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Ich zeichne sehr schnell

Interview mit Lewis Trondheim.
Von Reto Baer

Ihre bekannteste Serie heißt "Herrn Hases haarsträubende Abenteuer", und in ihrem neuesten Band der Serie "Donjon" spielt ein roter Hase die Hauptrolle. Ist der Hase ihr Lieblingstier?

Am Tisch ja. Ich esse sehr gern Hase oder Kaninchen mit Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln und Tomaten. Beim Zeichnen hat sich das mit den Hasen einfach so ergeben. Eines Tages wollte ich mich über meinen Zeichnerkollegen Jean-Christophe Menu lustig machen, also zeichnete ich ihn als Hasen. Das führte zu einer großen Geschichte von 500 Seiten. Danach benutzte ich denselben Helden für die Serie "Herr Hase". Schließlich schlug Joann Sfar, mein Co-Szenarist von "Donjon", vor, einen Hasen einzuführen, um sich über meine bekannteste Figur zu mokieren.

Verstehen Sie "Donjon" als Parodie von Fantasy-Geschichten?

Ja und nein. In erster Linie ist "Donjon" eine lustige Serie, aber nicht, um über, sondern mit den Fantasy-Helden zu lachen. Das heißt, wir verwenden die Codes von Fantasy-Helden, um etwas Neues zu kreieren. Dabei geht es um eine Welt, deren Teile sich entwickeln, indem sie wachsen, altern und sterben. "Donjon" ist zwar lustig, aber die darin dargestellte Welt ist als eigenes Universum glaubhaft.

Lieben oder hassen Sie das Genre Fantasy?

Fantasy-Comics sagen mir nichts, weil in ihnen Sprache kaum eine Rolle spielt und sie in ihrem Ernst prätentiös wirken. Die wahren Fantasy-Codes finde ich in der Literatur, bei Tolkien zum Beispiel. Das fasziniert mich, obschon auch in Fantasy-Romanen Witz weitgehend fehlt. Aber ob es sich nun um Fantasy, Western, Krimis oder Alltagsgeschichten handelt - das wichtigste ist immer, was zwischen den Figuren passiert. Nicht die Handlung, sondern das Beziehungsgefüge der Figuren bildet die Substanz einer Geschichte.

Warum starten Sie mit "Donjon - Der Drachenfriedhof" eine Spinoff-Serie?

Weil Joann Sfar frustriert war, daß er bei "Donjon" nur Co-Autor war. Er wollte selber mal ein "Donjon"-Album zeichnen. Deshalb erfand er für sich einen neuen Handlungsstrang, der in der Zukunft spielt. Um mich über ihn lustig zu machen, erfand ich dann neue Abenteuer, die in der Vergangenheit spielen.
Inzwischen gibt es schon fünf parallel laufende "Donjon"-Serien, die alle von Sfar und mir geschrieben, aber von verschiedenen Künstlern gezeichnet werden. [Auf deutsch erschienen sind bisher die ersten drei Bände der Hauptserie, die "Zenit" genannt wird und den Höhepunkt der Burg Donjon schildert, sowie der erste Band der Zukunfts-Nebenserie, die "Abenddämerung" genannt wird und vom Niedergang des Donjons berichtet. Infos zum französischen Original bietet die Website http://www.donjonland.com. Anm. d. Red.]

Fünf "Donjon"-Serien? Das hört sich wie eine große Sache an.

Naja, wir verkaufen etwa 15.000 Exemplare pro Band. In Frankreich ist das kein besonders großer Erfolg. Doch uns geht es in erster Linie darum, bei der Arbeit Spaß zu haben.

Wie arbeiten Sie mit Joann Sfar zusammen?

Wir geben viel Geld für Telefonrechnungen aus. Er wohnt in Paris, ich in Montpelier. Zuerst diskutieren wir viel, bis wir uns über den Ablauf der Geschichte einig sind. Dann schreibt er die erste Szene, schickt sie mir, und ich schreibe die Folgeszene. So geht das hin und her. Schließlich zeichne ich noch eine Art Storyboard, egal ob er oder jemand anderer das eigentliche Album zeichnet.

Wieviele Stunden am Tag zeichnen Sie?

Drei oder vier Stunden.

Das ist kaum zu glauben. Seit 1990 sind immerhin 55 Comics auf Französisch erschienen, die Sie gezeichnet und/oder geschrieben haben. Wie ist das möglich?

Ich zeichne sehr schnell. Und weil meine Frau die Zeichnungen koloriert und ich vermehrt mit anderen Szenaristen zusammen arbeite, geht alles noch schneller.

Wie lange benötigen Sie, um ein Album von 46 Seiten zu zeichnen?

Da ich eine Seite pro Tag schaffe, müßte ich nach 46 Tagen fertig sein. Aber es ist immer noch viel anderes los, je nachdem wieviel, benötige ich für ein Album drei bis sechs Monate. In dieser Zeit beginne ich vielleicht auch zwei neue Alben, denn ich mache immer Vieles zur gleichen Zeit.

In "Monströse Geschichten" gab es Zeichnungen Ihrer beiden Kinder, die heute 5 und 6 Jahre alt sind. Warum nicht auch in "Monströser Truthahn"?

Weil im ersten Band der Serie die Kinderzeichnungen einen bestimmten Zweck haben. Im zweiten waren sie nicht nötig. Würde ich immer Kinderzeichnungen einsetzen, wäre die Serie zu systematisch. Ich habe einfach keine Lust, immer dasselbe zu machen. Für den vierten Band, der auf deutsch noch nicht erschienen ist, habe ich zum Beispiel zahlreiche befreundete Zeichner gebeten, jeweils einen monströsen Dinosaurier zu gestalten.

Jacques Tardi hat in Band 8 seiner Serie "Adeles ungewöhnliche Abenteuer" etwas Ähnliches gemacht.

Genau. Er hat seine Freunde verschiedene Monster zeichnen lassen.

Wird das jetzt zu einer Tradition in der französischen Comicszene?

Wer weiß? Wäre doch witzig.

Können die Zeichnungen Ihrer Kinder Sie inspirieren?

An Kinderzeichnungen finde ich die Lebendigkeit interessant, die Energie, mit denen sie gemacht werden. Für "Monströse Geschichten" versuchte ich, Zeichnungen meiner Kinder nachzuzeichnen, aber ich war unfähig dazu. Also habe ich die Original-Kinderzeichnungen eingescannt und sie direkt in meine Comicseiten eingebaut. Nur so konnte ich die kindliche Energie und Spontaneität bewahren.

Warum zeichnen Sie keine Menschen?

Weil es zu schwierig ist.

Sie können keine Menschen zeichnen?

Es interessiert mich nicht. Ich ziehe es vor, Tiere zu zeichnen, um eine gewisse Abstraktion der Figuren zu erreichen.

Es gibt ja auch eine große Tradition von Comics mit Tieren. Die bekanntesten sind sicher die Disney-Comics.

In den angelsächsichen Ländern gibt es diese Tradition, in Frankreich und Belgien nicht. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, meinen Stil und meine Tierfiguren bei den Verlagen zu rechtfertigen. Ursprünglich wollte niemand meine Comics veröffentlichen, weil sie naive Tierzeichnungen enthalten, der Text jedoch eher für Erwachsene ist. Ich habe aber nicht locker gelassen, weil es mein erklärtes Ziel war, vom Comiczeichnen leben zu können. Schließlich hat der Verlag Dargaud akzeptiert, "Lapinot" zu publizieren.

Sie lieben es auch, Monster zu zeichnen. Gibt es dafür einen speziellen Grund?

Das habe ich mir noch nie überlegt. Als Zeichner und Szenarist arbeite ich sehr intuitiv. Ich improvisiere viel und zeichne oft spontan. Erst hinterher stelle ich mir die Frage, was ich damit sagen wollte. Wenn ich für mich selber texte, schreibe ich nicht ein Szenario, das jede Szene exakt festhält, sondern arbeite mich Seite für Seite voran. Wenn ich eine Seite getextet habe, zeichne ich sie gleich, dann texte ich die nächste Seite und zeichne sie. Deshalb fällt es mir oft schwer, mich daran zu erinnern, warum ich etwas so und nicht so gemacht habe.

Hierzulande ist Comiczeichner kein anerkannter Beruf. Wie ist das in Ihrem Heimatland?

Wenn ich sage, ich sei Comiczeichner, sind die Leute überrascht, allerdings meist angenehm überrascht. Trotz allem haben die Comics in Frankreich eine sehr pejorative Seite. Viele glauben, Comics seien entweder für Kinder oder für Erwachsene, die auf pralle Hintern stehen. Es gibt sehr wenige Journalisten, die Comics wirklich kennen und angemessen darüber schreiben. Auch wenn es für Außenstehende nicht so aussieht, haben Comics in Frankreich einen sehr schlechten Ruf. In Belgien ist das vielleicht etwas besser, weil dort die Zeichnertradition viel stärker ist. Wenn in Frankreich ein herausragender Comic wie Art Spiegelmans "Maus" erscheint, dann sagen die Leute: "Oh, aber das ist doch gar kein Comic."

Sie sagen da etwas Überraschendes über die Heimat von Asterix und Obelix.

Ja. Man darf nicht glauben, Frankreich sei ein Comicland. Der Comic-Branche geht es zwar gut, der Markt wächst, jedes Jahr erscheinen mehr Neuheiten, und die Verlage machen Profit, aber der Ruf der Comics ist schlecht.

Sie haben beim unabhängigen Kleinverlag L'Association begonnen. Zeichnen Sie immer noch für ihn?

Ja, ich mache jedes Jahr ein Album für L'Association. Ich habe begonnen, für den Großverlag Dargaud zu arbeiten, weil ich mit dem Comiczeichnen meinen Lebensunterhalt verdienen will. Ich möchte aber auch möglichst verschiedene Arten von Comics machen. Und da es nicht möglich ist, in ein und demselben Verlag alle möglichen Comics zu veröffentlichen, arbeite ich für verschiedene Verlage. Schwarzweiße, experimentelle oder autobiografische Comics kann ich eher bei kleinen, farbige Abenteuer- und Fantasy-Comics eher bei großen Verlagen unterbringen.

Üben die großen Verlage wie Dargaud oder Delcourt keinen Druck auf Sie aus?

Nur in einer Beziehung: Jeder dieser Verlage möchte, daß ich mehr Alben bei ihm herausgebe. Aber auf den Inhalt der Comics üben sie keinen Einfluß aus.

In der Autobiografie "Approximate Continuum Comics" haben Sie sich als Vogel gezeichnet. Ist das ein Adler?

Wenn ich Tiere zeichne, präzisiere ich die Art nicht. Ich mag es nicht, wenn Realismus mit ins Spiel kommt. Meine Tierzeichnungen sind Vereinfachungen und Reduktionen. Für mich ist es unwichtig, ob der Vogel, als den ich mich zeichne, ein Adler oder ein Hahn ist.

Aber warum zeichnen Sie sich überhaupt als Vogel?

Ich probierte andere Tiere aus, eine Maus und eine Katze zum Beispiel, aber das stimmte für mich nicht. Ich fand einfach, der Vogel mit dem krummen Schnabel paßt am besten zu mir. Warum, weiß ich auch nicht.

Haben Ihre Freunde und Ihre Frau widerspruchslos akzeptiert, in Ihren Comics in Tiergestalt aufzutauchen?

Auf alle Fälle gab es noch nie Streit deswegen. Im Gegenteil, als mein Umfeld wußte, dass ich an einer Autobiografie zeichne, gab es Leute, die speziell etwas unternahmen, damit ich sie in den Comic integriere. Joann Sfar ist zum Beispiel total frustriert, weil ich ihn noch nie gezeichnet habe. Er will unbedingt, daß ich ihn mal zeichne.

Das ist verständlich. Das Reizvolle an der Serie "Herrn Hases haarsträubende Abenteuer" ist, daß jeder Band in einer anderen Epoche spielt. Wann wird der nächste Band spielen?

Der nächste Band wird ein Zorro-Abenteuer. Denn Zorro ist ein Idiot, und ich habe eine sehr idiotische Idee, die ich zweifellos realisieren werde. Ich verstehe das allerdings nicht als Parodie, sondern als eine Abwandlung des Mythos von Zorro. Mich interessiert die Psychologie des maskierten Helden. Das wird sehr interessant und witzig werden. Zudem wird der Hase wohl auch bald ein Science-Fiction-Abenteuer erleben.

Haben Sie noch andere Projekte?

Viele. Allein dieses Jahr erscheinen in Frankreich 13 Alben, die ich gezeichnet oder getextet habe. Ich habe viele Projekte für Kinder, weil ich finde, daß es nicht viele gute Kindercomics gibt. Deshalb arbeite ich mit neuen Zeichnern zusammen und schreibe Geschichten, die etwas anders und witziger sind als jene Kindercomics, die bloß für Dummköpfe gemacht zu sein scheinen. Ich möchte den Kindern überraschende und erfinderische Geschichten bieten.

Haben Sie den neuen "Asterix"-Band gelesen?

Nein.

Schade!

Ich kann trotzdem darüber sprechen.

Wirklich?

Ja. Ich finde es schade, daß Uderzo sich nicht mit einem guten Szenaristen zusammentut. Außerdem finde ich es schade, daß "Asterix" heute nicht mehr bei Dargaud ist, denn dieser Verlag investierte einen Teil des enormen Profits in den Aufbau neuer Comic-Talente. Nichts von dem Geld, das Uderzo heute verdient, reinvestiert er für eine neue Generation von Zeichnern und Autoren.

Welche Erfahrungen haben Sie auf Ihrer Signiertour durch Deutschland und die Schweiz gemacht?

Ich war angenehm überrascht, weil ich im großen und ganzen dasselbe Publikum wie in Frankreich antraf: Kinder, Männer und Frauen. Comics werden meist von jungen männlichen Erwachsenen gelesen. Mein Publikum ist zum Glück vielfältiger.

Ihr Metier ist der Humor. Sind Sie auch im Alltag ein lustiger Mensch?

Nein, ich denke nicht. [Er stellt die Frage seiner Frau Brigitte Findakly. Nach einer längeren Denkpause folgt ein zögerliches Ja.] Voila, nur wenn ich still bin, bin ich lustig.

Was macht Ihre Frau?

Sie ist meine Koloristin und meine Frau und die Mutter meiner Kinder und meine Köchin und mein Engel.

Sie arbeitet also mehr als Sie?

Aber ja.

Welche fünf Comics würden Sie auf die berühmte Insel mitnehmen?

"Calvin und Hobbes" von Bill Watterson, "Jimmy Corrigan" von Chris Ware, "Maus" von Art Spiegelman, "Jeune Albert" von Yves Chaland und & jetzt fällt mir nichts mehr ein. In meiner Bibliothek würde ich sicher noch mehr finden.

Warum benutzen Sie das Pseudonym Lewis Trondheim?

Weil ich meinen wahren Vor- und Nachnamen nie mochte. Im Grunde wurde ich nur Comiczeichner, um den Namen ändern zu können.

Das heißt, man darf Sie nicht nach Ihrem wahren Namen fragen?

Sicher nicht.

Was ist für einen Comiczeichner essentiell?

Daßs er etwas zu erzählen hat.

Das sagen Schriftsteller auch.

Comics sind Literatur.


Lewis Trondheim, am 11. Dezember 1964 in Fontainebleau geboren, ließ sich in einer Werbefachschule zum Grafiker ausbilden, bevor er sich ganz den Comics widmete. Auf deutsch erscheinen seine farbigen Serien bei Carlsen und seine schwarzweißen Einzeltitel bei Reprodukt.

Im April reiste er auf einer Signiertour durch Deutschland und die Schweiz. Reto Baer traf Lewis Trondheim am 12. April in Zürich. Das Foto wurde während der Signierstunde bei Wahnsinn Comics in Hamburg aufgenommen.
Zeichnung

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