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Tim und Struppi-Ausstellung

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Hans Joachim Neyer, Direktor des Wilhelm-Busch-Museums Hannover

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Musikalische Untermalung mit Almut Lustig, Brigitte Haas und Malte Rettberg

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Die zwei dekorativen Drachensäulen stellte ein Restaurantbesitzer zur Verfügung

Wertvolle Originale Hergés in Hannover

Mit einem Getöse, als liefe der Pfadfinder Totor mit seiner Sippe topfdeckelschlagend durch den Raum, eröffnete das Wilhelm-Busch-Museum stolz seine "Tim und Struppi"-Ausstellung. Wer darauf gesetzt hatte, dass die Castafiore mit einer ihrer gefürchteten Arien die Veranstaltung musikalisch umrahmt, sah sich nun überrascht den schlagfertigen Kräften einer jungen Musikantengruppe gegenüber, die passend zum wandhohen Bild aus dem "Blauen Lotos" chinesische Becken zum Klingen brachte.

Die Besucher der Eröffnungsveranstaltung strömten daraufhin zusammen und füllten den Ausstellungsraum fast zur Gänze, als Hans Joachim Neyer, der Direktor des Museums, redegewandt und humorig die Besonderheiten der Ausstellung vorstellte. Nach sieben Jahren in diesem Amt sei er froh, hochkarätige Comic-Kunst aus den Archiven Hergés in den Räumen des Museums zeigen zu können. Er habe sich dazu in Zusammenarbeit mit der Fondation Hergé alles frei aussuchen dürfen. Sein Dank galt also insbesondere den beiden anwesenden Vertretern der Fondation Hergé, Brüssel, Fanny Rodwell und ihrem Mann. Weitere Förderer der Ausstellung sind die Ludwig Galerie Schloß Oberhausen und der Carlsen Verlag mit einer ungenannten Summe.

Schon aus Platzgründen hat man sich sinnvollerweise seitens der Aussteller auf zwei Werke Hergés konzentriert. Im Erdgeschoß des Wilhelm-Busch-Museums ist dies "Der blaue Lotos" (1934/35), im Obergeschoss zeigt man "Tim in Tibet" (1958/59). Man könne die Ausstellung wie einen Comic lesen, hob Neyer in seiner Ansprache hervor. Die Übergänge von der reichen (Vor-) Zeichnung Hergés zur ligne claire würden sichtbar gemacht. Unterhalb von Vor- und Reinzeichnung hängen in den beiden großen Räumen gedruckte, farbige Beispiele der jeweiligen Seite, in Augenhöhe für die jüngsten Ausstellungsbesucher, aber auch hochklappbar für die größer gewachsenen Leser.

Bevor Hans Joachim Neyer die Ausstellung dann offiziell eröffnete, erzählte Karl Johaentges, Fotojournalist, von seinen persönlichen Erlebnissen in den Ländern, die auch Tim bereiste. Da es an Sitzgelegenheiten fehlte, hatte sein Vortrag die passende Kürze. Die Ausstellung ist nun bis zum 13. Mai 2001 für das Publikum in Hannover geöffnet. Danach wandert sie weiter nach Saarlouis und Oberhausen.

Tim und Struppi-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum
Das wertvollste Stück der Ausstellung hängt relativ unauffällig in einem kleineren Zwischenraum des Museums. Es handelt sich um das Original der ersten Seite von "Tim im Lande der Sowjets". Ein Exemplar der 1930 erschienenen ersten Albenausgabe, in der diese Seite abgedruckt wurde, hat zurzeit einen Sammlerwert von etwa 9.000 Euro. Dennoch wird dieses Original nicht unter den von anderen Museen her gewohnten besonders vor Licht schützenden Maßnahmen gezeigt (vgl. Roemer-Pelizaeus-Museum Hildesheim, Comicmuseum Angoulême). Vielleicht ist Hergés Werk besonders robust und überdauert die Zeit schadloser als andere Comics.

Die Fondation Hergé, in der Fanny Rodwell als Erbin Hergés und Präsidentin ein gewichtiges Wort zu sagen hat, gilt mit Leihgaben und Lizenzvergaben im Allgemeinen als sehr zurückhaltend. Die Kontrolle über den Nachlass Hergés gibt man weitgehend nicht aus der Hand, auch in Hannover wird man dies bei der Einrichtung der Ausstellung gespürt haben. Aufsehen erregte die Fondation Hergé kürzlich mit der Absicht, das Hergé-Museum nun doch nicht in Brüssel, sondern in Louvain-la-Neuve einzurichten, wovon man sich wohl ebenfalls einen besseren "moralischen und materiellen Schutz des Werks des größten europäischen Autoren der neunten Kunst" verspricht (zitiert nach Univers BD). Hugues Dayez schildert in einem Artikel in BoDoï, Heft 36, das Verhalten der Fondation Hergé und der zugehörigen Gesellschaft Moulinsart S.A. bei der Vergabe von Rechten. So bekam ein belgischer Veranstalter Unterstützung für ein komödiantisches Tim und Struppi-Musical, obwohl Hergé von musikalischen Darbietungen auf der Bühne nicht viel hielt, wie er Numa Sadoul in einem Interview gestand. Kein Einspruch kam von Moulinsart, als der Schreiber dieses Musicals im Bruch mit der Originalvorlage die Castafiore kurzerhand in den peruanischen Dschungel des "Sonnentempel"-Abenteuers hineinschrieb, "weil man für ein gutes Musical eine weibliche Stimme brauchte". - Als jedoch das Brüsseler Comic-Zentrum CBBD eine Abbildung von Tim und Struppi auf einer Werbeschrift für den belgischen Comic zusammen mit Lucky Luke, Blake und Mortimer und den Schlümpfen unterbringen wollte, lehnte Moulinsart strikt ab: "Wir wollen das Werk Hergés nicht dadurch banalisieren, dass wir es mit den Werken anderer Zeichner vermischen". Nick Rodwell gab dazu die Devise aus, man habe entschieden, "Tim und Struppi wie den Rolls-Royce unter den Comics zu positionieren". So wundert es dann auch nicht, dass selbst Hachette für seine Comic-Enzyklopädie das Recht auf Abdruck von Tim und Struppi nicht bekam.

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Das wertvollste Stück: Die erste Seite von Tim und Struppi hängt im WBM noch bis zum 13. Mai im Original (zum Ansehen eines lesbareren Scans dieser Seite bitte auf das Foto klicken!)

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Fanny Vlamynck heiratete Georges Remi (Hergé) 1977. Seit ihrer Heirat mit Nick Rodwell trägt sie dessen Namen.

Tim und Struppi-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum
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Der Katalog zur Ausstellung enthält zahlreiche seltene Reproduktionen.

Der 112-seitige Katalog zur Ausstellung enthält 127 farbige Abbildungen, darunter neben elf ganzseitigen Bleistiftskizzen gut fünfzig Reproduktionen von Covern des Le Petit Vingtième, auf denen Szenen aus "Tim und Struppi" für den Blickfang sorgten. Diese Fülle solcher Abbildungen dürfte man bei uns bisher vergeblich gesucht haben. Des Weiteren enthält der Katalog die bereits in ZACK veröffentlichte und lesenswerte Dokumentation von Volker Hamann, in der er sorgfältig auf die Veröffentlichungsgeschichte von "Tim und Struppi" in Deutschland eingeht. Volker Hamann dankt abschließend in seinem immerhin über 40-seitigen Katalogbeitrag den Sammlern der abgebildeten papiernen Zeugnisse populärer Kultur, ohne die einiges an Geschichte nicht mehr zu zeigen oder gar nachzuvollziehen wäre. Die Bedeutung der Sammler für diesen Bereich ist zu unterstreichen und gleichzeitig nachzudenken, wie diese Belege auch in Museen und anderen Archiven auf Dauer für die Öffentlichkeit aufbewahrt werden können.

Der Katalog "Tim und Struppi - Ein Blick ins Atelier Hergé" kann im Wilhelm-Busch-Museum für DM 29,- erworben werden. Bestellt man ihn (éditions moulinsart, ISBN 2-930284-50-1) kostet er DM 41,-.

Tim und Struppi-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum
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Eine Vorzeichnung von Hergé zu "Tim in Tibet"

Der Absicht der Aussteller, die Seiten Hergés in verschiedenen "Produktionsstufen" zu zeigen, sollte man dann auch in Ruhe nachgehen. Neyer wies mit einem fast bedauernden Unterton in seiner Eröffnungsansprache auf die Übergänge der "reichen Zeichnung" zur ligne claire hin. Das dürfte die gleiche Überraschung sein, die man erfährt, wenn man einmal eine Vorzeichnung von Wilhelm Busch mit der später zum Abdruck gelangten Zeichnung verglichen hat (vgl. Der böse Hundsfänger und das arme Hündlein von 1866). Carsten Laqua hat in seinem Aufsatz zur ligne claire (in: Krägermanns Comic Katalog, 1996, S. 463ff) Hergés Bleistiftvorzeichnungen "eher diffus" genannt. Erst bei der getuschten Reinzeichnung habe er die klare Linie herausgearbeitet, um der "Lesbarkeit seiner Comics", der Wiedererkennbarkeit der Figuren und Gegenstände, zu dienen. In diesem Sinne ist die gefundene klare Linie ein Gewinn. Die Reduktion auf die wesentliche Linie war die Meisterschaft Hergés. Gerade in den im Obergeschoss gezeigten Originalen von "Tim in Tibet" achte man auf seine Gestaltung der tibetanischen Landschaft durch klare, prägnante Linien. Bei der Darstellung von Bewegung erschwert die ligne claire hingegen die Ausdrucksmöglichkeiten.
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Hartmut Beckers Merchandise-Schrank

Die Popularität einer Comicserie ist auch an der Menge an Merchandise-Artikeln ablesbar, die auf dem Markt ihren Platz findet. Insofern ist ein Schrank voll solchen Materials, das Hartmut Becker der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, ein Fingerzeig. Doch auch das große Interesse der Medien, die zum vormittäglichen Pressetermin erschienen, lässt ahnen, dass Tim und Struppi noch 15 Jahre nach Erscheinen der letzten (unvollendeten) Tim und Struppi-Erzählung "Tim und die Alpha-Kunst" in den Köpfen lebendig ist. Die Nachricht über die Ausstellungseröffnung erreichte kurzzeitig auch die Portalseiten von großen Web-Providern (T-Online, Web.de), so dass die Aussichten des Wilhelm-Busch-Museums auf einen regen Andrang gut sind und sie damit den Erfolg der letzten großen Tim und Struppi-Ausstellung vor gut zehn Jahren in Hamburg wiederholen können.


Weitere Einblicke in die Ausstellung liefern unsere Fotogalerien:

[Fotos I]  [Fotos II]


Die Tim und Struppi-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum ist bis zum 13. Mai 2001 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Ostersonntag, Ostermontag und am 1. Mai findet man ebenfalls von 10 bis 18 Uhr Eintritt, Karfreitag wird jedoch geschlossen bleiben. Etwaige Änderungen und weitere Informationen erfährt man auf der Website des Museums.

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