zum Vorjahr erweitert. Darin werden besondere Titel genannt und die Entwicklung und die Ausrichtung der Verlage im Berichtsjahr zusammengefasst. Die rechts stehende Abbildung zeigt eine der klar aufgebauten Seiten des Marktreports (Seite 137 des Buches, zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken). In zwei Spalten werden die Inhalte vermittelt, eine Randspalte ergänzt diese durch in der Regel gut erläuterte Abbildungen.

In einem Marktreport wird man aussagekräftige Zahlen, Verkaufskurven und Tortendiagramme suchen. Da die Verlage mit genauen Zahlen jedoch meist hinter dem Berg halten, wären die Autoren auf Schätzungen angewiesen, wollten sie den Comicmarkt zahlenmäßig genau abbilden. Einiger Nebel bleibt. Dennoch fehlen einem nach dem Lesen des "Comic Report" die Einblicke in den aktuellen Stand auf dem deutschen Markt keineswegs. Die Autoren haben durchaus genügend Informationen zusammengetragen. Die zweite Hälfte des Buches erweist sich zum einen als kleine Fundgrube für Zahlenkarle und Listenheinzis und zum anderen als Spiegelbild der Stimmung in Verlagen, Läden und Vertrieben. Allein die hier abgedruckte Liste aller Neuerscheinungen 2011 ist erstaunlich lang. Angesichts einer Anzahl von etwa 1.300 neuen, deutschsprachigen Comics pro Jahr erweist sich ein derart reichhaltiges und gut geschriebenes Buch wie der "Comic Report" als praktischer und notwendiger Orientierungshelfer.

Volker Hamann/Matthias Hofmann (Hrsg.), "Comic Report 2012", Edition Alfons, SC, 192 S., € 14,95

Deutsche Comicforschung 2012, Seite 37 Deutsche Comicforschung 2012 Deutsche Comicforschung 2012

Liest man das Vorwort zum mittlerweile bereits achten Buch der Reihe "Deutsche Comicforschung", dann stellt man sich verschiedene Arten von Comicforschern vor. Zum einen scheint es dort eine Art von Schmetterlingsjägern zu geben, die jahrein, jahraus in Kisten und Kästen von Flohmärkten, Dachböden, Antiquariaten und Bibliotheken nach noch unbekannten Stücken stöbern. Und dann sind in diesem Bereich selbstverständlich auch grübelnde Stubenhocker tätig, die aus dem ihnen vorliegenden Material neue Erkenntnisse abzuleiten versuchen. Beide könnten sich trefflich ergänzen. Der Schmetterlingsjäger wäre für die Nennung von Jagdzielen dankbar, der Stubenhocker für eine möglichst umfassende Jagdstrecke. Das Problem, auf welches der Herausgeber der diesjährigen Ausgabe der "Deutschen Comicforschung 2012" hinweist, ist Ziellosigkeit und mangelnde Gründlichkeit beim Sammeln von Belegen. Man zeigt Trophäen und verpasst die sorgfältige Einordnung in den Zeitgeist, die Darlegung der sozialen, künstlerischen und technischen Zusammenhänge. Einer breit angelegten Grundlagenforschung, auf der man dann später solide aufbauen kann, redet der Verfasser das Wort. Dazu zieht er sich dann auch selbst die großen Stiefel an, mit denen bereits Hannemann seinen Leuten voranging.

Am Beispiel des Beitrags über das Leben und Werk Otto Schendels lässt sich gut nachvollziehen, welches Vorgehen die "Deutsche Comicforschung" bevorzugt. Obwohl anfangs alle persönlichen Daten fehlten, konnte Eckart Sackmann zu diesem Zeichner, von dem man nur durch seine zwischen 1907 und 1942 erschienenen Arbeiten etwas wusste, durch beharrliches Nachhaken auch bei Ordnungsämtern und der Verwandtschaft Lebensdaten und Belege seines Schaffens ermitteln. So erfährt Schendel auf zwanzig Seiten endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit und der Leser zudem Einblicke in die Zeit der Witzblätter und der frühen Autoreifen-Werbung. Die reich bebilderten Beiträge des Forschungsjahrbuchs sind gut lesbar dreispaltig angelegt, wie die links abgebildete Seite zeigt (Seite 37 des Buches, zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken). Durch das große Format des Buches (DIN A4) und der guten Reproduktion der Bildbelege, sind die Einzelheiten in den Abbildungen stets gut zu erkennen und machen einen beeindruckenden Querschnitt des Werks des Zeichners sichtbar.

Der große Aufwand für die alljährliche Recherche zu einem dieser Forschungsjahrbücher lässt sich auch an den Beiträgen zum DDR-Comic ablesen. Es wird einiges an Zeit und Sammeltouren gekostet haben, um all die Comics zu ergattern und die Geschehnisse festzuhalten, die uns fälschlicherweise als noch zu nah erscheinen, um sie schon jetzt in ein Geschichtsbuch zu schreiben. Doch wartet man zu lange untätig ab, besteht wie bei Otto Schendel die Gefahr, dass sich keiner mehr findet, der die Erinnerung an und etwaige Lehren aus dieser lebendigen Zeit umfassend genug wachrufen kann.

Eckart Sackmann (Hrsg.), "Deutsche Comicforschung 2012", comicplus+, HC, 144 S., € 39,-

Comic Jahrbuch 2012 Comic! Jahrbuch 2012, Seite 114 Comic! Jahrbuch 2012

Das dickste Buch im Rahmen dieser Vorstellung von Jahrbüchern zum deutschsprachigen Comic ist auch dasjenige, welches bereits am längsten erscheint. Schon die zwölfte Ausgabe gibt der Interessenverband Comic e.V. (ICOM) in diesem Jahr heraus. Bei allen vorgestellten Jahrbücher gleicht sich die Aufmachung der Seiten durch ihre "heilige Dreispaltigkeit" und durch das Einfügen von erläuterndem Bildmaterial, wie die rechts abgebildete Seite erkennen lässt (Seite 114 des Buches, zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken). Man merkt dem Buch an, dass es die Interessen der heutigen Comiczeichner befördern möchte und dem Independent Comic zuneigt, indem alljährlich beispielsweise die Gewinner der Independent Comic Preise auf gut fünfzig Seiten vorgestellt werden. Doch ist das weder zu beklagen, sondern immer ein frischer, interessanter Teil des Buches, noch fehlen dadurch die Beiträge mit allgemeinen Ideen und aktuellen Betrachtungen zur Comic-Szene, wegen derer man sich ein Jahrbuch zulegt.

In diesem Jahr stellt das Jahrbuch zum Beispiel Piit Krisp, einen der Zeichner von "Lurchi" vor, geht auf das Erbe des DDR-Comics ein und gibt einen Überblick zum deutschen Webcomic. Auch der US-Comicmarkt und die Comicmärkte in Frankreich und den Niederlanden werden unter die Lupe genommen. Es verblüfft, wie viele interessante, meist in Interviewform verfasste und umfangreiche Beiträge das großformatige und dicke "Comic! Jahrbuch" jedes Jahr zusammenträgt, ohne dass dem Herausgeber die Puste und die Geduld beim Warten auf längst fällige Texte ausgeht. Für November dieses Jahres ist bereits das "Comic! Jahrbuch 2013" angekündigt.

Burkhard Ihme (Hrsg.), "Comic! Jahrbuch 2012", ICOM, SC, 240 S., € 15,25

Comic Report 2012

 

Deutsche Comicforschung 2012

 

Comic! Jahrbuch 2012

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