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Jimmy das Gummipferd
Eine Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover
Von Eckart Sackmann

"Kinder haben Sternchen gern, denn Sternchen ist das Kind vom Stern." Der älteren Generation ist dieser Slogan bis heute im Kopf geblieben. Das "Sternchen", die Kinderbeilage der Illustrierten Stern, las man in den 50er und 60er Jahren auch wegen der im Heft enthaltenen Comics. Deren langlebigster - und eine der umfangreichsten deutschen Serien überhaupt - war "Jimmy das Gummipferd" von Roland Kohlsaat.

Das Wilhelm-Busch-Museum Hannover hat in seiner Retrospektiv-Reihe zur deutschen Bildergeschichten-Tradition nun auch diesen Klassiker wiederentdeckt und zeigt erstmals die Originalvorlagen des Comics. In Anwesenheit von Sigrid und John Kohlsaat, Frau und Sohn des 1978 verstorbenen Zeichners, wurde die Ausstellung am 2. Februar 2003 eröffnet.

Roland Kohlsaat, geboren am 24. Mai 1913, hatte er nach dem Besuch des Real-Gymnasiums an der Kunstgewerbeschule studiert. In den 30er Jahren verdiente er sich sein Geld mit Pferdebildern, Porträts und Landschaften, bevor er schließlich "zu den Fahnen geeilt wurde". Kohlsaats erster comicähnlicher Strip entstand Anfang 1953 für die Programmzeitschrift Hören und Sehen (Ausgabe Funkwacht), eine Bearbeitung des Kinderbuch-Klassikers "Kai aus der Kiste" von Wolf Durian.

Mitte 1953 suchte die Redaktion des Stern nach Zeichnern für die neue Kinderbeilage der Illustrierten. Quasi von einem Tag auf den anderen entwarf Roland Kohlsaat das Konzept zu einem Comic namens "Julio und Jimmy", der im Juli in der dritten Ausgabe des "Sternchens" sein Debüt feiern konnte. Wenngleich der Zeichner später zugab, zu "Julio und Jimmy" habe ihn José Luis Salinas' "Cisco Kid" inspiriert, so hatte Kohlsaat mit diesem Comic doch etwas sehr eigenes geschaffen.

Julio ist ein prächtig gekleideter Gaucho der argentinischen Pampas, Jimmy ein aufblasbares, weißes Gummipferd, das ganz nach Belieben seine Form verändern kann und ziemlich universell einsetzbar ist. Kohlsaat führte seine beiden Helden durch fremde Länder, die wenigstens ebenso phantastisch anmuteten wie das Reittier und die bevölkert waren von allerlei Fabelwesen. Zu Neujahr war das unternehmungslustige Gespann meist wieder zurück in der Heimat.

Mit Jimmys Hilfe bestand der Gaucho seine Abenteuer zunächst in Form von abgeschlossenen Onepagern, von 1956 an dann in Fortsetzungsgeschichten. "Julio und Jimmy" (später umgetauft in "Jimmy das Gummipferd" bzw. "Julios abenteuerliche Reisen") war nicht nur die Attraktion des "Sternchen", es war einer der wichtigsten deutschen Comics überhaupt. Sowohl von den märchenhaften Inhalten als auch von den prägnanten Zeichnungen her gab es hierzulande nichts Vergleichbares. Nachdem der Stern seine Kinderbeilage 1961 eingestellt hatte, lief die Serie noch bis Anfang 1977 mit wöchentlich zwei Streifen im großen Heft weiter.

Aus dem gewaltigen Fundus an Originalen, die sich allesamt noch in der Obhut der Familie Kohlsaat befinden, kann ein Museum nur einen Ausschnitt zeigen. In Hannover hat man sich vor allem auf die Hoch-Zeit der Serie (um 1960 herum) konzentriert, Episoden, die in voller Länge in dem vorbildlich gestalteten Begleitbuch abgebildet werden. Kenner der "Sternchen"-Hefte werden von den großformatigen (45,5 cm x 37 cm), in zwei Farben aquarellierten Originalen überwältigt sein. Die Sprechblasen und Boxen wurden von Kohlsaat damals per Hand vollgeschrieben (Reste davon sind noch sichtbar), von der Redaktion aber mit einem gesetzten Text überklebt.

Während die großen Blätter auf thematisch sortierten Standpulten präsentiert werden, hängen an der Wand ältere Folgen der Serie sowie einige Beispiele aus anderen Arbeiten Kohlsaats. Auch das Aussehen der "Sternchen" wird dem Besucher hier anschaulich vorgeführt. Im Vorraum zur Ausstellung sind animierte Szenen aus dem Comic zu sehen, mit viel Phantasie in Szene gesetzt von Studenten der Fachhochschule Harz.

Zur Eröffnung gab der jetzt in London lebende Sohn Roland Kohlsaats einige Einblicke in den Alltag des Zeichners. Der Vater habe täglich von 8 Uhr bis 18 Uhr (unterbrochen von einer Mittagspause) diszipliniert an seinen Geschichten gearbeitet. Wenn Kohlsaat eine neue Geschichte ausbrüten mußte, zog er sich zurück, und man sagte im Haus "Papa grübelt! Der " "Papa" habe sich auch vom Alltag inspirieren lassen: Wenn John Kohlsaat heute die alten Geschichten seines Vaters liest, erinnern ihn die Figuren nicht selten an alte Bekannte.

Insgesamt ist dies eine sorgsam gewichtete und sehr beeindruckende Reminiszenz. Ansprechen wird "Jimmy das Gummipferd" wohl vor allem denjenigen, der die Abenteuer des Gauchos Julio schon aus der Zeit kennt, in der sich der Stern noch an die ganze Familie wandte.

Im Oldenburger Lappan Verlag erschien anläßlich der Ausstellung ein Reprint der nach den Originalzeichnungen reproduzierten Jahrgänge 1959 bis 1963.

Roland Kohlsaat:
Jimmy das Gummpiferd
Die Abenteuer von Julio und Jimmy.

Mit einem Vorwort von Hans Joachim Neyer
240 Seiten, Farbe, Überformat, € 24,90

Die Ausstellung "Jimmy das Gummipferd" ist bis zum 4. Mai 2003 im Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Georgengarten, zu sehen und vom 21. Mai bis zum 25. August 2003 im Altonaer Museum Hamburg, Museumstraße 23.

Mehr über "Jimmy das Gummipferd" und den Zeichner Roland Kohlsaat sehen Sie bitte unter der Adresse www.das-gummipferd.de.
Die Webadresse des Wilhelm-Busch-Museums lautet www.wilhelm-busch-museum.de.


Copyright © 2003 Verlag Sackmann und Hörndl