|
Spannende Unterhaltung
Interview mit Eckart Sackmann und Peter Hörndl (comicplus+)
Von Andreas Dierks
RRAAH!: Von der Einstellung des RRAAH! magazins profitiert in erster Linie euer Verlag comicplus+. Ist es ein Zufall, daß comicplus+ gerade jetzt sein Programm ausbaut?
Peter Hörndl: Nein, kein Zufall. Eckart und ich betreiben den Verlag zu zweit; wir können nur ein bestimmtes Arbeitspensum bewältigen. Ein Ausbau des Albenprogramms wäre uns nicht möglich, wenn wir uns "nebenher" alle drei Monate um RRAAH! kümmern müßten. Eigentlich war dieser Schritt schon eher geplant, aber die Wirren mit unserem alten Vertrieb haben das durchkreuzt.
RRAAH!: Was ist da passiert?
Peter Hörndl: Wir waren bis zum Herbst 2000 beim Vertrieb cbm Riedel. Riedel hat uns nicht nur hundsmiserabel repräsentiert, sie haben auch unsere letzten Rechnungen in Höhe von rund 30 000 Mark nicht bezahlen wollen. Wir haben daraufhin einen Prozeß angestrengt, die Anwälte haben sich ein paar Monate lang beharkt, und eine Woche vor dem Gerichtstermin im Mai hat die noble Firma Insolvenzantrag gestellt. Mit Riedel wäre ein Ausbau von comicplus+ nicht machbar gewesen. Wir müssen jetzt mühsam das in den letzten Jahren verlorene Vertrauen des Handels zurückgewinnen. Dank des Einsatzes unseres neuen Vertriebspartners, des MSW Medien Service, scheint das zu gelingen.
RRAAH!: Den Verlust des Geldes könnt ihr verschmerzen?
Peter Hörndl: Nicht verschmerzen, aber einigermaßen wegstecken. Wir haben uns lange darauf vorbereitet, wieder zu wachsen, und genug auf die Seite gelegt, um das auch zu finanzieren.
RRAAH!: Das Programm, das ihr auf eurer Website www.comicplus.de ankündigt, weist eine sehr einheitliche Linie aus. Wie kommt es, daß die neu angekündigten Serien nicht schon bei anderen Verlagen erschienen sind?
Eckart Sackmann: Im Augenblick verkaufen sich insbesondere Manga und Fantasy, also starren alle großen Verlage wie das Kaninchen vor der Schlange auf diese beiden Bereiche. Die kleineren, wie zum Beispiel Salleck, haben bereits so viel an Lizenzen im Gepäck, daß sie an die Grenze ihrer Kapazitäten stoßen. Außer Alles Gute! und Kult haben wir bei der Auswahl unseres Materials keine Konkurrenten gehabt, und mit diesen beiden sind wir beim MSW ja unter einem Dach. Da kann man sich leicht einigen.
RRAAH!: Hat es nicht einen guten Grund, warum zum Beispiel Carlsen weniger auf Abenteuer als auf Manga setzt?
Eckart Sackmann: Ich weiß, daß wir mit unserem Programm nicht im augenblicklichen Trend liegen, aber vielleicht kreieren wir ja einen Trend. Wir haben bei der Auswahl der neuen Serien an diejenigen gedacht, die Comics nicht nur durchblättern und dann in den Schrank stellen, sondern sie auch lesen und dann der Fortsetzung entgegenfiebern. Ich garantiere, daß alle diese Alben lesenswert sind. Sie bieten spannende Unterhaltung und doch Unterhaltung auf einem gewissen Niveau. In Deutschland wird so etwas noch nicht genügend gewürdigt. Um mal einen Vergleich zur geschriebenen Literatur zu wagen: Unsere neuen Thriller bewegen sich auf dem Level von Minette Walters und Donna Leon. Mit der Serie "Zehn Gebote" liegen wir vielleicht noch darüber.
RRAAH!: Was ist das besondere an dieser Serie?
Eckart Sackmann: Allein formal hat der Originalverlag Glénat hier ein ungewöhnliches Experiment gewagt. Die insgesamt zehn Bände der Serie werden nicht wie üblich durch eine durchgehende Handlung und einen Zeichner zusammengehalten, sondern durch eine Idee und einen Autor, Frank Giroud. Jedes Album wird von einem anderen Zeichner gestaltet, und es sind nicht die schlechtesten darunter: Béhé, Gillon, Franz, Faure etc.
Die Idee besagt, daß der Prophet Mohammed seinerzeit zehn Gebote ausgegeben hat, die auf den Schulterknochen eines Kamels geschrieben wurden. Berichtet wird darüber in einem Buch aus dem späten 18. Jahrhundert, einem Buch namens "Nahik". Das ist natürlich Fiktion. In seiner literarischen Umsetzung wandert Giroud in der Geschichte rückwärts, aus unserer Zeit bis hin ins 7. Jahrhundert. Jedes Album berührt eines der zehn Gebote, in zehn faszinierenden Erzählungen, die auch unabhängig voneinander funktionieren. Aber nur im Verlauf der Serie erfährt der Leser die Zusammenhänge des Ganzen und kann sich schließlich sein Puzzle zusammensetzen.
RRAAH!: Was die deutschen Leser vielleicht überrascht, sind die bei uns noch unbekannten Zeichner und Autoren in eurem Winterprogramm.
Eckart Sackmann: Cyril Bonin ("Fog") und Jean-Yves Delitte ("Westminster") bringen frischen Wind in eine Szene, in der viele Zeichner versuchen, sich an den populären Stil eines Loisel oder Vance anzuhängen. Die Zeichnungen dieser beiden sind eine Augenweide, man muß sich nur darauf einlassen. Ungleich gängiger arbeitet André Taymans in "Caroline Baldwin", aber auch den kennt man bei uns noch nicht. An bewährten Zeichnern haben wir immerhin noch Griffo und Denayer anzubieten und natürlich die Fortsetzungen unserer bisherigen Serien.
Peter Hörndl: Bei der Art von Comics, wie wir sie im Programm von comicplus+ führen, spielt die Qualität der Zeichnungen zwar eine bedeutende Rolle, dennoch dienen die Zeichnungen zuallererst dazu, eine Story zu transportieren. Diese Zeichner sind keine Avantgardisten. In der Tradition frankobelgischer Abenteuerserien arbeiten sie handwerklich akkurat und doch individuell. Das ist auch eine Kunst.
RRAAH!: Es gibt Gerüchte, daß bei comicplus+ auch Manga erscheinen sollen?
Peter Hörndl: An diesen Gerüchten ist etwas dran. Wir haben einige Titel für comicplus+ contura vorgesehen, die sich allerdings stark von den Manga bei Carlsen oder Egmont unterscheiden. Erst einmal muß jetzt aber das "Normalprogramm" von comicplus+ forciert werden, dann können wir daran gehen, diese Idee zu verwirklichen. Es eilt nicht.
RRAAH!: Und wie sieht es mit Eigenproduktionen aus? Sind demnächst Alben von deutschen Zeichnern bei euch zu erwarten?
Peter Hörndl: Wir arbeiten gerade daran, die Schultheiss-Trilogie "Haie von Lagos" abzuschließen. Ronald Putzker hat wieder mit "Anna Stein" angefangen; wir drücken uns allen die Daumen, daß er das Album neben seinen Illustrations- und Storyboard-Aufträgen bis zum nächsten Frühjahr schafft. Martin Frei überraschte uns neulich damit, er habe wieder eine Kurzgeschichte von "Gregor Ka" gezeichnet. Vielleicht geht das also auch irgendwann weiter. Und Isabel Kreitz hat schon seit Jahren eine Einladung, bei uns ein Album oder eine Serie zu machen. Wir sind grundsätzlich offen für Eigenproduktionen. Allerdings müssen sie in unser Gesamtkonzept passen.
RRAAH!: Zum Abschluß vielleicht ein paar allgemeine Einschätzungen zum derzeitigen Zustand der deutschen Comicszene...
Eckart Sackmann: Es gab in jüngerer Zeit ein paar böse Rückschläge, wie das Ende von Splitter und Jochen und die Einschränkungen bei Dino. Auf der anderen Seite sehe ich bei allen Verlagen den Willen, die Sache voranzutreiben. Diesen Enthusiasmus möchten wir mit dem neuen Programm von comicplus+ gern mittragen. In der Popularität der derzeit gängigen Comics sehe ich eine große Chance. Sie ziehen alles andere nach. Es muß gelingen, den Comic wieder in ganz normalen Buchhandlungen zu plazieren. Comics müssen in die Öffentlichkeit. Wir brauchen eine Comic-Kultur an Stelle einer Comicszene, eine Bild-Literatur, die auch von Erwachsenen gelesen und für gut befunden wird. Vieles, was derzeit passiert - die Anstrengungen von Carlsen, aber auch das Sonderthema Comic der Frankfurter Buchmesse - scheint darauf hinzudeuten, daß dies ein Trend der Zukunft sein könnte.
RRAAH!: Peter Hörndl, Eckart Sackmann, vielen Dank für das Gespräch.
|