+++ Berlin 1931 +++
Raúl/Felipe H. Cava: BERLIN 1931. 64 Seiten, Farbe, HC, DM 39,00
Aus dem Französischen von Aura Nukari und David Permantier ("Berlin 1931", amok éditions, 2000). Lettering: Andreas Michalke. avant-Verlag, 2001
Im Sommer 1931 herrschen in Deutschland Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Entschlossen, gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen, bereiten sich auf kommunistischer Seite drei Männer und eine Frau auf den Bürgerkrieg vor. Ein mysteriöser Verbündeter aus Hamburg soll ihnen Waffen besorgen, doch das gegenseitige Mißtrauen ist groß. "Die Reise nach Swinemünde", die in einer Berliner Kneipe beginnt, entwickelt sich zu einem Kaleidoskop aus politischem Engagement, Verschwörung und sehr menschlichen Gefühlen. Sie umfaßt nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben der Protagonisten. Es gibt keine Einleitung und keine Erklärungen. Der Leser muß sich jeden Charakter und jeden Zusammenhang selbst erschließen. Wen er vor sich hat und wer aus welchen Motiven handelt, kann er letzten Endes nur erahnen.
Das ist nicht ganz einfach und wird durch die Grafik nicht leichter. Was der - hierzulande leider kaum bekannte - Spanier Raúl zu Papier bringt, sind eigentlich keine Zeichnungen, sondern Gemälde im Miniaturformat. Düstere, oft schattenhafte Umrisse und verschwommene Gesichter machen Gefühlsregungen nahezu unkenntlich und die Figuren mitunter schwer identifizierbar. Selbst Tag und Nacht sind kaum auseinanderzuhalten. Das ist kein Nachteil, sondern läßt viel Spielraum für assoziative Vorstellungen.
"Die Reise nach Swinemünde" ist die längste von drei Kurzgeschichten. Sie wird eingeleitet von dem Treffen eines Waisenjungen mit einem glücklosen Boxer ("Der König des Kongo") und der knappen Momentaufnahme eines gescheiterten Lebens ("Alles Träume"). Beide stehen in losem Bezug zur Hauptgeschichte, sind aber von völlig unterschiedlicher Ästhetik. Während "Der König des Kongo" relativ konventionell mit karikaturistischen Verfremdungen gezeichnet ist, wirkt "Alles Träume" wie eine bunte Collage. Raúls Stilvariationen machen den Band grafisch so interessant, daß das Verdienst des Szenaristen, spannende Geschichten zu erzählen, die nicht nur um das bloße Vorantreiben einer Handlung kreisen, fast untergeht.
Petra Lakner
+++ Black Hills +++
Marc-Renier/Y. Swolfs: BLACK HILLS 1: Der Geistertanz. 48 Seiten, Farbe, DM 19,80.
Aus dem Französischen von Klaus Jöken ("Black Hills", Editions Glénat, 1999). Lettering: Computer. Arboris, November 2000.
Das Genre des Western erfreut sich im Comic nicht gerade großen Zulaufs; Cowboy und Indianer zu spielen, ist altmodisch geworden. Eine populäre Serie wie "Blueberry" oder wie "Tex" läßt sich zwar endlos fortführen, neue Titel sind aber rar gesät. Mit "Durango" hatte Yves Swolfs 1980 den Italowestern im Comic populär gemacht. Jetzt kehrt er als Autor in dieses Genre zurück.
"Black Hills" spielt im Jahr 1890, ein Jahr, nachdem Banditen Lewis Kayne die Familie erschossen haben. Gegen seinen Willen begleitet der seither Gestrandete einen französischen Fotografen ins Indianerland, zum Stamm seiner toten Frau. Angestachelt durch einen "Geistertanz", stehen die Sioux kurz vor einem Aufstand gegen die weißen Unterdrücker. Nachdem der Fotograf den Indianern bewiesen hat, daß die an sie ausgelieferten Lebensmittel von schlechtester Qualität sind, richtet sich ihr Unmut gegen Barton, den Betreiber der Handelsstation. Dieser Barton, so läßt sich herauslesen, mag auch etwas mit dem Mord an Lewis¹ Frau und Kind zu schaffen haben.
Gezeichnet wurde die nach dem ersten Album noch gänzlich offene Geschichte von dem 42jährigen Belgier Marc-Renier Warnauts, dessen spröder Strich in diesem Werk vielleicht erstmals eine gewisse Eleganz und Sicherheit zeigt, ein Eindruck, der allerdings auch durch die stimmige Ton-in-Ton-Kolorierung unterstützt wird. Swolfs und Marc-Renier hegen den Anspruch, "Indianer und Pioniere so zu schildern, wie sie wirklich waren." Um dem gerecht zu werden muß die Serie noch um einiges zulegen. Das erste Album geht mit den bekannten Klischees des Genres nicht gerade zimperlich um und läßt den Leser mit der bangen Frage zurück, was denn eigentlich das Neuartige an diesem neuen Western ist. "Black Hills" hinterläßt einen eher faden Eindruck. Swolfs "Held" reitet durch die Geschichte wie eine Wachspuppe; der Leser ahnt etwas von der Ödnis und Einsamkeit der endlosen Prärie. Und dabei hatte der Autors eigentlich angekündigt, er werde sich in "Black Hills" ganz besonders der Charakterisierung seiner Figuren annehmen.
Eckart Sackmann
+++ Black Metal +++
Timo Würz/Niki Kopp: BLACK METAL
Je 48 Seiten, Farbe, DM 13,03
Originalausgabe. Lettering: Timo Würz. Infinity Verlag, ab Mai 2001
Wer die Verlagswerbung gelesen hat, weiß, was auf ihn zukommt: "Die Handlung von ðBlack MetalÐ ist inspiriert von authentischen Ereignissen, die sich Anfang der 90er Jahre in einer extremen satanistischen Splitterbewegung des Heavy Metal in Norwegen abspielten und die mit dem Anzünden einiger Kirchen, einem Selbstmord, wei Morden und langjährigen Haftstrafen für die Täter endeten." Fies, verwerflich, dekadent. MuSS man sich so was zumuten?
"Black Metal" mit moralischen Ambitionen zu lesen, ist eine Herausforderung. Vier junge Mädchen nutzen ihren Mitbewohner aus, indem sie sein Leben mit Hilfe einer Webcam vermarkten. Von dem Geld finanzieren sie ihren aufwendigen Lebenswandel, der im wesentlichen auf das Nachleben wechselnder Trends fixiert ist, und die Promotion für ihre Band. Das ist zuweilen ganz witzig erzählt und reizt zum Weiterlesen. Wer genau hinsieht, merkt aber schon im zweiten Teil der insgesamt vier Hefte umfassenden Serie, daß der Trip ein böses Ende nehmen wird. Spaßkultur in Reinform zerstört nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den überstrapazierten Einzelnen.
So ist es denn ohne weiteres möglich, den Comic auf mehreren Ebenen zu lesen. "Black Metal" ist ein Abbild unserer Zeit und ihrer Verirrungen. Die Szene, die Würz und Kopp hier vorführen, dürfte den wenigsten aus direktem Erleben vertraut sein. Daß die hier dargestellte Exotik zur Nachahmung anregt, ist allerdings ein unerfreuliches Nebenprodukt der Veröffentlichung. Oberflächlich besticht "Black Metal" durch die grafischen Einfälle. Erst der Mummenschanz, die geheimnisvollen Riten, eben das, was den Satanskult so attraktiv macht, liefern dem Zeichner die notwendigen Zutaten für sein visuelles Feuerwerk. Der computer-basierte Realismus von Würz¹ Bildern bietet eine Optik, die in der Popkultur nicht neu, im Comic aber noch längst nicht ausgelotet ist. Die Umsetzung der Musikszenen zählt denn auch zu den besonders sehenswerten Elementen der Serie.
Eckart Sackmann
+++ Blacksad +++
Juan Díaz Canales/Juanjo Guarnido: BLACKSAD. 56 Seiten, Farbe, HC, DM 29,80.
Aus dem Französischen von Harald Sachse ("Blacksad", Dargaud Editeur, 2000). Lettering: Björn Liebchen. Carlsen Verlag, Februar 2001.
Im Grunde sind wir alle Träumer. Manche von uns träumen sich die Welt als Dschungel, bevölkert von scheinbar harmlosen Tieren und wilden Bestien, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Im täglichen Kampf ums Überleben zählt nur das Gesetze des Stärkeren, und wer sich nicht mit Krallen und Zähnen behaupten kann, wird den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Oder bekommt eine Kugel in den Kopf, wie die Schauspielerin Natalia Wilford, mit der Privatdetektiv Blacksad die schönste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Der Mörder Mörder von Natalia Wilford hatte nicht nur den Mord an einer Frau begangen, sondern auch an Blacksads Erinnerungen. Und dafür würde er büßen.
Gleich mit ihrem Erstlingswerk "Blacksad" ist Juanjo Guarnido und Juan Díaz Canales auf Anhieb ein fabelhaftes Album gelungen, das ganz in der Tradition der Schwarzen Serie und des film noir steht. Die Geschichte spielt in irgendeiner Großstadt irgendwann in den 50er Jahren, einem brodelnden Schmelzkessel der verschiedensten Tierarten. Denn nicht Bogart, Lorre oder Bacall spielen die Hauptrollen in diesem Krimi, sondern Katzen, Hunde, Echsen und Affen. Juanjo Guardino setzt diesen Großstadtdschungel mit aquarellierten Panels stimmungsvoll in Szene. Der 33jährige Zeichner wuchs in einem kleinen Dorf in Spanien auf und verdiente sich seine Brötchen zunächst bei Marvel Spanien, ehe er zu den Disney Studios in Montreuil wechselte. Dort wirkte er an der Produktion der Disney Spielfilme "Der Glöckner von Notre Dame" und "Herkules" mit und war bei "Tarzan" an der Character Animation des Leoparden Sabor beteiligt, der auch in "Blacksad" einen kurzen Gastauftritt hat.
Anfang der 90er Jahre lernte er dann Juan Díaz Canales kennen. Über sechs Jahre haben die beiden an dem Album gearbeitet. Natürlich drängt sich bei so einem Album der Vergleich mit "Inspektor Canardo" förmlich auf, aber Guarnido bestreitet, daß sokal auf seine Arbeit einen Einfluß ausgeübt habe habe, und nennt als großes Vorbild Uderzo. Dem Leser kann es egal sein. Für ihn geht mit "Blacksad" der Traum von einem fabelhaften Comicalbum in Erfüllung, das in stimmungsvollen Bildern und treffenden Dialogen den Dschungel lebendig werden läßt.
Frank Neubauer
+++ Das bleiche Pferd +++
David B.: DAS BLEICHE PFERD. 80 Seiten, s/w, DM 29,90.
Aus dem Französischen von Martin Budde ("Le cheval blême", L'Association, 1995). Lettering: Hartmut Klotzbücher. Reprodukt, Februar 2001.
Im Mittelalter stellten sich die Menschen den Alptraum als weißes Pferd vor, das durch ihren Schlaf geisterte. Tatsächlich möchte man in der Haut des Ich-Erzählers lieber nicht stecken, jedenfalls nicht bei Nacht. Da geht es ungemütlich zu. Reisende verirren sich in gespenstischen Labyrinthen, traurige Elefanten verwandeln sich in Kühlschränke, Menschen werden sorgfältig gehäutet, Skelette in Stacheldraht gewickelt, und als ob das alles noch nicht reichte, übt sich der Tod in flexibler Arbeitsplatzgestaltung. Über allem steht das brennende Verlangen nach Flucht, so wie der Schlafende durch Aufwachen der Pein zu entrinnen versucht.
Der Mensch, dessen Träume der Autor und Zeichner David B. in 15 exakt datierten Kurz- und Kürzestgeschichten erzählt, muß im Wachzustand eine ausgesprochen vielseitig interessierte Persönlichkeit sein. Kein menschheitsbewegendes Thema, das er des Nachts nicht aufarbeiten würde. Dreh- und Angelpunkt des nächtlichen Treibens ist die Gegensätzlichkeit, deren Reibungsflächen in allen denkbaren Variationen thematisiert werden. Mit Dunkelheit und Licht, Gefangenschaft und Freiheit, Ohnmacht und Bewußtsein setzt David B. eine Menge Symbolik ein. Kontrastierendes Schwarzweiß unterstreicht dieses Spannungsfeld, wobei das Schwarz, in seiner Flächigkeit sehr erdrückend, die Düsternis wirkungsvoll inszeniert.
Das ist kein leichter Stoff und gewiß nicht jedermanns Sache, zumal sich das Ganze nach der x-ten Alptraum-Variation doch ein wenig abnutzt. Die geballte Symbolik birgt nicht nur eine Menge Interpretationsmöglichkeiten, sondern auch die Gefahr der Beliebigkeit. Eindrucksvolle Geschichten, z.B. die Flucht zweier Sklaven oder die vielen Gesichter des Todes, wechseln sich mit eher belanglosen Befindlichkeiten, die zuweilen hart an der Grenze zur Banalität vorbeischrammen. Auch bleibt eine entscheidende Frage ungeklärt: Hat dieser sensible Mensch zwischen 1982 und 1991 nichts geträumt - oder einfach nur nichts wirklich Bedeutungsschwangeres?
Karolina Appel
+++ Blutsbande +++
Hermann/Yves H.: BLUTSBANDE. 56 Seiten, Farbe, HC, DM 24,80.
Aus dem Französischen von Rossi Schreiber ("Liens de Sang". Les Editions du Lombard/SAF 2000). Lettering: Computer. Kult Editionen, September 2000.
Mit dem Titel "Bluthochzeit" hatte der Zeichner Hermann jüngst ein sehr annehmbares Album abgeliefert. Die von Jean van Hamme getextete Familientragödie geizte zwar nicht mit Gewalttätigkeiten. Sie bestach allerdings durch das reizvoll arrangierte Katz-und-Maus-Spiel der beiden feindlichen Parteien und eine kunstvolle Figurenkonstellation.
Auch in dem nur wenige Monate später nachgeschobenen "Blutsbande" (diesmal ist der Titel eine wörtliche Übersetzung aus dem Französischen) wird viel gestorben. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren. Der Polizist Sam Leighton ist vom Land in die "verseuchte" Großstadt gekommen, wo ein Mafiaboß namens Joe Beaumont sein Unwesen treibt. In seinem Eifer taucht Leighton tiefer in den Sumpf ein, als gut für ihn ist. Daß er am Ende scheitert, kann nicht überraschen. Es wird bereits in der kurzen Eingangssequenz angedeutet.
Als Autor von "Blutsbande" versuchte sich erstmals der Sohn des Zeichners als Szenarist. Yves Huppen ist um Tiefe und Komplexität bemüht, aber ihm fehlt ganz offenbar die Umsicht eines van Hamme. Der Leser hat Mühen, der Handlung zu folgen, nicht nur, weil die Geschichte zum großen Teil in der Nacht spielt und die auftretenden Personen dann nur schwer zu identifizieren sind. Nach Auflösung aller Obskuritäten und einer kitschigen Traumsequenz ist man ganz froh, daß das Leiden ein Ende hat.
Offenbar wollte der bekannte Comic-Künstler seinem Sohn eine Chance geben. Der Titel "Blutsbande" ist durchaus doppeldeutig. Selbst Hermann kann die Mängel des Szenarios nicht auffangen. Seine Bilder wirken seltsam uninspiriert und schematisch. Es ist, als habe der Zeichner sich für dieses Album in seine eigene Lehrzeit zurückversetzt. Daß der Originalverlag Lombard den Band als das Ereignis des diesjährigen Comic-Herbstes ankündigt, ist reines Marketing und wird den Schwächen des Albums nicht gerecht.
Eckart Sackmann
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