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+++ Die Geschichte von einer bösen Ratte +++
Bryan Talbot: DIE GESCHICHTE VON EINER BÖSEN RATTE. 136 Seiten, Farbe, HC, DM 39,90.
Aus dem Englischen von Eckart Sackmann und Josef Rother ("The Tale of One Bad Rat", Dark Horse, 1995). Lettering: Computer. comicplus+ contura, Juni 2000

Seit jeher entledigen sich Menschen eigener schlechter Eigenschaften, indem sie sie auf andere Lebewesen projizieren. In Westeuropa tragen Ratten eine solche Bürde, und wer deren Rechtmäßigkeit in Frage stellt, gilt selbst als verdächtig. Es gibt Eltern, die ihre eigenen Kinder zur Ratte erklären.

Auf der Suche nach Material für einen Comic über den Lake District stieß Bryan Talbot auf Beatrix Potter. Die Autorin und Zeichnerin, die in ihren Kinderbüchern Ratten als Sympathieträger auftreten ließ, war einst vor einem lieblosen Elternhaus in den Lake District geflohen. Das erinnerte Talbot an eine einsame junge Bettlerin, die er in der Londoner U-Bahn gesehen hatte. Warum läuft ein Mädchen von zu Hause weg? Die Unbekannte wurde zum Modell für die "böse Ratte" Helen.

Die Sechzehnjährige ist auf der Flucht. Vom Vater sexuell mißbraucht und von der verhärmten Mutter brutal zurückgestoßen, folgt sie Beatrix Potters Spuren in den Lake District, um wie das Vorbild ein neues Leben zu beginnen. Bryan Talbot setzt dieses sensible Thema mit jenem Respekt um, der den Opfern gewöhnlich verweigert wird. Hier gibt es keine Anteilnahme heuchelnde Darstellung einer aufreizenden Lolita im zerfetzten Kleidchen. Die Übergriffe des Vaters und die Kälte der Mutter sind ausschließlich aus Helens Perspektive erzählt. Mittels zeichnerisch minutiöser Genauigkeit zwingt Bryan Talbot den Leser, Helens Angst und Ekel selbst zu fühlen, in ohnmächtiger Wut über Täter, die perfide genug sind, ihren Opfern auch noch Schuldgefühle einzureden.

Doch liegt eine Besonderheit dieses Buchs eben darin, daß Helen es schließlich schafft, diese Last demjenigen aufzubürden, der sie zu tragen verdient. "Die Geschichte von einer bösen Ratte" gibt den Betroffenen eine Anleitung zur Selbsthilfe. Nicht zuletzt deswegen wird der Comic in England und in den USA von Kinderschutzzentren empfohlen.

Grafisch wie erzählerisch verlangt die Geschichte dem Leser einiges ab. Es gibt weder rasante Schnitte noch spektakuläre Einblendungen, die leichtfertig über den Ernst des Themas hinwegtäuschen würden, sondern eine unerbittliche Geradlinigkeit. Am Ende hat Helen sich ihrer Opferrolle entledigt und den Lake District als machtvolles Symbol ihres seelischen Gleichgewichts erobert. Als Leser verabschiedet man sich von einer Persönlichkeit, die noch lange nachhallt.

Karolina Appel


+++ Giacomo C. +++
Griffo/Jean Dufaux: GIACOMO C. 1: Im Dunkel der Schatten. 48 Seiten, Farbe, DM 21,50 (€ 11,00)
Aus dem Französischen von Eckart Sackmann ("Giacomo C.: Le masque dans la bouche dčombre", Editions Glénat 1993). Lettering: Computer. comicplus+, Dezember 2001

Die Andeutung ist unmißverständlich. Das C. im Titel steht für Casanova - und auch wieder nicht. Es steht für das, was die Welt mit Giacomo Casanova verbindet: Amouren, Abenteuer, Leidenschaft und Lebenslust. Der echte Casanova war weit vielschichtiger als sein Ruf, eine enorme Persönlichkeit. Dufaux und Griffo aber brauchten einen Helden, der die Phantasie beflügelt, eine vorgeprägte Phantasie. Insofern ist Giacomo C. ein Klischee. Doch dann bekommt dieses Klischee unter der Hand der Autoren eine neue Identität, die nur noch am Rande mit der Lebensgeschichte des Vorbilds zu tun hat. Das ist der falsche Casanova, aber der echte Giacomo C. - eine Kunstfigur.

Das Venedig des 18. Jahrhunderts bildet für diesen Comic die farbenprächtige Kulisse. Die Stadt wird von einem Serienmörder heimgesucht, der es ausnahmslos auf die schöne Damenwelt abgesehen hat. Einige der brutal verstümmelten Opfer gehören der vornehmen Gesellschaft an. Der Marquis Di Vere, der Chef der Geheimpolizei, wird mit der Klärung des komplizierten Falls nicht fertig. Er sucht Hilfe bei einem Mann, der ihm aufgrund früherer Taten quasi ausgeliefert ist. Giacomo C. und sein Diener Parmeno haben Zugang zu allen Kreisen der Stadt. Sie sollen für Di Vere Augen und Ohren offen halten. Doch Giacomo hat auch sein Eigenleben. Er ist nicht nur handelnder Held, er ist eine sensible Person, mal leicht aufbrausend, dann wieder liebenswürdig, mal ungestüm, dann wieder verletzlich. Trotz seiner Intelligenz ist er dem bauernschlauen Parmeno in manchem unterlegen.

Eine spannende, aber auch komplexe Geschichte hat Jean Dufaux hier konstruiert. Griffo setzt sie mit einer Leichtigkeit und Eleganz um, die das Lesen von "Giacomo C." zu einem sinnlichen Genuß werden läßt. Das Venedig des Rokoko war auch das Venedig Canalettos, Goldonis und Vivaldis, eine künstlerisch hochmotivierte Stadt. "Giacomo C." ist ein Historiencomic par excellence, ein Stück zum Träumen und Zurückträumen in eine fremde Zeit, die so oder doch ganz anders gewesen sein mag.

Klaus Grevesheim


+++ Gipsy +++
Enrico Marini/Thierry Smolderen: GIPSY 5: Die weiße Schwinge. 56 Seiten, Farbe, SC, DM 19,90.
Aus dem Französischen von Tanja Krämling ("L'aile blanche", Dargaud, 1999). Lettering Hartmut Klotzbücher. Carlsen, November 2000

Enrico Marini ist nicht nur ein virtuoser Zeichner, sondern auch ein großartiger Kolorist. Seit dem ersten Band seiner Serie "Gipsy" hat er sich noch gesteigert und die anfangs deutlich erkennbaren Otomo-Einflüsse in einem ureigenen Stil aufgehen lassen. "Ich will in erster Linie unterhalten", sagt der Schweizer. Deshalb kümmert er sich auch keinen Deut um politische Korrektheit: Sein Held ist auf geradezu altmodische Art und Weise ein Macho.

Nach dem ersten Polarabenteuer, das sich über drei Bände erstreckte, sind Marini und sein Texter Thierry Smolderen dazu übergangen, pro Album eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen. In Band 5 verschlägt es den Trucker nun in den fiktiven Wüstenstaat Turdistan. Obschon auch diese Episode in der Zukunft spielt, erinnert die Szenerie mehr an Indiana Jones als an Science Fiction. Gipsy gibt sich alle Mühe, seine kleine Schwester Oblivia, die seit dem ersten Band sichtbar reifer geworden ist, zu beschützen. Sie recherchiert für ein Buch über den Geheimbund "Die weiße Schwinge". Ausgerechnet Gipsys alte Feindin die "Hexe" scheint in der gefährlichen Organisation die Fäden zu ziehen. Die Story ist nicht besonders originell, bietet aber genau das, was Marini anstrebt - spannende Unterhaltung mit einem Schuß Humor.

Carlsen bringt die Serie nun neu in jenem größeren Format heraus, auf das die Franzosen nach Band 2 umstellten. Das dürfte einen einfachen Grund haben: Die deutschsprachigen "Gipsy"-Fans sollen ihre alten Ehapa-Alben nach und nach gegen die Carlsen-Ausgabe ersetzen. Das größere Format, der bessere Druck auf glänzendem Papier und eine überarbeitete Übersetzung sollen sie dazu animieren. Marini sagt, er sei nie mit der Qualität der Ehapa-Ausgabe zufrieden gewesen. Er habe jedoch nichts mit dem Verlagwechsel zu tun. Da er bei zur Zeit drei laufenden Serien zwei Alben pro Jahr zeichne, könne er sich gar nicht um Lizenzausgaben kümmern.

Reto Baer


+++ Golden City +++
Nicolas Malfin/Daniel Pecqueur: GOLDEN CITY 1: Strandpiraten. 48 Seiten, Farbe, DM 24,80.
Aus dem Französischen von Marcel Royer ("Golden City: Pilleurs dčépaves", Delcourt 1999). Lettering: Computer. Speed, April 2001

Zwei Möglichkeiten der Zukunft scheinen die Phantasie der Comicautoren besonders anzuregen. War früher der Rückfall in die Barbarei das vorherrschende Thema (vorzugsweise nach dem Big Bang, dem alles vernichtenden Atomschlag), so hat sich in jüngerer Zeit eine andere Variante behauptet: Die Schönen und Reichen ziehen sich in ihren goldenen Käfig zurück, während die Mehrheit der Bevölkerung unter primitivsten Bedingungen dahinvegetiert. Die Faszination liegt eindeutig auf seiten der Wohlhabenden, die sich mit Hilfe der weiterentwickelten Technik einen unglaublichen Luxus erlauben.

Golden City ist ein schwimmendes Paradies, ein gigantisches Kreuzfahrtschiff der Upper Class. Wer hier residiert hat allerdings auch Neider. Die von Daniel Pecqueur ("Thomas Noland") geschriebene Abenteuergeschichte beginnt damit, daß das Flugzeug mit Jessica Banks, der Frau eines Wirtschaftsbosses, abgeschossen wird. Bevor die Attentäter sich der Geisel bemächtigen können, schlagen jugendliche Strandpiraten zu. Sie verkaufen den Körper an einen Menschenhändler.

Der jungdynamische Harrison Banks begibt sich höchstpersönlich auf die Suche nach der Verschollenen, das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Was die Grundidee angeht, so bietet uns Pecqueur nichts wirklich Neues. Man könnte sich ein ähnliches Szenario auch in einer anderen Umgebung, etwa im Wilden Westen, vorstellen. Daß sich die mit viel Ballerei verzierte Geschichte dann doch ganz angenehm liest, liegt an der Geschmeidigkeit der Erzählung, mehr noch vielleicht aber an der tadellosen Umsetzung durch den Nachwuchszeichner Nicolas Malfin. Für den studierten Physiker, der sich von Mike Mignola, Vance, Jean Giraud und Olivier Vatine beeinflußt sieht, ist dies der erste Comic. In Frankreich liegt bereits die Fortsetzung zu "Strandpiraten" vor. Mit "Golden City" hat der Verlag Thomas Tilsner solides Lesefutter eingekauft, das vordergründig rasante Action vorführt und ansonsten nicht groß hinterfragt werden will.

Eckart Sackmann

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