120, rue de la gare
Léo Malets berühmter Kriminal-roman gleichen Titels erschien im Jahr 1943 und der Autor setzte damit die Figur des Privatdetektivs Nestor Burma in ein Frankreich, das von der deutschen Besatzung und vom Vichy-Régime unter Marschall Pétain bestimmt war. Burma, der als Soldat in einem deutschen Kriegsgefangenenlager zwischen Bremen und Hamburg interniert ist, lernt dort sonderbare Menschen kennen, die schon bald nach seinem Rücktransport nach Frankreich in einem anfangs undurchschaubaren Gewirr von tragischen Ereignissen wieder auftauchen werden. Jacques Tardi, der aus dem Krimi einen umfang-reichen Comic von nahezu 200 großformatigen Seiten werden ließ, löst für den Leser die Schwierigkeit, sich in der komplexen Erzählung zurechtzufinden, indem er einige Zwischenzusammenfassungen gibt und eine passende Bildsprache wählt, die zur Orientierung in der Fülle an Personen verhilft. Der Reiz der Geschichte liegt in ihrer Konstruktion, die Nestor Burma und den Leser immer wieder in Sackgassen führt, aus denen Zufälle und neue Erkenntnisse jeweils zur rechten Zeit einen Ausweg zeigen. Zudem wirken die Panelhintergründe als stimmige Zeitzeugen und bergen gelegentlich humorige Details, wenn zum Beispiel unvermittelt auf Comics von Hergé oder Edgar P. Jacobs angespielt wird. Für alle, die sich für diese Details interessieren, hat Jean-François Douvry eigens das Buch "Rendez-vous 120, rue de la Gare. Autopsie einer Adaption" geschrieben, das über Tardis detail-freudige Arbeit staunen lässt.
Trojanische Hengste
Was mag wohl im Trojanischen Pferd in jener Nacht vorgegangen sein, in der die Griechen darauf warteten, ob die Trojaner dieses ungewöhnliche Abschiedsgeschenk annehmen werden? Dutzende gut gewachsener, kräftiger, griechischer Recken dicht an dicht in der Dunkelheit eines hölzernen Pferdes, was wird uns Ralf König wohl über diese Situation zu erzählen haben? Richtig, er erzählt über Liebe und Leidenschaft. Und die trieb nicht nur bei den Griechen ihre Blüten, sondern auch bei uns in der bunten Republik. König erzählt davon in dieser Sammlung humoriger und kurzer Geschichten, aus der auch Heteros etwas lernen können.
I.N.R.I.
Man munkelt, dass das Leichentuch Jesu im Turiner Dom von Leonardo da Vinci auf fotografischem Wege hergestellt worden sein soll.
Vielleicht wurde diese Fälschung angefertigt, weil es gar kein Lei-chentuch Jesu gibt, da man irrtüm-lich dessen Zwillingsbruder Tho-mas ans Kreuz nagelte? Es sind revolutionäre Fragen, die sich dem Leser im zweiten Zyklus dieses Vatikanthrillers aufdrängen. Und warum schlägt der vermummte Axtträger dem Papst eine Hand ab?
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Paul Austers Stadt aus Glas
Es ist erfreulich, dass gute und außergewöhnliche Comics eine Neuauflage erfahren, statt nur noch in den Erzählungen und Sammlungen älterer Comicleser aufzutauchen. Die Comic-Adaption von Paul Austers Stadt aus Glas erschien in der von Art Spiegelman entwickelten Reihe »Neon Lit«, die mit dem Anspruch antrat, für ein erwach-senes Publikum lesenswert zu sein. 1997 kam der von David Mazzucchelli gezeichnete Band erstmals in Deutsch bei Rowohlt heraus. Paul Karasik gelang die schwierige Aufgabe meisterlich, das Buchstabenbuch in einen Comic zu verwandeln, den Art Spiegelman als "eigentümlichen Doppelgänger" lobt und als "großartigste Demonstration dessen, was der moderne Ikono-logoplatsch" zu leisten vermag. Da Spiegelman weder das Wort Comic noch die Bezeichnung graphic novel als passend für diese Art Lektüre empfindet, schlägt er als neuen Namen Ikonologoplatsch vor, was die Sache ziemlich genau trifft und sich nun bei den Buchhändlern und in der Comicszene nur noch durchsetzen muss.
Der Krimiautor Daniel Quinn schlüpft in die Rolle eines Provatdetektivs und spürt den Motiven des Theologieprofessors Peter Stillman nach, der den Fall der Sprache rückgängig machen möchte, um den Zustand innerer Unschuld wiederzuerlangen.
Nyx
Zwar greift man bei diesem 192 Seiten starken Comic auf gängige Standards zurück - immerhin titelt das Buch ja mit "X-Men präsentieren" -, doch beginnt man frisch von vorn und stellt Jugendliche vor, die ihre Mutantenfähigkeiten in den Notlagen entwickeln oder ent-decken, in die sie ihre Familien oder ihr Umfeld hineindrängten. Dadurch entsteht eine kurzwei-lige Erzählung, in der die Bösen letztlich aufgeschlitzt werden.
Kiden ist eine Schülerin, deren Vater direkt vor ihren Augen erschossen wurde. Während einer Auseinandersetzung mit Mitschülern bemerkt sie ihre übernatürlichen Fähigkeiten, benutzt sie und bringt ihre Lehrerin dadurch in die Schuss-bahn einer Pistolenkugel.
Rubine
Den klassischen frankobelgi-schen Kriminal-Comic gibt es noch, doch an die Stellen von Rick Master oder Valhardi treten Caroline Baldwin oder Rubine Killarney, selbstbewusste Frauen statt abenteuerlustiger Männer in den Rollen der KriminalistInnen, die jeden Fall lösen. Rubine ist Inspektorin bei der Polizei von Chicago und ge-langt durch die Frau des Bürger-meisters an einen schwierigen Fall, der ihre Kombinationsgabe auf eine harte Probe stellt.
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Die Offenbarung
Lucia dos Santos schrieb 1941 zwei Geheimnisse und nach einigem Hin und Her 1943 ein drittes Geheimnis auf, welche ihr und zwei anderen Hirtenkindern bei Fátima in Portugal durch Maria übermittelt worden sein sollen. Das dritte Geheimnis wurde erst im Jahr 2000 veröffentlicht und von Kardinal Ratzinger kommentiert. Das nährt unter Gerüchteköchen die Annahme, dass es noch ein viertes Geheimnis gebe, welches nur der Papst kenne. Paul Jenkins nimmt diese Idee auf und strickt daraus eine Geschichte, in der ein Londoner Detektiv erkennt, dass der erste Anschein trügt. Humberto Ramos ("Crimson", "Out There") setzt die spannende Stimmung des Vatikan-Krimis gekonnt in Bilder um. Nur bei der vulgären Text-gebung für die Hauptfigur greifen Texter oder Überset-zer gelegentlich zum Eimer mit der falschen Farbe.
Lady Snowblood 1
Trotz aller Vorbehalte gegen-über diesen primitiven Rache-Geschichten, wie sie uns aus vielen grobsinnigen Filmen und Comics bekannt sind, so mag dieses erste dicke Buch über Yuki, dem Kind der Rache, diejenigen gut unterhalten, denen ein Gemisch aus Mord und Erotik den Lesespaß nicht trübt. Denn Yuki setzt ihren Körper und ihre Waffen phantasievoll genug ein, um den Leser über 500 Seiten lang an sich zu fesseln.
Im Gefängnis geboren ist es Yukis Bestimmung, sich an denjenigen zu rächen, die ihren Vater erschlugen und ihre Mutter hinter Gitter brachten.
Asterix bei den Normannen
Anlässlich des neuen Asterix-Films, der landauf landab in den Kinos läuft, erschien eine limitierte Sonderauflage mit neuem Cover von der Erzählung über Majestix' Neffen Grautvornix und die starken, furchtlosen Normannen, die uns seit 1971 nicht mehr aus dem Kopf geht. Verleiht Angst wirklich Flügel?
Das vierseitige Vorwort berichtet dem Leser viel Bekanntes, aber nichts über die Normannen und es gibt keinen Fingerzeig, warum die Verfilmung sie als Wikinger bezeichnet. Nachdem sie von Troubadix verängstigt in die Flucht geschlagen wurden, trauten sich die Normannen/Wikinger erst wieder im 9. Jahrhundert in jenes, uns wohlbekannte gallische Dorf. Der französische König hatte Mitleid und gab ihnen damals gleich die ganze Normandie zum Lehen. Von Zeit zu Zeit zahlt sich Angst eben doch noch aus.
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