Jenseits der Zeit
Eine englische Familie zieht zu Beginn des letzten Jahrhunderts in den Süden Italiens und träumt von einem neuen Leben in malerischer Landschaft und von einem beruf-lichen Erfolg als Fischer mit eige-nem Motorboot. Dass man damit auf Skepsis und Ablehnung der benachbarten Dorfbewohner trifft, hatte man nicht erwartet. Diese fürchten um den Erfolg ihrer eige-nen Fänge. Die Autoren Georges Abolin (T) und Olivier Pont (Z/T) machen aus dieser Situation aber kein plumpes Lehrstück über wirtschaftliche Rivalitäten oder über Fremdenfeindlichkeit, sondern sie spinnen um den dramatischen Kern in geduldiger Ausführlichkeit eine Erzählung, in denen die Kinder der beteiligten Parteien die Hauptrollen an sich ziehen. Insbesondere das Mädchen Lisa sorgt mit ihrer fröh-lichen, natürlichen Art und ihrem rätselhaften Verhalten bei William und den Lesern für spannende Momente. Im Original "Où le regard ne porte pas..." erschien der Roman beim Verlag Dargaud in zwei albengroßen Bänden. Die deutsche Ausgabe erfolgt in einem einzelnen Band, der in ein um ein Viertel kleineres Format gebracht wurde. Damit richtet man sich an ein älteres Lesepublikum, für das man auf diesem Wege Buchgefühl statt Albengefühl erzeugt.
Kissing Chaos 2
Arthur Dela Cruz enthüllt das Gesamtbild seiner Erzählung portionsweise. Im Mittel immer um die vier bis fünf Seiten lang folgt Szene auf Szene, die abwechselnd zwei Handlungsstränge bedienen. Eine Verbindung mit den Ereig-nissen im ersten Band der Reihe findet sich nur in wenigen Punkten. Einiges verbleibt im Nebel und zeigt sich also (noch?) undeutlich. Das macht wach. Im Anhang erklärt der Autor sein Werk. O si tacuisses! Wer es nicht mag, dass ein Dichter sein eigenes Gedicht erklärt oder ein Maler die beabsichtigte Wirkung seines Gemäldes, der sollte diese Seiten überspringen. Es ist ja nicht schlimm, wenn sich jeder seinen eigenen Reim auf die Bilderfolgen macht.
Die Bloggerin Ashley trifft sich entgegen aller guten Vorsätze mit einer Chat-Bekanntschaft. Everett ist zwar nicht der gefürchtete "18-jährige Fettwanst mit Halbglatze", und dennoch erlebt Ashley mit ihm in Folge recht hässliche Momente, die mit seiner rätselhaften Rolle bei der Aufklärung merkwürdiger Vorgänge zu tun haben könnten.
Babel
David B. führt uns in diesem Album sein persönliches Erleben der Epilepsie seines Bruders vor Augen und entfaltet durch gekonnte Bildersprache einen Eindruck davon, was in ihm und mit ihm im Verhältnis zu seiner Familie vorgeht. Das ist überaus spannend, auch wenn kein Schuss fällt, sich alles "nur" im Kopf abspielt.
Laternen verfolgen den Erzähler im Traum, als wollten sie Licht ins Dunkel seiner irrenden Gedanken bringen. Der Titel "Babel" mag auf seine Verwirrtheit hindeuten. Und ein merkwürdiger König der Welt schwingt darin sein Szepter, um an die Grenzen der Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu erinnern. Und das hat auch mit Erdöl zu tun.
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Betelgeuze 3
Welten voller Abenteuer, die noch unerforschte weite Ferne, fabelhafte Tiere, merkwürdige Gefahren, unstete Freund- und Liebschaften, sehr menschliche Krisen, in den Comics von Leo geht es kurzweilig zu. In den fünf Alben "Aldebaran" und den bis jetzt drei Alben "Betelgeuze" hält der einfallsreiche und recht produktive Autor die Spannung aufrecht und lässt das Rätsel um die Mantrisse ein Rätsel bleiben, welches sich als ein roter Faden weiter durch die packende SciFi-Erzählung zieht.
Der brasilianische Zeichner Léo (d.i. Luis Eduardo de Oliveira) wurde 1944 in Rio de Janeiro geboren. Er engagierte sich in der studentischen Linken und floh 1971 vor der Militärdiktatur nach Chile. Doch auch dort übernahm das Militär die Macht (Pinochet) und ermordete 1973 den Präsidenten Allende, so dass Léo nach Argentinien fliehen musste. 1981 kam Léo nach Europa und begann in Frankreich als Zeichner zu arbeiten. Dieser Lebenslauf findet in seinen Comic-Abenteuern einen Nachhall.
Aleister Arcane
Wenn die neugierigen Kinder nicht im richtigen Moment unerschrocken eingegriffen hätten, wäre es bei Aleister Green auf dem gruseligen Lande mit seinen nur eingeschränkt intelligenten, fast ungebildeten und intoleranten Einwohnern ganz entsetzlich ausgegangen.
Die Horrorgeschichte, die uns Steve Niles über einen ins Ab-seits getriebenen Gruselspezia-listen erzählt, erinnert an eine Abrechnung mit der Kampagne von Dr. Fredric Wertham gegen den Comic, als dieser in den 50er-Jahren behauptete, dass Comics als Ursache der Jugend-kriminalität gesehen werden müssten. Zum Glück haben wir den Schutt dieser Kampagne jetzt langsam weggeräumt und können ihr nun die Behauptung entgegensetzen, dass bornierte Menschen und das Privatfern-sehen an allem Schuld sind. Morgen früh fangen wir an, das zugehörige Buch zu schreiben und danach glauben uns alle.
Lady Death 10
"Only in death does she find the will to live", überschreibt Avatar Press seine Website zu Brian Pulidos "Lady Death". Hope, wie die Titelheldin im diesseitigen Leben hieß bevor sie sich ein ewiges Leben in der Hölle einhandelte, erlebt ihre Kämpfe in diesem Heftzyklus in einer mittelalterlich anmutenden Umgebung. Sie streift mit ihrem Begleiter Wolf im Grenzgebiet zwischen Europa und Aglarond durch das Land der Eldrich. In nahezu typischer Fantasy-Manier treten in der Szenenfolge des Hefts üble Gestalten, mutige Kämpfer, kleine grüne Wichte, machthungrige Spitzohren und knallharte Kirchenfürsten auf. Wie gut, dass sich durch all das Chaos die starke Hand der Lady ihren Weg bahnen kann. Ihr Name, Hope, nährt die Hoffnung, dass es ein glückliches Ende geben wird. Aber wann?
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Cinema Panopticum
Ein bleibendes Faszinosum ist selbstredend die Technik, in der Thomas Ott seine schwarzweißen, kurzweiligen Bilderzählungen dem Leser anbietet. Mit sicherem Gefühl für die Wirkung einer Unzahl an Kratzern, zieht er in diesem Buch sowohl den Betrachter als auch eine junge Jahrmarktsbesucherin in den Bann von vier Schau-kastenerzählungen. Das Panoptikum gilt als eine Sammlung von verblüffenden Sehenswürdigkeiten. Diese trifft man hier in doppeltem Sinne an. Man mag geneigt sein, in dem gut gemachten Buch nur mit feinen, weißen Handschuhen zu blättern, um vom Schwarz seiner Seiten und seiner Geschichten genügend Abstand zu halten. Doch in den Bildern blitzt trotz aller Gruselstimmung auch der Humor des Autors auf. Eine solche Mischung schafft gründliche Zuneigung.
Nana 1
Das Cover lässt einen etwas anderen Manga vermuten, als der Waschzettel auf der Rückseite des Buches ankündigt. Ist das nun so ein üblicher Musikband-Manga mit kompliziert verunfallenden Verliebtheiten und mit gitarre-behängten jungen Menschen auf dem Weg durch Blut und Tränen ganz nach oben? Oder erzählt dieser Manga über die Einsamkeit, die vom Titelbild ausgeht, auf dem eine junge Frau in Stille am sonnenbeschienenen Teetisch die Zeitung liest?
Solche Fragen eines Manga-Lesers beim Durchstöbern des langen Regals seines Mangaversorgers finden ihre Antwort womöglich erst beim Lesen. Es sei an dieser Stelle also schon mit Freude verraten, dass man mit dem Eindruck vom Cover nicht schief liegt. Es geht um Gefühle, um das Binden und Lösen von tiefergehenden Beziehungen, um die Furcht vor falschen Schritten und dem Alleinsein. Ai Yazawa, die anfangs einmal in die Modebranche gehen wollte, erzählt in teilweise ungewohnten Bildern von zwei jungen Frauen namens Nana, die sich erst einmal weder kennen noch entfernt etwas miteinander zu tun haben, außer dass sie beide nach Tokyo wollen.
Wurmics
Würmer im Comic, nicht im Computer, das ist doch einmal eine gute Nachricht!
Der Wurdack Verlag gibt laut Prospekttitel "Bücher für Leute mit Fantasie" heraus, dazu gehört jetzt auch ein erster Comic von Matthias Herkle. Der Autor nutzt seine Phantasie, um uns durch die Welt der Würmer zu führen, weiche Viecher mit Hut, die die Dinge ja doch mit ganz anderen Augen sehen als wir. In den 112 klassischen, schwarzweißen Comicstrips, die ein ganzes Album füllen, wünscht man sich eine Portion mehr Tiefgründiges.
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