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Vater und Sohn
Karikatur
Karikatur für den "Vorwärts" ("Das Schoßkind", 1932)
Eckart Sackmann:

Wohin rollst du, Goebbelchen?

Die Ausstellung "Erich Ohser - e. o. plauen" im Wilhelm Busch Museum Hannover

Am 28. März 1944 erscheint die Gestapo in Berlin-Kaulsdorf. Erich Ohser und sein Freund Erich Knauf werden ohne Vorladung zum polizeilichen Verhör geschafft. Schon am nächsten Tag läßt sich der Propagandaminister über das Ergebnis der Vernehmungen berichten. Goebbels wünscht eine beschleunigte Bearbeitung des Falles und veranlaßt eine Verhandlung vor dem "Volksgerichtshof" des gefürchteten Roland Freisler. Die wird zunächst auf den 5. April angesetzt, dann aber um einen Tag verschoben. In den frühen Morgenstunden des 6. April nutzt Erich Ohser einen unbewachten Moment und erhängt sich in seiner Zelle.

Wie die Lebensumstände über das künstlerische Schaffen bestimmen, will die derzeit im Wilhelm-Busch-Museum Hannover laufende Ausstellung "Erich Ohser - e. o. plauen" vorführen. Unter seinem richtigen Namen ist der Mann kaum noch bekannt. Anfang 1934 war dem Zeichner wegen seiner "früheren exponierten publizistischen Tätigkeit im marxistischen Sinne² die staatliche Akkreditierung verweigert worden. Als er wenig später die Chance bekam, mit der Bildergeschichte "Vater und Sohn" in der Berliner Illustrirten gedruckt zu werden, ging das nur unter Pseudonym: Erich Ohser aus Plauen.

Die Zeitschrift machte "Vater und Sohn" einem Millionenpublikum zugänglich; Ohser wurde wohlhabend und populär. Dabei war die gewählte Form schon damals hoffnungslos altbacken. In ihrer weltfremden Biederkeit verwiesen die Strips auf die Fliegenden Blätter der Jahrhundertwende. Allerdings entsprach "Vater und Sohn" offensichtlich der deutschen Volksseele. Auch nach dem Krieg wurde der Comic laufend nachgedruckt und hielt die Erinnerung an Erich Ohser wach.

Die Retrospektive räumt auf mit der Vorstellung, die Person des Zeichners lasse sich über derlei Niedlichkeiten erfahren. Erstmals sind hier im Wilhelm-Busch-Museum, wo Ohser schon Anfang der 60er Jahre mit einer Ausstellung geehrt wurde, auch die lange verborgenen politischen Arbeiten zu sehen. Und die haben es in sich.

Vater und Sohn
"Vater und Sohn" (1936)

Erich Ohser wurde 1903 im Vogtland geboren. Er studierte in Leipzig, wo er Erich Knauf und den noch unbekannten Erich Kästner kennenlernte. Die "drei Erichs" sollten sich ihr Leben lang einander nahestehen. Alle gingen Ende der 20er Jahre nach Berlin. Der in der künstlerischen Tradition von Albert Schäfer-Ast arbeitende Zeichner lebte von Aufträgen für Buchillustrationen - und von Karikaturen. Die bissigsten erschienen in der Neuen Revue und im sozialdemokratischen Vorwärts. Hitler und Goebbels gaben eine gute Zielscheibe ab.

Als 1933 die Bücher verbrannt wurden, bekam Erich Ohser es mit der Angst zu tun. In Verkennung der Realität - er war ja längst gedruckt - vernichtete er alle verfänglichen Originale. Von den Arbeiten für den Vorwärts sind in Hannover nur Reproduktionen zu sehen und aufgeschlagene, voluminöse, sehr eindrucksvolle Zeitungsbände. Das quer durch den Raum geworfene Dia von der Bücherverbrennung bildet innerhalb der Ausstellung eine Schranke. Mit den Nazis gab es den alten Erich Ohser nicht mehr. An seine Stelle trat e. o. plauen, der Schöpfer liebenswürdiger, unverfänglicher Unterhaltung, der sich durch den hohen Bekanntheitsgrad seiner Bildergeschichten einigermaßen sicher glaubte. Das war ein Trugschluß.

1936, noch während "Vater und Sohn" in der Berliner Illustrirten lief, wurde das Berufsverbot erneuert. Der Traum von der inneren Emigration war ausgeträumt. Nun ging es ums bloße Überleben. 1940 ließ sich der Zeichner von der Propaganda anwerben. Er wurde Mitarbeiter in der Deutschen Zeichenfilm GmbH und polemisierte in der sich akademisch-konservativ gebenden Zeitung Das Reich. Diese Karikaturen werden im Wilhelm-Busch-Museum in großer Breite gezeigt. Im Kreis seiner Freunde wetterte Ohser weiter gegen das Regime - aufgrund seiner Hörschwäche tat er es oft genug lautstark. Prompt wurde er denunziert, von einem Mitbewohner, dem er vertraut hatte.

Karikatur
Karikatur für "Das Reich" (1943)

Die Ausstellung in Hannover erhebt keinen pädagogischen Anspruch. Sie will nicht die Moral des Zeichners bewerten, eher schon die der Epoche. Die Hängung leitet den Besucher durch alle Schaffensperioden Erich Ohsers, von den 20er Jahren bis zum tragischen Ende. Sinnbilder des "Dritten Reichs" begleiten den Rundgang: der Hitlerjunge, der Soldat, der bekannte Zynismus "Wollt ihr den totalen Krieg?" Immer wieder unterbrechen private Arbeiten den spannungsgeladenen Parcours.

Wie sich der Künstler - auch in Sorge um seine junge Familie - in dieser ihm wesensfremden Zeit verhielt, erschließt sich aus seinen Arbeiten. Die sind fatalerweise da am gelungensten, wo Ohser sich dem Diktat der Propaganda unterordnet - im Reich, in den fürchterlichen, aber beileibe nicht unintelligenten Verunglimpfungen der Kriegsgegner.

Genauso war Erich Ohser vor 1933 mit Goebbels umgesprungen. "Wohin rollst du, Goebbelchen?", eine Bildunterschrift in der "Neuen Revue", spielte auf den tänzelnden Gang des zukünftigen Propagandaministers an. Das hat ihm das Goebbelchen nie verziehen.

Karikatur
Karikatur für "Neue Revue" (1931)


Erich Ohser - e. o. plauen


Wilhelm-Busch-Museum Hannover
Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik

30167 Hannover, Georgengarten
Tel. 0511/71 40 76
Bis zum 3. Dezember 2000
Katalog (336 Seiten) DM 58,-
Ohser

Selbstporträt Erich Ohser

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