+++ Die Abenteuer von Hergé +++
Stanislas, Jean-Luc Fromental und José-Louis Bocquet: DIE ABENTEUER VON HERGE. 56 Seiten, Farbe.
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte ("Les aventures d'Hergé", Reporter 1999). Lettering: Andreas Mergenthaler. Carlsen 2001.
Es sei ihm und seinen Kollegen nie darum gegangen, Hergé (d. i. Georges Remi, 1907-1983) von seinem Sockel zu stoßen, erklärt Stanislas Barthélémy über das Album "Die Abenteuer von Hergé". Wenn schon Tim keine Fehler hat, so der französische Zeichner weiter, sollte wenigstens sein Schöpfer mit allen Talenten und Gebrechen dargestellt werden. Nach einem Szenario von Jean-Luc Fromental und José-Louis Bocquet konnte Stanislas dieses Vorhaben in einem ebenso unterhaltsamen wie ansprechenden Comic umsetzen.
Das Album zeichnet ein glaubwürdiges Bild des Erfinders von "Tim und Struppi". In 16 Episoden werden wichtige Stationen und amüsante Anekdoten aus Hergés Leben erzählt, die das Interesse der Autoren an der Person verdeutlichen. Dabei kommen auch umstrittene Lebensabschnitte wie die Mitarbeit an der nazifreundlichen Zeitung Le Soir zur Sprache, und natürlich ist ein vom Erfolg der "Asterix"-Reihe höchst irritierter Hergé dramaturgisch interessanter als das oberflächliche Bild seiner selbst, das der Zeichner zu Lebzeiten der Öffentlichkeit präsentierte.
Die Idee zu dem Album stammt von Jean-Luc Fromental. Begeistert von Art Spiegelmans "Maus" und den dort vorgeführten Möglichkeiten einer Biographie in Comic-Form, wählte er den Belgier Hergé für sein Projekt aus. Hergé ist im französischsprachigen Raum nicht nur einer der einflu&Szlig;reichsten und bekanntesten Zeichner von Comics, sondern auch eine Persönlichkeit. Auf der Grundlage von Interviews und Biographien bemühte sich Fromental um eine Korrektur der meist unpersönlichen Sachtexte. Der feine, zugängliche Zeichenstil von Stanislas trägt zur Lesbarkeit des Albums bei, ohne ins Epigonentum abzugleiten oder einfach die von Hergé initiierte klare Linie zu kopieren. Den Autoren gelingt damit eine wunderbare Melange von bekannten Szenen aus den "Tim und Struppi"-Alben mit den realen Erlebnissen aus dem Leben des Zeichners.
Volker Hamann
+++ Abwärts +++
Jacques Tardi/Daniel Pennac: ABWÄRTS. 76 Seiten, Farbe, HC, DM 34,80.
Aus dem Französischen von Eveline Passet ("La débauche", Futuropolis-Gallimard, 2000), Lettering Dirk Rehm. Edition Moderne, September 2000
Tardis neuster Krimi ist gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Er basiert nicht auf einer Romanvorlage des vom Zeichner bevorzugten Léo Malet, sondern auf einem Szenario des französischen Bestsellerautors Daniel Pennac. Zudem spielt die Geschichte nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart.
Vielleicht liegt es an diesem für Tardi neuen Wechsel, daß die Kolorierung viel bunter ausgefallen ist als bei "Tödliche Spiele" oder "Adeles ungewöhnliche Abenteuer". Der Detailreichtum der Zeichnungen hat eher noch zugenommen. Hübsch ist Tardis Einfall, die Gemälde eines einarmigen Künstlers von Loustal gestalten zu lassen. Dieser Maler verkauft seine naiven Tierbilder neben dem Jardin des Plantes, wo Lili, die mit dem Polizisten Justin befreundet ist, als Tierärztin arbeitet.
Eines Tages herrscht großer Aufruhr vor einem der Käfige. Ein Arbeitsloser hat sich dort aus Protest eingesperrt. Demonstrativ läßt er Dosen mit Hundefutter rumstehen, um zu zeigen, daß er sich kein anderes Essen mehr leisten kann. Die Szene erinnert nicht von ungefähr an Kafkas "Der Hungerkünstler", eine Kurzgeschichte, die schon von Robert Crumb in "Kafka kurz und knapp" und von Peter Kuper in "Gib1s auf!" adaptiert wurde. Natürlich wird der Arbeitslose im Zoo über Nacht zur Mediensensation.
In seinem Käfig wird eine Kamera installiert. Sie nimmt unter anderem auf, wie Lili den Arbeitslosen beschimpft. Am Tag darauf findet man den Mann erhängt vor. Von schlechtem Gewissen geplagt, macht sich Lili daran, die letzten Stunden im Leben des Arbeitslosen zu rekonstruieren. Dabei stößt sie auf Indizien, die auf einen Mord hindeuten.
Wie die clever konstruierte Story weiter verläuft, sei hier nicht verraten, nur so viel: Alles, was Tardi im Bild zeigt, seien es die Hundefutter-Dosen, sei es der einarmige Maler, wird im weiteren Verlauf wichtig. Weniger auffällige Details bemerkt man vielleicht sogar erst bei einer zweiten Lektüre. Insofern ist "Abwärts" das spannendste Album, das Tardi in den letzten Jahren geschaffen hat. Und es ist auch eins seiner witzigsten.
Reto Baer
+++ Alvin Norge +++
Chris Lamquet: ALVIN NORGE 1: @hell.Zcom. 48 Seiten, Farbe, HC, DM 24,80.
Aus dem Französischen von Hartmut Becker und Paul Derouet ("Alvin Norge: @enfer.Zcom". Les Editions du Lombard, 2000). Lettering: Computer. Alles Gute!, Juni 2000
Als die Raumfähre Atlantis zur Erde zurückkehren will, versagen plötzlich die Instrumente. Auf dem Monitor erscheint - stellvertretend für einen "Cybervirus" - das Gesicht einer gewissen Kimberley. Kimberley ist das Kunstprodukt des Webdesigners Alvin Norge. Der hat keine Ahnung, wer ihm die Dame aus dem Rechner gemopst haben könnte.
Hilft aber nichts. Für das FBI ist Norge der Tatverdächtige Nummer eins.
Während er sich redlich bemüht, im Großstadtdschungel von Manhattan unterzutauchen, überlegt der Gejagte, wem er das faule Ei zu verdanken hat.
Für Chris Lamquet könnte "Alvin Norge" den langersehnten Durchbruch bedeuten. Mit "Der Planet der Zukunft" und "Zek oder die Liebe zum Hologramm" (beide bei Carlsen) hatte sich der geborene Belgier schon früh der Science Fiction verpflichtet, dann mit dem amourösen Abenteuercomic "Der Affenmensch im Koffer" (Arboris) jedoch gänzlich andere Wege eingeschlagen.
Was an "Alvin Norge" fasziniert, ist die Modernität dieses Comics. Modern ist das Thema, das Erzähltempo ist äußerst rasant, und auch künstlerisch hat Lamquet einen großen Sprung nach vorn gemacht. Das erschließt sich erst auf den zweiten Blick. "Alvin Norge" lebt durch den Mix zweier Stile - des traditionellen, wie man ihn aus den früheren Arbeiten des Zeichners kennt, und eines bewußt an die Möglichkeiten der neuen Computergrafik angepaßten. Da stehen großpixelige Bilder direkt neben detailliert ausgeführten und flächig kolorierten Umrißzeichnungen.
Diese Mischung erzeugt eine Spannung, die der der Handlung in nichts nachsteht. In Frankreich/Belgien ist "Alvin Norge" in der neuen Reihe "Troisième Vague" des Verlags Lombard erschienen, dem Versuch, mit realitätsnahen Thrillern ein Publikum zu erreichen, das vom Comic dieselben Stoffe erwartet wie von Film oder Fernsehen.
Mit Ausnahme der bereits bei comicplus+ vorliegenden Serie "Agent Alpha" ist diese Reihe jetzt in die Hände von Kult/Schreiber & Leser übergegangen. "Alles Gute!" heißt das neue Label auf dem deutschen Comicmarkt. Selbst wenn nicht alles unter diesem Etikett so gut ist, wie der Name verspricht - "Alvin Norge" ist ein Comic für das 21. Jahrhundert.
Eckart Sackmann
+++ America's Best Comics +++
Alan Moore/Chris Sprouse/Gene Ha & Zander Cannon/Rick Veitch/Jim
Baikie/Melinda Gebbie: AMERICA'S BEST COMICS 1. 100 Seiten, Farbe, DM 19,80.
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege und Oliver Naatz. Lettering: Torsten Tag. Verlag Thomas Tilsner, 2000.
Den Namen von Alan Moores neuer Comicanthologie "America's Best Comics" sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Aber in "ABC" versammelt Speed Alan Moores beste Werke seit "Saga of the Swamp Thing" und "Watchmen". Zwar bleibt "From Hell" Moores unbestrittenes Meisterwerk, doch mit "ABC" gelingt es dem Geschichtenerzähler Moore und einer Auswahl begabter Zeichner, die amerikanische Popkultur um eine weitere Facette zu bereichern.
ABC präsentiert Superhelden aus der Sicht Alan Moores, und seine Sicht der Dinge hat sich seit "Watchmen" stark gewandelt. Der ideologische Biß, der "Watchmen" auszeichnete, ist einer ironischeren Betrachtungsweise gewichen. Statt des kollektiven Bewußtseins der Menschen interessieren Moore heute mehr ihre kollektiven Bedürfnisse, und er paßt sich damit ihrem Wunsch nach populärer Unterhaltung an. ""ABC" definiert sich durch seinen Humor, und mir hat schon lange keine Superhelden-Story so viel Spaß gemacht wie "Top Ten"." Moore gelingt dabei die treffende Charakterisierung einer Polizeitruppe n einer Stadt voller Superhelden, die sich vor allem durch ihre allzu menschlichen Schwächen auszeichnen.
"Tom Strong" steht dagegen ganz in der Tradition von Pulp-Helden wie Doc Savage. Physisch kommt Strong dem klassischen Superhelden von allen Figuren am nächsten, und Millenium City erinnert an all die sauberen Zukunftsstädte, die uns Hollywood in den 50er Jahren präsentierte. Zusammen mit seiner Frau, einem altmodischen Roboter namens Pneuman und einem sprechenden Affen sorgt Tom Strong in Millenium City für Ordnung. Die in dieser Ausgabe versammelten "Tomorrow Stories" bilden den Schwachpunkt der ersten Ausgabe. Was als beißende Sozialsatire gedacht war, entpuppt sich schnell als bellender Kommentar eines Althippies. Alles in allem ist "ABC" ein nachdenklicher, wenn auch nicht zum Nachdenken anregender Spaß. Und das ist mehr, als man von einem Superhelden-Comic erwarten kann.
Frank Neubauer
+++ Asterix Gesamtausgabe +++
Albert Uderzo/René Goscinny: ASTERIX: Die Gesamtausgabe. 11 Bde. à 168 Seiten, Farbe, HC, DM 39,80.
Aus dem Französischen von Gudrun Penndorf ("Astérix", Les Editions Albert-René). Lettering: Maschinensatz/Yannick Fallek. Egmont Ehapa, ab Dezember 2000.
Die Erwartungen waren hoch gesteckt. Nach der nicht unwidersprochen gebliebenen "Asterix Werkausgabe" (Zweitverwertung des Lexikons, schlechtes Lettering) sollte aus der 11bändigen "Gesamtausgabe" nun die ultimative "Asterix"-Sammlung werden "verlegerisch sorgfältig vorbereitet", wie Ehapa signalisiert hatte. Als dann die ersten drei Bände den Handel erreichten, war die Enttäuschung groß. Zwar verspricht diese Edition, erstmals alle erschienenen "Asterix"-Comics zu vereinen, die ersten Alben sind neu koloriert worden, der beigefügte redaktionelle Teil ist informativ.
An anderer Stelle läßt die verlegerische Sorgfalt allerdings zu wünschen übrig. Während bei anderen Verlagen längst ein Computerlettering verwandt wird, das dem handschriftlichen weit überlegen ist, fiel Ehapa nichts Besseres ein, als für diese "wertvolle" Neuedition einen Mix aus Maschinensatz und einem unattraktiven, auch gegenüber der "Werkausgabe" nochmals verschlechterten Handlettering zu wählen. Die Papierqualität ist höchst durchschnittlich, was den wenig verwöhnten deutschen Lesern aber wohl nur bei den schlechten Reproduktionen in den Vorworten auffallen dürfte.
Hatte es bei der "Tim und Struppi"-Ausgabe bei Carlsen immerhin zu einem Schutzumschlag gereicht, so unterscheidet sich die jetzige "solide Aufmachung" kaum von der der braunen Horizont-Sammlung. Schon bevor alle Bände ausgeliefert sind, kann man wohl sagen, daß Ehapa hier eine große Chance vertan hat. Die "Gesamtausgabe" ist eine in jeder Hinsicht billige Volksausgabe. Wer auf einen optimalen "Asterix" gehofft hat, muß sich wohl noch ein paar Jahrzehnte gedulden.
Eckart Sackmann
+++ Autoroute du soleil +++
Baru: AUTOROUTE DU SOLEIL. 432 Seiten, s/w, DM 49,80.
Aus dem Französischen von David Basler ("Autoroute du soleil", Casterman 1995). Lettering: Computer. Edition Moderne, Juni 2000.
Anfang der 90er Jahre beauftragte der japanische Verlag Kodansha den französischen Zeichner und Autor Baru mit einer Geschichte für das Magazin Morning. In Anklang an das kurz zuvor veröffentlichte Album "Cours camarade" ("Lauf, Kumpel") entstand innerhalb von vier Jahren ein mehrere hundert Seiten umfassendes Werk, das in Japan zwar kaum Beachtung fand, in Frankreich aber ausgezeichnet wurde und nach langer Verspätung nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.
Der 22jährige Araber Karim und der fünf Jahre jüngere, italienischstämmige Alexandre hetzen auf der Autobahn nach Süden, hinter sich die Schergen der rechtsextremistischen RPF. Aus der abenteuerlichen Flucht erwächst eine Freundschaft, die die beiden jungen Männer verändert. Der selbstgefällige Karim erfährt seine Grenzen, während der unbeholfene Alexandre seine kindliche Naivität überwindet.
Neben klassischen Themen, die junge Menschen bewegen, bringt Baru scheinbar mühelos ein ungemein facettenreiches Spiegelbild der Gesellschaft unter, die, obgleich sehr französisch geprägt, übertragbar auf die ganze westliche Welt ist. Daß der Comic nicht von seiner eigenen Themenfülle erschlagen wird, spricht für die Besonnenheit des Autors, der klar strukturiert zu erzählen versteht und klug auf Schwarzweißmalererei verzichtet.
Als Opfer rassistischer Gewalt sind Karim und Alexandre unserer Sympathie sicher. Ihr eigenes, oft rücksichtsloses und draufgängerisches Verhalten aber fordert den Leser ebenso heraus wie die verrohte Dumpfheit und Bösartigkeit der Rechtsextremisten, die abgeklärte Verbitterung von Alt-68ern und die unfreiwillige Tragikomik anderer gescheiterter Existenzen.
Seine Überzeugungskraft erhält das Buch auch durch die dynamische und oft grotesk karikaturistische Grafik, die durch den Verzicht des Zeichners auf Farbe besonders stark wirkt. Die Anwendung des rasanten Manga-Stils auf eine zutiefst europäische Thematik ergibt eine reizvolle kulturelle Gratwanderung, die man sich mit viel Zeit und Muße zu Gemüte führen sollte.
Karolina Appel
Seitenanfang
|