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Gibbons/Moore: Watchmen

Rezension eines Klassikers. Von Markus Gerwinski

Titelbild: WATCHMEN #1 Das Genre des Superhelden-Comics leidet in der Öffentlichkeit wie auch bei vielen intellektuellen Kennern des Mediums Comic unter einem ausgesprochenen Negativ-Image. Es gilt als Anhäufung primitiver Omnipotenzphantasien, als realitätsferne Fluchtlektüre, als reißerische Darstellung von "Sex and Violence".

Eine Ausnahme von diesem Image bildet der 1986 bis 1987 erschienene Comic "Watchmen", geschaffen von den beiden britischen Autoren Dave Gibbons und Alan Moore. Dieser zwölfteilige Zyklus stellt in den Augen Vieler das eine Werk dar, in dem das Potential des Superheldencomics als anspruchsvolle Erzählform deutlich wird. Andere ziehen es vor, die Qualität von "Watchmen" zu betonen, indem sie den Comic vom vielgeschmähten Genre der Superhelden abgrenzen und ihn als "Erzählparabel, die sich der Motive des Superheldencomics bedient" bezeichnen. Unbestritten ist in jedem Fall der hohe künstlerische Anspruch des Werks.

Kennern des Superheldencomics allerdings offenbart sich "Watchmen" als eine regelrechte Studie des Genres. Ohne selbst klischeehaft zu sein, bringt der Comic alle gängigen Klischees des Superheldencomics aufs Tapet und spürt ihrer Seele nach: Ihren Ursprüngen in der Natur des Menschen.

Das Szenario des Comics ist das einer klassischen Alternativwelt-Utopie. Seine Handlung spielt in einer Welt von 1985, in der Superhelden tatsächlich existieren und das Bild der Welt entscheidend geprägt haben. Dies macht sich sowohl in Ereignissen von politischer Größenordnung bemerkbar als auch in den Details des täglichen Lebens. So haben die USA durch das Eingreifen von Superhelden den Vietnamkrieg gewonnen, Nixon blieb an der Macht, und das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den USA und der UdSSR ist deutlich zugunsten der USA verlagert (was unter anderem zu einer dramatischen Eskalation des Kalten Krieges führt und dazu, daß im Jahr 1985 ein baldiger Atomkrieg unabwendbar scheint). Doch auch in kleineren, unscheinbaren Aspekten äußert sich die tatsächliche Existenz der Superhelden; so etwa darin, daß Kinder am Kiosk keine Superhelden-Comics vorfinden, sondern Piraten-Comics.

[Panel aus WATCHMEN #8, "Old Ghosts"] Trotz aller Unterschiede dieser Alternativwelt zur realen Welt widerspiegelt ihre historische Entwicklung doch detailgetreu die reale Entwicklung des Superhelden-Genres. Die maskierten Helden der "ersten Generation", die in den 40er und 50er Jahren des "Watchmen"-Universums aktiv sind, könnten ohne weiteres den Comicheften der "realen" 40er und 50er Jahre entsprungen sein. Captain Metropolis, Mothman und der erste Nite Owl erscheinen als geradlinige, manchmal geradezu naive Streiter für Recht und Ordnung und "die amerikanischen Werte". Im Gegensatz dazu zeigen sich in den Helden der "zweiten Generation", die ab den 60er Jahren in Erscheinung treten, die nachdenklichen und düsteren Untertöne, wie sie in der realen Welt jenes Jahrzehnts in den Superheldencomic einflossen. Besonders deutlich wird dieser Wandel in der Gestalt des zweiten Nite Owl, der trotz aller Bewunderung für sein Vorbild aus der ersten Generation einen völlig anderen Weg beschreitet. High-Tech spielt bei ihm eine deutlich wichtigere Rolle als der Einsatz der Fäuste.

[Panel aus WATCHMEN #7, "A Brother to Dragons"] Neben ihrer symbolhaften Darstellung der "Inhalte" des Genres lassen sich viele Charaktere auch Tendenzen der Diskussion "um" das Genre zuordnen. So wird vielen verbreiteten Vorwürfen gegen den Superheldencomic ein wahrer Kern in Gestalt einer oder mehrerer Figuren zugestanden: Captain Metropolis steht exemplarisch für nationalistische und militaristische Untertöne, Hooded Justice für Homosexualität und triebhafte Gewalttätigkeit, Rorschach für eine primitive schwarz-weiße Weltsicht. Ozymandias, der sich nach dem Rückzug aus dem Heldendasein als Geschäftsmann niederläßt, kann als Symbolfigur für das bekanntlich stets mit populären Comics verbundene Merchandising gelten. Doctor Manhattan schließlich repräsentiert das unwirkliche Element der Superkräfte und der mit ihnen einhergehenden Entfremdung von der Menschheit.

[Panel aus WATCHMEN #1, "At Midnight, all the agents..."] Trotz all ihrer Symbolik handelt es sich bei den Protagonisten nicht um flache Klischee-Charaktere, sondern um vielschichtige, glaubwürdige Persönlichkeiten. Das "Superheldentum" jeder einzelnen Figur des Szenarios fügt sich stimmig in das Gesamtbild des jeweiligen Menschen ein. Auf diese Weise gelingt Gibbons und Moore ein bravouröser Brückenschlag zwischen den Stereotypen des Superheldengenres und der Realität des Lesers.

Das an sich gut durchdachte Szenario weist nur an wenigen Stellen Schwächen auf. Das zentrale Komplott, das von den Protagonisten im Lauf der Geschichte aufgedeckt wird, empfinden viele Kritiker mit einiger Berechtigung als zu kompliziert, um zu funktionieren. Auch daß Richard Nixon durchgängig bis 1985 regiert, ohne von der amerikanischen Verfassung mehr zu ändern als den Artikel zur Wiederwahl, scheint weniger einer realistischen Alternativwelt-Überlegung zu entspringen als dem Bestreben der Autoren, einen bekannten Namen als Symbol für den Einfluß tatsächlich existierender Superhelden zu verwenden. Angesichts der ansonsten überragenden Qualitäten des Comics fallen Kritikpunkte wie diese aber eher in die Rubrik der künstlerischen Freiheit.

"Watchmen" ist ein Klassiker im ursprünglichsten Sinne. Seine zeitlosen Qualitäten liegen darin, die Fundamente des Superheldengenres im realen Denken und Handeln der Menschen offengelegt zu haben. Sowohl künftige Werke des Genres als auch jede Diskussion "über" das Genre werden sich stets an "Watchmen" messen lassen müssen.

Markus Gerwinski

"Watchmen" von Dave Gibbons und Alan Moore liegt auf deutsch in einer Gesamtausgabe bei Carlsen Comics vor.

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