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+++ Die Haie von Lagos +++
Matthias Schultheiss: DIE HAIE VON LAGOS 1: Schwarze Seelen. 48 Seiten, Farbe, DM 19,90.
Originalausgabe. Lettering: Computer. comicplus+, Dezember 2000

Bisher gab es im Grunde zwei Wege, auf denen ein Comicalbum zu seinem Publikum gelangen konnte: Die anerkannten Klassiker dieser Darreichungsform wurden seit ihrer Erstveröffentlichung durch kontinuierliche Neuauflagen stets am Markt verfügbar gehalten. Alles andere verschwand in der Versenkung - manchmal nach atemberaubend kurzer Zeit.

Der dritte Weg wurde für Alben bisher kaum beschritten. Neuauflagen von vergriffenen Titeln aus den späten Siebzigern oder den Achtzigern sind rar gesät. Nun gilt es mit "Die Haie von Lagos" eine Arbeit wiederzuentdecken, an die einmal große Zukunftshoffnungen für den deutschen Autoren-Comic geknüpft waren.

Matthias Schultheiss war 1986 der führende einheimische Zeichner in der frankobelgischen Tradition visuellen Erzählens, und seine "Haie" waren eine der ersten Auftragsproduktionen eines Deutschen für einen französischen Verlag. Würde sich der internationale Markt endlich auch für hiesige Zeichner öffnen? Wir wissen inzwischen, daß Manga das Rennen gemacht haben, nicht romantisch überhöhtes "Sex and Violence" made in Germany, wie es Schultheiss in "Die Haie" vollendet präsentiert.

Auch wenn sich die daran geknüpften Erwartungen einer Generation nicht erfüllt haben, die Qualität Schultheissıscher Fabulierkunst rechtfertigt die Neuauflage allemal. Der zeitliche Abstand zu den historischen Ereignissen, auf denen der Plot von "Die Haie von Lagos" ruht, tut der Geschichte sogar sichtlich gut. Von der Zeit etwas weiter in das Gebiet der Fiktion hineingerückt, kommen Schultheiss' Stärken als Erzähler deutlich besser zur Geltung als vor fünfzehn Jahren.

Der Zynismus archaischer Einzelner etwa, die sich in den komplexen Strukturen moderner Zivilisation nicht zurecht finden können oder wollen, wird mit einer Lakonie vorgetragen, die dem Leser ähnlich brutal ins Gesicht springt, wie das nächste rassistisch motivierte Pogrom in der Morgenzeitung. "Die Haie von Lagos" dürften auch heute noch ein Publikum zu kontroverser Diskussion herausfordern. In Frankreich ist Schultheiss' womöglich dichteste Arbeit übrigens nie aus den Regalen der Händler verschwunden.

Jens R. Nielsen


+++ Heartland +++
Steve Dillon/Garth Ennis: HEARTLAND. 56 Seiten, Farbe, DM 9,95.
Aus dem Englischen von Claudia Fliege ("Heartland", DC Comics 1997). Lettering: Computer. Edition Speed, August 2000

Vor dem Hintergrund der Unruhen in Nordirland schildert "Heartland" das alltägliche Leben in Belfast. Nach ihrer Trennung von John Constantine ist Kit Ryan in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Die Geschichte konzentriert sich auf den seit Jahren schwelenden Streit zwischen Kit und ihrer jüngsten Schwester Bernadette. Ihr Vater verbringt seine Zeit lieber in Pubs als bei seiner Familie. Kommt er abends betrunken nach Hause, mißhandelt er Frau und Kinder. Nur Bernadette scheint er abgöttisch zu lieben.

Eines Abends verliert er die Beherrschung und schlägt seine Frau. Kit schnappt sich daraufhin ein Messer, sticht ihm in die Wange und läßt ihn blutend zurück. Die damals noch sehr junge Schwester steht dem Vater zur Seite.

Steve Dillons künstlerische Interpretation von Belfast erinnert an seine ausgezeichnete Schilderung Dublins in "Hellblazer - Feuer der Verdammnis". Obwohl John Constantine in dieser Geschichte nicht vorkommt, gehört "Heartland" zu den besten Hellblazer-Geschichten, die Ennis jemals geschrieben hat. In seinem Nachwort vermerkt der Autor, "Heartland" sei im Juni 1994 entstanden. Aufmerksame Leser werden sich jedoch an eine gleichnamige Geschichte aus dem Band "Hellblazer - Tainted Love" erinnern, die ebenfalls in Belfast spielt und sich fast ausnahmslos der gleichen Figuren bedient.

Wie es scheint, fühlt sich Ennis von Zeit zu Zeit dem Thema Nordirland verpflichtet. Da es ihm an Möglichkeiten fehlt, direkt über seine Herkunft zu schreiben, benutzt er in seinen Geschichten Figuren irischer Herkunft. Es gab den irischen Judge in "Judge Dredd", Kit in "Hellblazer" oder den Rückblick auf Cassidys Vergangenheit in "Preacher". Im Gegensatz zu Bernadettes englischem Freund, der die Ereignisse nur von außen wahrnimmt, schildert Ennis die Zustände in Irland sehr genau. Und auf einmal wird dem Leser wieder bewußt, wie unglaublich und schrecklich es sein muß, wenn für Menschen der Anblick von Soldaten etwas Normales und Natürliches ist.

Frank Neubauer


+++ Helden ohne Skrupel +++
Conrad/Yann: HELDEN OHNE SKRUPEL 1: Abenteuer in Gelb. 64 Seiten, Farbe, DM 24,90.
Aus dem Französischen von Ursula Wander ("Les Innommables", Dargaud, 1996, urspr. Temps Futurs, 1983). Lettering: Michael Möller. Carlsen, Mai 2001

Daß dieser Comic einmal auf den Seiten von Spirou geboren wurde, ist unübersehbar. Doch für das Spirou von 1982 war "Aventure en Jaune" zu freizügig; die Geschichte wurde abgebrochen, noch bevor das Ende erreicht war. Ein Jahr später erschien sie - mit einigen Umzeichnungen und in neuer Kolorierung - beim Kleinverlag Temps Futur als Album. Lange Zeit gab es Querelen zwischen den Autoren und ihren diversen Verlagen (auch Glénat hat sich einmal an der Serie versucht), bis schließlich - ab Mitte der 90er Jahre - bei Dargaud ein Neubeginn und eine Fortsetzung der Geschichte in Sicht war. Heute liegt hier ein halbes Dutzend Alben von "Les Innommables" vor.

"Abenteuer in Gelb" spielt im China des Jahres 1949. Mit voller Kraft rauscht der Frachter Torquemada in den Hafen von Repulse Bay. Die Laderäume sind leer. Offensichtlich hatten Piraten ihre Hand im Spiel. Für die drei ungleichen Helden Mac, Tony und Tim beginnt das große Abenteuer, als sie eine junge Chinesin aus dem Wasser fischen und mit an Bord ihres Schleppers nehmen. Es dauert eine Weile, bis sie merken, auf was sie sich eingelassen haben.

"Helden ohne Skrupel" gehört in die Kategorie Semifunny. Doch wie das wenig später vom selben Team fertiggstellte "Bob Marone" wendet sich dieser Comic an ältere Leser, und man kann den Unwillen der damaligen Spirou-Redaktion vollauf verstehen. Was der Szenarist Yann an komplex erzählter Geschichte - voller Derbheiten, aber auch voller Romantik - vorgegeben hat, setzte der Zeichner Conrad in unglaublich atmosphärische Bilder um. Die geheimnisvolle Stimmung der exotischen Kulisse wird durch den schwarzen Fond der Seiten noch betont. Conrad erweist sich als ein Meister des nervösen Pinselstrichs; er hat seine Figuren ebenso im Griff wie die ausgearbeiteten Hintergründe. Man hat lange auf eine deutsche Fassung dieser Serie gewartet - hoffen wir, daß die Lesegewohnheiten der 90er Jahre noch ausreichen, um diesen Schatz zu genießen.

Eckart Sackmann


+++ 100 Bullets +++
Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 BULLETS. 76 bzw. 100 Seiten, Farbe, DM 14,95 bzw. DM 19,95.
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege ("100 Bullets", DC Comics 2000). Lettering: Computer. Speed, ab Februar 2001

Ein guter Kriminalroman hat mehr zu bieten als eine erfundene Kriminalgeschichte. Er hinterfragt die Moral des Einzelnen und die Ethik von Institutionen und stellt das Individuum vor Entscheidungen. Brian Azzarellos Figuren haben nur die Wahl zwischen den Minutemen, einer rachsüchtigen Geheimorganisation, und deren erklärtem Feind, dem Trust. Die Minutemen haben sich darauf spezialisiert, Opfern von Verbrechen Informationen über die Täter, eine unregistrierte Waffe und hundert Kugeln zuzuspielen. Die Opfer entscheiden, ob und wie sie die Informationen und die Waffe einsetzen. Wer beschließt, sich an seinen Peinigern zu rächen, hat gute Chancen in die Geheimorganisation aufgenommen zu werden.

Azzarello ist zweifellos ein talentierter Autor. Die simple Handlung nimmt immer wieder überraschende Wendungen. Eduardo Risso gelingt es, mit seinen Zeichnungen die feinen Unterschiede zwischen den Figuren hervorzuheben, aber die aufgesetzte Sprache der Protagonisten entlarvt den Realismus der Geschichte als Schwindel. Der Leser wird immer tiefer in eine grelle Welt aus Sex und Gewalt geführt, erfährt aber nicht das Geringste über ihre inneren Gesetze. Man begegnet Spielern, Stripperinnen, Drogensüchtigen, Killern und Bandenmitgliedern, die fast alle ganz versessen darauf sind, es irgend jemandem heimzuzahlen.

Im Kugelhagel werden nicht selten Erinnerungen an die späten 80er Jahre wach, als Rache und Vergeltung vorübergehend zum Leitmotiv der kostümierten Helden wurden. Kein Wunder also, daß "100 Bullets" auch von Superhelden-Fans gelesen wird und zu den erfolgreichsten Titeln des amerikanischen Vertigo-Labels gehört. Brian Azzarello hat seine Geschichte sorgfältig geplant. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis man erfährt, wer seine schützende Hand über die Minutemen hält. Also liest man "100 Bullets" weiter und fragt sich, wie viele Ausgaben es noch dauern wird, bis Miss Dietrich und ihre Freunde endlich bekommen, was sie verdienen.

Frank B. Neubauer

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