Norden
In seiner Ansprache zur Eröffnung des Comicmuseums hob der stellvertretende Norder Bürgermeister Hermann Reinders die Bedeutung der neuen Einrichtung als einen solcher Anziehungspunkte für den Tourismus hervor, um die man sich verstärkt bemühe. Im Konkurrenzkampf um die Gäste mache man nun einen Schritt vorwärts und belebe zudem die Westerstraße. "Das Comicmuseum bereichert Norden", schloss Reinders seine Ausführungen, in denen er auch auf ein Projekt namens "Ocean Wave" einging, das wegen der englischen Bezeichnung in der Region offenbar ein Reizthema ist.
Norden hat knapp 28.000 Einwohner. Es liegt als ältester Küstenbadeort Ostfrieslands nördlich von Emden am Meer. Die Norder Museumsdichte ist ungewöhnlich: auf tausend Einwohnern kommt bald ein Museum. Dazu gehören das Teemuseum, ein Museum für Fernmeldetechnik (ehedem Norddeich Radio), die Kirche der Mennoniten, das Muschel- und Schneckenmuseum, drei alte Windmühlen und ein Museum für Buddelschiffe.
Friesisches Haus
Nicht nur die Exponate des neuen Museums entführen den Gast in eine zurückliegende Zeit. Auch das Haus, in dem Thieles Comicmuseum Norden untergebracht wurde, zeigt mit seiner für Ostfriesland und Friesland typischen und fein herausgeputzten Fassadenzier trotzig, dass man die Zeugen vergangener Jahrhunderte nicht so einfach wegwerfen oder umreißen sollte.
Der Giebelaufsatz des Hauses in der Westerstraße verrät ein Alter von irgendetwas um hundert Jahre, die das Haus nun schon das Treiben an der Straße in die Westermarsch beobachtet. Dass es eines Tages bis unters Dach mit Figuren aus PVC, Gummi oder Porzellan gefüllt wird, hat es sich bei der Grundsteinlegung wohl nicht träumen lassen.
Comicmuseen
So wie man über das, was ein Comic eigentlich ist, lange sinnieren kann (vgl. FAQ F15), so wird man auch über das einige Zeit nachdenken müssen, was man von einem Comicmuseum erwartet. Die meisten werden an einem solchen Ort geschichtliche Erklärungen, Überblicke zum Lebenswerk einiger Autoren, Originalzeichnungen, Archive und so weiter suchen. Die Comicmuseen in Brüssel, Angoulême und San Francisco oder Kawasaki bieten das. Dort verzichtet man auch nie auf die Ausstellung von Comicfiguren, ein interessanter Teilaspekt, dem sich Thieles Comicmuseum in Norden nun fast gänzlich verschrieben hat. Eine Suche bei Google fördert weitere Comicmuseen zutage (u.a. in Wien, Northampton, Zwingenberg, Recklinghausen, Nedre Ätradalen, Boca Raton), bei denen man im Einzelfall nachsehen müsste, ob ihre Sammlungen repräsentativ für eine gewisse Periode oder für einen Autoren sind und ob sie überhaupt noch existieren. Mit dem Wilhelm-Busch-Museum zeigt in Hannover ein recht bekanntes Haus Comic. Der Wert eines Museums bemisst sich - außer an der Zahl der Besucher - an der Aufarbeitung der Sammlung, sei es in der Inventarisierung des Bestandes oder der Ableitung allgemeiner Erkenntnisse.
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Trommelwirbel zur Eröffnung
Pünktlich um 17 Uhr zerriss lauter Trommelwirbel die Stimmung eines stillen, trüben Novembertags. Das gekonnt vorgetragene Spektakel einer Drumband aus Emden trieb nicht nur die Tristesse eines Nebeltages und etwaige böse Geister fort sondern auch die Nachbarn und Gäste herbei, die sich zur Eröffnung von Thieles Comicmuseum am 30.11. in der Westerstraße 10 einfanden. Ab dem 1. Dezember steht das Museum jedem Besucher offen, ob er nun dafür trommelt oder nicht. Das große und umfangreich dekorierte Schaufenster zeigt bereits zahlreiche Comicfiguren. Es schafft auch Einblick in den Laden für Figuren, Comics und Plakate, der dem Museum angegliedert ist.
Sammlung
Von den gut 30.000 Comic-, Märchen-, Fantasy-, Science Fiction- und Werbefiguren, die Jürgen Thiele samt Zubehör zusammengetragen hat, ist bereits ein Großteil in Vitrinen zu sehen. Manches lagert noch im Archiv und wird nach und nach ebenfalls präsentiert. Dazu kommen gut 6.000 Comics, die zum Teil noch einen Platz finden sollen.
Der sehr deutliche Schwerpunkt der Sammlung aus der Zeit von 1900 bis 2000 ist die Figur, nicht etwa originale Comicseiten oder besondere Alben, Hefte oder Zeichnungen, wie man sie üblicherweise in einem Comicmuseum findet. Als Ausstellungsfläche stehen auf zwei Etagen 350 m² zur Verfügung. Neben Jürgen und Brigitte Thiele, für die die Sammlung nunmehr berufliche Vollzeitbeschäftigung ist, arbeitet eine ABM-Kraft für das Museum.
Führungen
Die Inhalte der Vitrinen werden auf den Besucher, insbesondere den jüngeren, wie ein Blick in eine randvolle Spielzeugkiste wirken, ein Farb- und Formenwirrwarr, das sich einem in seinem Gehalt nicht erschließt, wenn nicht der Fachmann danebensteht und erzählt. Daher bietet Thieles Comicmuseum Führungen an, die man rechtzeitig mit dem Museum vereinbaren sollte.
Wunschtraum
Manchem Sammler wird das, was die Thieles hier auf die Beine gestellt haben, wie die Erfüllung eines lange gehegten eigenen Wunschtraums vorkommen. In wie vielen Häusern im Land verpuffen wohl andere Sammlungen populärer Kultur samt des zugehörigen Fachwissens ohne Nutzen für die Allgemeinheit, weil sich die heimische Gemeinde einer vermeintlich verqueren Idee nicht so öffnet, wie es die Stadt Norden macht? Dabei zeigen Beispiele wie die zu ihrer Zeit sicherlich auch mit geringer Einsicht begleiteten Tätigkeiten der Sammler Roemer, Pelizaeus oder Leunis aus Hildesheim, welcher Nutzen zum Verständnis unseres natürlichen und kulturellen Umfeldes viele Jahre später daraus erwachsen kann. Die wenigsten Sammler werden ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand ihr Wissen und ihre Schatzkisten weitergeben können. So war zum Beispiel vor kurzem sehr betrüblich zu sehen, wie die in jahrzehntelanger Arbeit eines englischen Experten entstandene Sammlung wertvoller früher Comics durch den Nachlassverwalter wieder in alle Winde zerstreut wurde.
Werden Sammlermuseumsträume nur in Ostfriesland wahr? Die Kulturetats der Städte und Gemeinden sind für die Populärkultur ein karger Acker, auf dessen Sand man kaum bauen kann. Trotz aller Absichtserklärungen hat sich weder in Recklinghausen noch in Erlangen ein Comicmuseum bisher halten oder aufbauen können. Die Thieles öffneten ihr Haus dort, wo zumindest in den sechs Monaten der Saison genügend Besucher zu erwarten sind, die Zeit haben, Geld mitbringen und auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen sind. Dieses Einklinken in den Tourismus ist eine mögliche Lösung, die nicht jedem auf Anhieb gefallen wird. Doch ist damit ein erster Nagel eingeschlagen, an den man in Zukunft vielleicht noch andere Anliegen hängen kann, zum Beispiel das eines umfassenden Archivs für den (frühen) Comic in Deutschland. Wenn sich dafür eine Stadt oder ein Sponsor irgendwo im Land begeistern ließe, ginge ein weiterer Wunschtraum in Erfüllung. Die zugehörigen Sammler und Experten gibt es jedenfalls bereits.
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Jürgen Thiele
Von Kindesbeinen an hat sich Jürgen Thiele für Comicfiguren interessiert und diese sogar sorgfältig behandelt und nicht in einer Sandkiste vergraben oder im Gully versenkt, wie weniger brave Kinder das tun. Nach nunmehr 45 Jahren des Aufbewahrens kam so eine unglaublich umfangreiche Sammlung zusammen. Brigitte Thiele, seine sympathische Frau, trägt sein Hobby mit, auch wenn sie seine große Leidenschaft bei einzelnen Stücken gelegentlich kritisch begleitet haben mag.
Jürgen Thiele wurde in Castrop-Rauxel geboren und kam dann über Bochum und Dortmund schließlich 1995 nach Norden. Seine starken Allergien, die ihm sogar bereits aufs Augenlicht schlugen, verschwanden in der reinen, ostfriesischen Luft umgehend, weswegen er sich erleichtert in der kleinen Stadt niederließ.
Arbeitskreis Norder Museen
Als Vorsitzender des Arbeitskreises Norder Museen erklärte Manfred Wiltfang seine große Zufriedenheit damit, dass sich die nicht gerade spärliche Museenlandschaft der Stadt Norden um eine solche Sehenswürdigkeit, wie sie Thieles Comicmuseum darstellt, erweitere. Durch das geänderte Verhalten der Urlauber, die sich nicht mehr wie früher einfach drei Wochen an den Strand legten, sondern lieber einen Kurzurlaub voller Aktivitäten erleben wollten, seien gerade auch ungewöhnliche Angebote für die ganze Familie willkommen, die "die Schätze der Stadt" zeigten.
Das Comicmuseum sei bereits die 18. Einrichtung, die zum Arbeitskreis Norder Museen gehöre. In Kürze käme mit einem Automuseum ein 19. Mitglied hinzu. Auch eine Seehundaufzuchtstation zählt sich zu den Einrichtungen des Arbeitskreises.
Comicfiguren
Mit der Entdeckung des PVC im Jahre 1913 und der dann folgenden großtechnischen Umsetzung waren nach dem Zweiten Weltkrieg auch der Gestaltung von Figuren ganz neue Möglichkeiten eröffnet worden. Die bis zu diesem Zeitpunkt eingesetzten Materialien wie Porzellan, Holz, Metalle, Zelluloid oder vielleicht Kautschuk eigneten sich zur Herstellung von Spielzeug wegen ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Steifheit oder ihres Preises längst nicht so gut. Die Firmen Schleich und Bully brachten ab den 50er-Jahren in Deutschland in größerem Umfang Werbe- und Comicfiguren auf den Markt, darunter Lurchi und seit 1965 die so ungemein erfolg- und zahlreichen Figuren der Schlümpfe. Die Firma Bully richtete an ihrem Firmensitz in Spraitbach ein Museum ihrer Figuren ein. Mittlerweile erscheint regelmäßig ein Preiskatalog für Sammler von Comicfiguren aus PVC und Kunstharz. Wer jetzt seine etwas neueren Gaston- oder Tim und Struppi-Figuren aus dem Regal nimmt und nach deren Herkunft sucht, wird die Pariser Firma Plastoy als Hersteller feststellen. Während es vor den 50er-Jahren kaum Comicfiguren bei uns gab, sind sie mittlerweile zu einem selbstverständlichen Begleiter unseres Alltags geworden.
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