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Kindergeschichten
Eine nonlineare Novelle
Von Eckart Sackmann

Die Einführung neuer technischer Medien hat es mit sich gebracht, dass die Autoren sich auch mit der formalen Weiterentwicklung des Comic auseinandersetzen. Teilanimation und Flash heißen die Zauberwörter. Christoph Heuer ist einen anderen, nicht minder spannenden Weg gegangen.

Seine für CD-ROM konzipierten "Kindergeschichten" sind in der Comicszene bisher weniger bekannt als im Kunstbetrieb. Eine "nonlineare Novelle" nennt Heuer das Projekt im Untertitel und versteht darunter eine "Graphic Novel" mit anderen als den konventionellen Mitteln.

"Ursprünglich waren die Geschichten als Dia-Shows angelegt. Gelegentlich sollten Geräusche bestimmte Atmosphären unterstützen. Doch so funktionierte das Prinzip nicht. Der Benutzer in der Welt des Internets klickt sich gerne durch. Möglichst schnell." Wo die Bilder dieser Erzählung nicht mit Musik oder Tönen hinterlegt sind, übernehmen Sprecher die Funktion, die im handelsüblichen Comic den Sprechblasen zukommt.

Verknüpfte Module ermöglichen die Wahl zwischen Haupt- und Seitensträngen der Handlung. Wo die verschiedenen Wege durch die "Kindergeschichten" beginnen, erkennt man durch scharf/unscharf- Rollovers. Der Leser stellt sich seine eigene Geschichte zusammen und kann bei Bedarf den "verpaßten" Faden wieder aufnehmen. Ein Inhaltsverzeichnis, die über die Returntaste zu erreichende Mindmap, gibt einen Überblick über das bereits "Gelesene". Zwischenstände lassen sich abspeichern.

Wie im Comic, arbeitet Heuer mit feststehenden, aufeinander folgenden Bildern. Bewegung erreicht er durch Schwenks, Zoom, Farbwechsel und Überblendungen. Doch das starre Bild überwiegt. Es läßt dem Betrachter die Zeit, die er braucht; ein Mausklick führt in die nächste Szene. Dauer ist durch die Sprechtexte vorgegeben, die jedoch auch verkürzt werden können.

 

Für Heuer, den Autor und Gestalter, war "Kindergeschichten" nicht nur ein Spiel mit der Form. "Im allgemeinen wird die Geschichte eines Krieges aus der Sicht von Historikern und Militärs erzählt. Doch die, die der moderne Krieg am ärgsten trifft, kommen nicht zu Wort. Deshalb wurde hier versucht, einen neuen Weg zu beschreiben, den Krieg aus der Sicht der Zivilisten."

Eine Familie wird ausgebombt, muß fliehen und wird bei einem Bauern untergebracht, bis der Einmarsch der Amerikaner die neue Zeit einläutet. Aus der Perspektive eines Kindes ist das nicht nur Schicksal, sondern immer auch Abenteuer. Christoph Heuer schafft Anteilnahme, schafft Realität jenseits abstrakter Geschichtsvermittlung. Die geschilderten Ereignisse hat der Autor sich selbst erzählen lassen; es sind die Biografien von Bekannten und Verwandten.

Eine lesenswerte CD-ROM, gleichermaßen für PC und MAC geeignet, ein Stück Comicliteratur in ganz ungewohnter, aber nachahmenswerter Form. "Kindergeschichten" wurde bereits mehrfach ausgezeichnet (z. B. durch ADC Deutschland, Annual Multimedia und Animago Award).

Das aufwendig produzierte Werk ist direkt erhältlich über Christoph Heuer, Tel. 0201/207125. Weitere Infos über http://homepage.mac.com/heuerdesign/

 

Copyright © 2004 Verlag Sackmann und Hörndl