San Diego Comic Convention
Jochen Garcke berichtet von der größten amerikanischen Comic-Messe aus San Diego, USA
Donnerstag, 20. Juli 2000
Eigentlich sollte der Bericht zur ComicCon International in San Diego eindrucksvoll mit einem Foto der Schlange der Wartenden anfangen. Es gab sogar mehrere davon. Die auffälligste und längste Schlange derjenigen Leute, die sich nicht vorher zur Teilnahme an der ComicCon registriert hatten, war aber unmöglich auf ein Foto zu bannen. Sie
ging nämlich um zwei Ecken des Convention Centers und dann noch weiter Richtung Yachthafen.
Ist man dann erst einmal im Convention Center angelangt, wird wohl
jeder Erstbesucher vom Angebot anfangs überwältigt sein. Es ist viel bunter als Erlangen, es gibt erheblich mehr Stände und ist auch viel geräumiger: man befindet sich nämlich in einem recht großen Convention Center, das sogar noch ausgebaut werden kann. Trotz
der insgesamt zu erwartenden über 40.000 Besucher wird es
nie richtig voll, die Gänge sind einfach breit genug
und die Stände der großen Verlage ebenso.
Fast alles, was Rang und Namen hat, läuft hier herum.
Da steht Will Eisner vor einem Stand in einen Plausch
vertieft, Rob Liefeld macht den Verkäufer am Awesome
Stand, die alten Herren und Damen aus dem goldenen
Zeitalter haben auch ihre Ecke. Man kann leicht zwei
Stunden einfach nur herumlaufen und die Blicke
schweifen lassen, ohne was wirklich genauer
anzuschauen.
Abb. links: Jeph Loeb und Tim Sale ("Superman für alle Zeiten", "Das lange Halloween")
Irgendwann sollte man aber doch mal einen Blick in das
dicke Programmheft werfen, schließlich laufen bis zu
zehn Vorträge und Diskussionsrunden gleichzeitig, dazu
noch vier Filmreihen. Da muss man nicht - wie in Erlangen -
nehmen, was an Vorträgen gerade angeboten wird, sondern hat
die Auswahl. Und wenn der eher fachliche Vortrag
langatmig vom Blatt abgelesen wird, lässt man ihn eben
sein und geht doch pünktlich zu Terry Moore, wo
man eh früh weg muss, um nicht zu viel vom Online
Comics Panel mit u.a. Scott McCloud und Kyle Baker zu
verpassen.
Dieses Online Comics Panel war dann auch wirklich interessant.
Die Perspektive, was Online Comics sein können, wurde vor
allem von Scott McCloud deutlich gemacht. Es sind eben nicht
Flashmovies wie auf Stan Lees Seite, die zwangsläufig
irgendwann als Animation weiterentwickelt werden,
sondern vor allen weiterhin wirklich sequentielle
Geschichten, wirkliche Comics, welche aber nicht mehr den
Beschränkungen des Papierblattes unterworfen sind,
sondern beliebig groß, mit beweglichen Effekten unter
Umständen erweitert. Der Autor hat mehr Kontrolle über
den Lesefluss des Betrachters (man sieht eben nicht
gleich die gegenüberliegende Seite). Alles zusammen
machte deutlich, dass Online Comics ihre eigene Sprache
entwickeln und ein spannendes Feld sind. Wohl nicht
ohne Grund hat sich Scott McCloud zum Fürsprecher und
Vorprescher dieser Gattung positioniert.
Über diese Fragen lässt sich anschließend wunderbar im
Außenbereich der Con, mit Blick über den Hafen,
nachdenken. Aber auch nur einfach ausruhen vom vielen
Herumlaufen ist bei einer leichten Brise äußerst
angenehm.
Freitag, 21. Juli 2000
Der Berichterstatter aus Dan Diego muss gestehen, dass ihn der Jetlag schlimmer erwischt hat als erwartet. Was spät abends und um die Con herum los war, werde ich wohl nicht berichten können. Dafür kann ich aber erzählen, dass es ab 5 Uhr morgens in den Straßen von San Diego recht laut wird. Können die Amis keine leiseren Busse und LKWs bauen?
Naja, immerhin liegt man in der lärmumtosten Jugendherberge unter Umständen mit zukünftigen Stars auf einem Zimmer.
Das Programm am Freitag war genauso gut gefüllt wie
am Tag zuvor. Der Höhepunkt aus europäischer Sicht
war sicherlich das Gespräch von Kim Thompson mit
Lewis Trondheim. In Erlangen tauchte von einigen
Leuten der Verdacht auf, dass sich hinter Trondheim
mehrere Leute verbergen müssten, so groß wie dessen
Ausstoß ist. Trondheim sagte dazu, dass seine
Kollegen von L'Association ihn als Monster bezeichnen,
weil er eine ganze Seite pro Tag schafft. Trotzdem werden
die 4 (oder waren es 5?) Ableger von Donjon dann doch
nicht von ihm gezeichnet. Er gab sich auch recht
selbstkritisch, liest seine eigenen Arbeiten nach
der Fertigstellung kaum noch einmal, auch von der
Zeichentrickserie zur Fliege hat er keine 15 Folgen
gesehen, behauptet aber es gibt nur 10 gute,
hochgerechnet, wie er hinzufügte. Und in San
Diego wird er wohl auch die kürzesten Signierschlangen in
letzter Zeit erlebt haben. Mal sehen, ob sie bei seiner
für Frühjahr geplanten Deutschland-Tour länger sein
werden.
Eine Weile Will Eisner zuzuhören, ist auch etwas, was
man als Comicleser einmal erlebt haben sollte. Wie viel
Energie der Altmeister der Comicliteratur noch hat,
wie viele Comics er noch machen will und was er zu Werk
und Leben zu erzählen weiß, ist schon beeindruckend.
Ebenso energiegeladen und erzählwillig gibt sich
Scott McCloud, wenn es um Online-Comics geht. Nach der
gestrigen Diskussionsrunde hatte er heute seinen
Solo-Auftritt. Wer wissen will, was ihm an den Online
Comics so am Herzen liegt, sollte sich sein neues Buch
Reinventing Comic zulegen oder aber mal auf
www.scottmccloud.com vorbeischauen, leider ist dort natürlich bisher alles nur auf englisch. Der Mann hat die
Möglichkeiten der Netze für das grafische Erzählen
erkannt. Die Aufhebung der Beschränkung des Buches
bezüglich Groeße, Lesefluss oder den Kosten der
Veröffentlichung existieren im Netz nicht mehr, was
ein ganz anderes Arbeiten ermöglicht und auf viele
wirklich neue Comics hoffen lässt. Der Mann hat mich
überzeugt.
Am Freitagabend fanden schließlich die Verleihungen
der Eisner-Awards statt, ohne ein Vorprogramm wie in
Erlangen, trotzdem aber fast drei Stunden lang. Für die
Ergebnisse schaue man nach www.comicbookresources.com Was mir an den
Preisträgern aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass
fast immer die Superheldenalternative unter den
Nominierten gewonnen hat. Gut sechs Mal waren es Comics von
Alan Moore, also wirklich gute Geschichten. Aber
zusammen mit der Tatsache, dass der X-Men Film
ausgezeichnet gestartet ist und er "doesn't suck" wie auf
der Bühne gesagt, steht zu befürchten, dass die
notwendige Verbreiterung des amerikanischen Comics
über das Superheldengetto hinaus erst einmal verschoben
wird. So stabil ist der US-Markt noch nicht wieder,
obwohl sich viele im Moment das einzureden versuchen.
Die Tage von San Diego könnten das Signal in die
falsche Richtung senden.
Samstag, 22. Juli 2000
Abb. links: Mark Waid, Steve Grummett, Karl Kesel ("JLA - Die neue Gerechtigkeitsliga", "Batman/Superman: World's Finest", "Kingdom Come", "Superman", "Batman", "Flash")
Das besonders Faszinierende der San Diego ComicCon ist
die Interaktion mit den Comicmachern. Vor allem bei
den kleineren Verlagen kommt man oft gar nicht darum herum,
einige Worte mit den Leuten hinter den Tischen zu
wechseln. Zwar muss man sich erst einmal an das
allgegenwärtige "Hi, how are you ?" gewöhnen, das heißt
die Frage eigentlich ignorieren, aber wenn man die
Verhaltensregeln der Con nach einer Weile mitbekommen
hat, macht es viel Spaß mal mehr mal weniger Worte
mit den Machern zu wechseln. Das hat sicherlich auch
etwas mit der amerikanischen Grundfreundlichkeit zu
tun, woanders nervt sie zwar manchmal uns Deutsche,
hier auf der Con ist sie aber sehr angenehm. Bei den
Stars bei den großen Verlagen ist das Gespräch in dieser Art
natürlich nicht so möglich, dazu sind die Schlangen
oft zu lang. Bei den Small Press-Leuten oder in der
Artist Alley haben die Zeichner aber gelegentlich regelrecht
Langeweile oder wollen eine Abwechslung vom
Sketchzeichnen haben. Für Sketche wird hier übrigens
im Allgemeinen bezahlt, dafür sind die dann aber richtig
ausgearbeitet. Schnelle Sketche gibt es auch, die
bestehen manchmal aber nicht aus mehr als ein paar
kleinen Strichen, kleinen Doodles.
Interaktion wird auch bei den Diskussionsrunden groß
geschrieben, Fragen aus dem Publikum sind meist sehr
gerne gesehen. Die Diskussionsrunde des Tages war
sicherlich Innovating Comic mit Will Eisner, Scott
McCloud und Paul Pope, Autorenzeichnern aus drei
Generationen. McCloud versuchte natürlich die Welt
von Online Comics zu begeistern, bei Eisner scheiterte
er ein wenig. Für jenen gilt weiterhin,
wie der letztendliche Comic aussieht, wird vom
Inhalt vorgeschrieben und nicht von der Technologie,
in der der Comic realisiert wird. Es muss sich wohl
zeigen, ob das Internet für Comics eine so
revolutionäre technische Änderung ist wie vor 100
Jahren die Veränderung im Druckprozess, die
Sprechblasen erlaubte und damit ganze andere
Gestaltungs- und Erzählmöglichkeiten, oder ob die Möglichkeiten des Internet für den Comic eher
vergleichbar sind mit der digitalen Kolorierung, die
das Bild der US-Comics in den letzten 10 Jahren
deutlich verändert hat, aber keine neuen Geschichten
hervorbrachte, sondern nur eine andere optische
Qualität. Da haben Eisner und McCloud
unterschiedliche Vorstellungen, Pope kam kaum zu Wort,
alle sind sich aber einig, dass trotzdem, egal mit
welcher Technologie, immer die Geschichte erzählt
werden muss und sie bestimmt, was gemacht wird.
Es war eine hochinteressante Diskussionsrunde, die viele
Punkte berührte, wie sich Comics weiterentwickeln
können. Es bleibt weiterhin ein spannendes Medium.
Der andere - für mich letztendlich überraschende -
Höhepunkt des Tages war die Kostümshow. Da kamen
über 50 Einzelpersonen und Gruppen auf die Bühne in
zum Teil wundervollen Kostümen aus Comic,
Zeichentrick, Film und Computerspielen. Zu einem
Soundtrack tanzten oder schauspielerten
sie ihren Part vor einem zum Teil hellauf begeisteren
Publikum. Das muss man einmal miterlebt haben, auch wenn gegen
Ende doch ein Gewöhnungseffekt eintrat.
P.S. An Laska Comix:
Ich lief die Tage immer mit einem bei euch in Erlangen
gekauften T-Shirt herum. Ich hab noch nie so viele
Blicke und positive Kommentare, unter anderem von Jeff Smith,
für ein T-Shirt erlebt.
Jochen Garcke.
Weitere Informationen gibt es auf der offiziellen Website der ComicCon: www.comic-con.org.
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