Comics, schrieb Gero von Wilpert 1964 in der 4. (verbesserten!) Ausgabe seines "Sachwörterbuchs der Literatur", seien die "amerikanische Gattung der billigen Jugendliteratur, knallig bunte Bilderbogen-Erzählung mit Spruchband-Texten als einziger literarischer Erläuterung, um historische Ereignisse, abenteuerliche Helden oder utopische Science Fiction, psychologisch gefährlich wegen der Reduzierung aller Formen und Gehalte zum bloßen primitiven und handlungsreichen Stoff und der Abstumpfung der kindlichen Phantasie."
Von den anstehenden Entwicklungen der Comicliteratur hatte der Autor dieses tendenziösen Lexikon-Eintrags keine Ahnung. Von Wilperts Einschätzung basierte auf einer langen Tradition der Ablehnung, die zum Teil pädagogisch, zum Teil politisch motiviert war und die im Kern bereits kurz nach Aufkommen der ersten Sprechblasen-Strips um 1900 eingesetzt hatte. Aus dem Anti-Amerikanismus der Nazis und der von konservativen Pädagogen angezettelten Schmutz-und-Schund-Kampagne der 50er Jahre ergab es sich, daß "Comics" ganz pauschal mit dem Stigma des Minderwertigen und Trivialen belegt wurden. Das ist im Prinzip auch heute noch so, obwohl es inzwischen eine hochliterarische Variante der Form gibt.
Wenn in Deutschland über Kultur gesprochen wird, bleibt die Comic-Kultur außen vor. Zum Dünkel kommt leider oft die Tendenz, dem Unverstandenen aus dem Weg zu gehen. Gerade in kulturell interessierten Kreisen herrscht eine erstaunliche Unkenntnis über die Bild-Literatur. Es ist ein Trugschluß, daß man über Comics mitreden kann, wenn man nur einmal einen Blick auf "Asterix" geworfen hat. Man wird schließlich auch kein Literaturexperte, weil man Karl May kennt.
Die Kulturredaktionen von Presse und Fernsehen sperren sich gegen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Daß ihre Abneigung auf mangelnder Qualifikation beruhen könnte, legt das BeispielDie Zeit nahe. Dort zeigte man sich im vergangenen Jahr außerstande, auch nur eine Blattseite über Comics zu bringen, ohne sich gravierende Schnitzer zu leisten. Ein Beispiel: Aus "Maus", dem Titel des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werks von Art Spiegelman, wurde in Hamburg "Mouse". Walt Disney läßt grüßen.
Ganz allgemein gilt, daß die Medien Comics als Spektakel wahrnehmen, nicht als ernstzunehmende Form der Literatur. Es gibt auch Gegenbeispiele, wenige zwar, aber sie könnten durchaus Schule machen. Seit die beiden im Grunde konservativen Blätter FAZ (mit Patrick Bahners und Andreas Platthaus) und Die Welt (mit Holger Kreitling und Lutz Göllner) über comic-erfahrenene Mitarbeiter verfügen, bieten sie ihren Lesern informative Beiträge über Neuentdeckungen der Bild-Literatur.
Literatur? Warum sind Comics Literatur? Und was ist überhaupt ein Comic? Letzteres ist nicht einmal unter Experten unumstritten. Während einige nur den Sprechblasencomic anerkennen, beginnt für andere die Geschichte der Form bereits im Mittelalter. Man wird das Phänomen in seiner Gänze nicht erfassen, wenn man die Definition allzu eng ansetzt. Der Comic ist - kein Medium, kein Genre und auch keine Gattung, sondern eine künstlerische Ausdrucksform. Es ist eine Erzählung in wenigstens zwei Bildern, die eng aufeinander bezogen sein müssen. Textanteile sind fakultativ. Länge und Inhalte variieren; es gibt kurze Gagstrips und Epen von einigen tausend Seiten.
Entgegen der landläufigen Meinung sind Sprechblasen kein primäres Wesensmerkmal des Comic. Sprechblasen transportieren den Dialog; die in ihnen wiedergegeben Texte übernehmen eine Funktion, die im Theater und im Film der gesprochenen Sprache zukommt. Es geht auch ohne dieses Stilmittel. "Space Dog" von Hendrik Dorgathen, ein hervorragender Comic, kommt ohne ein Wort aus. Die Sprache der Sprechblasen ist keinesfalls die "Sprache des Comic". Diese entsteht erst durch die Verzahnung der Bilder bzw. durch das Miteinander von Bild und Text.
Ein großes Handicap der Comicliteratur ist die Form ihrer Vermarktung. Groschenhefte, Kinderbücher, Unterhaltungsromane und ambitionierte Belletristik - das alles ist Literatur, und doch hat jedes sein eigenes Publikum. "Batman", "Dragon Ball", "Hopfen und Malz" und "From Hell" - das sind alles Comics, und zwar Comics von ganz verschiedener Art. Diese Comics werden nicht nur gemeinsam angeboten, sie werden auch von derselben Zielgruppe konsumiert. Die Verlage passen sich den Gewohnheiten an. Der Eindruck, den der Neueinsteiger gewinnt, ist entsprechend konfus; er wird bestimmt durch das in jeder Kunst vorherrschende Mittelmaß.
Es gilt, die Spreu vom Weizen zu trennen, Wertmaßstäbe zu erarbeiten. Das ist nicht leicht, und zwar aus einem Grund, der der "geschriebenen Literatur" relativ fremd ist. Die Lebendigkeit der Form, wie sie sich in dem zweijährlich abgehaltenen Comic-Salon von Erlangen manifestiert, kommt allen literarischen Zweifeln zum Trotz nur durch die Gesamtheit des Comicangebots zustande. Nicht selten basieren außergewöhnliche Comics auf trivialen Mustern und Vorbildern. Solange Comics ein Dasein am Rande des kulturellen Establishments führen, ist dies eine Kultur von unten nach oben.
Als Beispiel möge der Comicautor Alan Moore herhalten, ein Engländer, der zumeist für amerikanische Verlage tätig ist. Sein ursprünglich in zwölf Comic-Heften veröffentlichter Zyklus "Watchmen" (1986/87; Zeichner Dave Gibbons) spielt mit den Eigenarten des Superhelden-Genres, hat auf zweiter Ebene jedoch eine politische Aussage. Was "Watchmen" zu einem Ausnahme-Comic macht, ist seine verschlungene, facettierende Erzählweise. Da es hier nicht nur um das Vorantreiben der Handlung, sondern auch um die Visualisierung von Vorstellungen geht, enthält das Werk Elemente, die sich in keiner anderen künstlerischen Ausdrucksform denken lassen.
Fast könnte man meinen, durch das Miteinander von Bild und Text, von Gehalt und Erscheinung, sei der Comic der geschriebenen Literatur überlegen, nicht umgekehrt. Das trifft allerdings nicht den Kern der Sache. Comics sind keine bessere und keine schlechtere, sondern eine andere Form von Literatur, die den ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Es stimmt, mit der beschreibenden Sprache des Romans kann der Comic nicht dienen. Daß hingegen bei einem "guten Buch" die Bilder erst im Kopf entstehen und beim Lesen des Comics nicht, ist ein Trugschluß.
Das vielleicht größte Stilmittel des Comic ist "das Weiß zwischen den Panels", der leere Raum, der von einem zum anderen Bild entsteht. Hier ist der Leser gefordert, sich Übergänge zu schaffen. Ein geschickter Autor (in Verbindung mit dem Zeichner, sofern es sich nicht ohnehin um ein und dieselbe Person handelt) spielt mit diesen Zwischenräumen. Sie regeln die verstreichende Zeit und die Stärke der Emotionen. Einschübe unterbrechen die Handlung und wollen erschlossen und verstanden sein. Angloamerikanische Comicautoren wie Miller/Sienkiewicz in "Elektra Assassin" oder David Mack in "Kabuki" treiben diese Gedankensprünge bis an die Grenze des Nachvollziehbaren.
Ihre Art zu erzählen wäre noch vor dreißig Jahren undenkbar gewesen. Wie die geschriebene Literatur, ist die Sprache des Comic Veränderungen unterworfen. Rodolphe Töpffers "Monsieur Vieuxbois" von 1839 unterscheidet sich von dem knapp hundert Jahre später entstandenen "Superman"; dieses wiederum ist Welten entfernt von den Underground-Comics eines Robert Crumb. Heute bietet das Internet als Publikationsmedium die Möglichkeit, Bewegung in die Bilder zu bringen, wodurch der Comic gefährlich nahe an den Zeichentrickfilm herangeführt wird - gefährlich, weil das die Auflösung der prinzipiell unbewegten Form bedeuten würde.
Und auch nationale Unterschiede gibt es, aller Globalisierung zum Trotz, die natürlich vor dem Comic nicht haltmacht. In den USA wird anders erzählt als in Frankreich oder in Japan. Einen allgemeingültigen oder dominierenden Stil wird man man nirgendwo finden. So unterschiedlich die Temperamente der Autoren, so verschieden sind auch die Comics selbst.
Der Comic ist eine schillernde, sich ständig erneuernde, immer wieder verblüffende Literatur. Unser eigenes Land, das weit über neunzig Prozent der hier angebotenen Werke importiert, kann zu dieser Entwicklung leider nur wenig beitragen. In Deutschland, Österreich und der Ostschweiz finden Autoren und Zeichner kaum Möglichkeiten, sich zu verwirklichen.
Das ist nicht komisch. Comics sind eine ernsthafte Literatur, jedenfalls jener Teil der Comics, der sich mit literarischen Ambitionen an ein intelligentes Publikum wendet. Jahrzehntealte Vorurteile, die Arroganz und Unwissenheit der hochkulturell bestimmten Feuilletons, nicht zuletzt aber auch die unpassende Bezeichnung machen dieser Literatur das Leben schwer. Den trügerischen Namen Comic wird man nicht wegbügeln können. Die Veränderung muß in den Köpfen stattfinden. Bevor wir von einer Comic-Kultur reden können, müssen wir erst einmal eine Kultur haben, die über Comics redet.