+++ Mabuse +++
Isabel Kreitz/Eckart Breitschuh/Stefan Dinter: MABUSE. 6 Hefte à 36 Seiten, s/w, je DM 7,90.
Originalausgabe. Lettering: Stefan Dinter. Carlsen Verlag, Juli-Dezember 2000
Keine schlechte Idee: Da nimmt man sich einen alten Filmschurken, schreibt ihm ein Skript auf den Leib, das vordergründig an Problemen der Jetztzeit festgemacht ist, und versucht auf diese Weise, Mythos und Aktualität miteinander zu verbinden. Hinzu kommen ein paar in der deutschen Comicszene nicht unbekannte Namen, die Kooperation zwischen dem Marktführer und einem Kleinverlag und - nicht zuletzt - eine bisher kaum geübte Publikationsform.
Das erregt Aufmerksamkeit. Vielleicht ein bißchen zuviel für das, was letzten Endes bei diesem Unterfangen herausgekommen ist. Wie sonst hätte man aber eine so umfangreiche Geschichte an den Leser bringen sollen? Um es zu betonen, die Idee ist gar nicht so übel. Woran es mangelt, ist der Gehalt. Das wiederbelebte Filmungeheuer kommt kaum zur Geltung. Das Ambiente, in dem sich der dämonische Schattenmann bewegt, ist zu künstlich, um wirklich Spannung zu erzeugen.
Da passieren unerwartet Störfälle in einem Kernkraftwerk, da fährt bei Eschede ein ICE aus dem Gleis - und immer ist es das Werk des untoten Mabuse, der böse und geheimnisvoll im Hintergrund die Fäden zieht. So etwas hätte zu Zeiten von Norbert Jacques und Fritz Lang vielleicht Gänsehaut hervorgerufen. Heute wirkt es nur noch pathetisch. Daran kann auch ein offensichtlich an Will Eisner geschultes Layout nichts ändern.
Überhaupt, die Zeichnungen. Nicht zu Unrecht wird Isabel Kreitz als eines der großen Talente des realistisch gezeichneten Comic in Deutschland gehandelt. Wie gut die Hamburgerin ist, sieht man an dem den Heften beigehefteten Starschnitt. Was Stefan Dinter aus Kreitz¹ Bleistiftvorlage gemacht hat, fällt dagegen deutlich ab - so als hätte Mabuse selbst seine kalten Finger im Spiel gehabt.
Ein interessantes Projekt immerhin; man sollte es wiederholen. Vielleicht mit weniger Köchen am Breitopf und einer zeitgemäßen Geschichte. Was hätte man auf diesen 144 Seiten nicht alles erzählen können!
Eckart Sackmann
+++ Malika +++
Tehem: MALIKA 1: Ausgeträumt. 48 Seiten, Farbe, DM 9,95 (¤ 5,00)
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte ("Malika", Editions Glénat, 1998). Lettering: Computer. Carlsen Verlag, 2001
Wer einmal in der Pariser Banlieue oder in Hamburg-Mümmelmannsberg war, weiß, wie trist das Leben in der Vorstadt sein kann. Nicht nur das Ambiente aus grauen Betonburgen, verdreckten Spielplätzen und armseligen Jugend- und Gemeindezentren verdirbt einem die Laune. Am schlimmsten ist das Gemisch aus sozial Benachteiligten, hoffnungslos Gestrandeten und dummen Rechtsradikalen. Wer dort in Würde überleben will, braucht ziemlich viel Humor und Phantasie. Die kesse Malika hat zu alledem auch ziemlich viel Köpfchen, ein gutes Herz und ist unglaublich cool.
Mit ihren Freunden Jeff und Dooley zieht Malika um die Häuser und versucht, die Alltagsprobleme mit Schule, Jobsuche und Kinderhassern zu bewältigen und der Gleichgültigkeit der Gemeinde Paroli zu bieten. Daß es bei Jeff und Dooley mit dem Köpfchen ein bißchen hapert, schafft viel Raum für komische Situationen. "Malika" ist keine engagierte Sozialreportage, sondern ein Funny für Jugendliche, der aus dem französischen Jugendmagazin Tchô! stammt. Die humoristisch überhöhten Momentaufnahmen aus dem Vorstadtdschungel leben von dem Kontrast der hübschen und cleveren Malika mit der Verschnarchtheit ihrer Freunde und der Treuherzigkeit des Sozialarbeiters, der alles so gut meint und nichts richtig hinbekommt. Daß die kurzen Einseitenstrips nicht in bloßen Klamauk abrutschen, liegt an den Figuren, die viel Menschlichkeit ausstrahlen. Malika und ihre Freunde, aber auch der Sozialarbeiter und die bildungspolitisch emsig engagierte Bibliothekarin sind mit viel Sympathie karikiert. Die dumpfen Vorstadthools dagegen glotzen so verblödet in die Gegend, wie wir das von ihnen erwarten.
Die Hauptfigur Malika wird vornehmlich junge Mädchen ansprechen, zumal Jeff und Dooley neben ihr stets den kürzeren ziehen. An der pfiffigen Göre können aber auch Jungs Gefallen finden, und das nicht nur ihres knappen Minirocks und der entwaffnenden Oberweite wegen.
Karolina Appel
+++ Max Friedman +++
Vittorio Giardino: MAX FRIEDMAN 3: "No pasarán". 64 Seiten, Farbe, DM 24,80 (Luxusausgabe mit Druck DM 89,00).
Aus dem Französischen von Eckart Schott ("Max Fridman: No pasarán". Glénat Editeur, 1999). Lettering: Max Ulrich. Salleck Publications, Juni 2000
Im Europa des Jahres 1938, einer Zeit, in der sich der Faschismus unaufhörlich ausbreitet, gerät der Tabakhändler und französische Ex-Agent Max Friedman wiederholt zwischen die Mühlsteine der Geheimdiensttätigkeiten mehrerer europäischer Staaten.
Im Februar 1938 reaktivierte man Friedman, um in Budapest den Absichten der deutschen Abwehr und des russischen NKWD auf die Spur zu kommen. Im Spätsommer wurde er in Istanbul in den Fall des russischen Überläufers David Stern verwickelt. Nun ist es Oktober; in Spanien tobt der Bürgerkrieg. Hier hatte Max Friedman einst auf seiten der internationalen Brigaden gekämpft und sich dabei mit dem Major Guido Treves befreundet. Als dieser plötzlich und auf unerklärliche Weise verschwindet, macht sich Friedman auf, ihn zu suchen.
Das neue und dritte Album der Serie "Max Friedman" erschien in Frankreich Ende letzten Jahres - dreizehn Jahre, nachdem Vittorio Giardino den zweiten Band vorgelegt hatte und sogar siebzehn Jahre nach Erscheinen des ersten. Giardino nimmt sich die nötige Zeit für seine fein gesponnenen Szenarien, deren Zutaten ein historisch korrekter Hintergrund, ein gerüttelt Maß an Komplexität, ein Wechsel von längeren Dialogen mit aktionsreichen Passagen und eine Prise Erotik sind.
Im vorliegenden Band ist von letzterem zwar noch nichts zu bemerken, doch kann man darauf wetten, daß Max die hübsche und zielstrebige belgische Journalistin im zweiten Teil der Story schon noch zugesellt bekommt. Dabei hat die Hauptfigur der Serie weniger den Zuschnitt eines James Bond, sondern eher den Charme des pfeiferauchenden Professor Mortimer. Ein Vergleich mit der Figur von Edgar P. Jacobs drängt sich auch durch die gleiche Haarfarbe und -tracht und den ähnlich klaren Zeichenstil auf.
Bis Giardino den Abschluß der Geschichte vorlegen wird, dauert es hoffentlich nicht wieder etliche Jahre. Der spanische Bürgerkrieg macht uns wegen des deutschen Bombardements von Guernica heute noch betroffen. Der Ruf "No pasarán" ("Sie werden nicht durchkommen"), der dem dritten Album den Titel gegeben hat, steht für den Wunsch nach Freiheit, ein Anliegen, das Giardino hier wie in "Jonas Fink" aufgreift und überzeugend darstellt.
Andreas Dierks
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