Hayao Miyazaki: NAUSICAÄ · IM TAL DER WINDE. 136 Seiten, braun/weiß, DM 19,90.
Aus dem Japanischen von Jürgen Seebeck ("Kaze no Tani no Nausicaa", Tokuma Shoten, 1982). Lettering: Monika Weimer. Carlsen, Mai 2001
Betrachtet man eine europäische Comicserie als Ganzes, so wirken die Geschichten oft unzusammenhängend. Ganz anders ergeht es dem Leser mit Hayao Miyazakis 1000 Seiten umfassender Öko-Parabel "Nausicaä" (der letzte Buchstabe, ein a mit Trema, wird wie a, nicht wie ä gelesen). Wälder aus riesigen Pilzen bedecken nach der atomaren Apokalypse die Erde. Obwohl in diesen Wäldern gewaltige Insekten hausen und die Pilze giftige Dämpfe ausstoßen, haben sich dort Menschen angesiedelt. Gigantische Luftschiffe gehören zu den letzten Überbleibseln untergegangener Zivilisationen. In einem kleinen Königreich im Tal der Winde leben die Menschen von der Landwirtschaft und haben es gelernt, die Kraft der Natur zu nutzen.
Eines Tages aber wird das friedliche Reich von seinen Nachbarn angegriffen und durch den sich ausbreitenden Wald und die dort lebenden Insekten bedroht. Nausicaä, die Heldin der Geschichte und Prinzessin des Reiches, verfügt über die Gabe, mit allen Geschöpfen zu sprechen. Sie setzt alles daran, ihr Königreich zu retten. "Nausicaä" ist eine einzigartige Erzählung, in der griechische Sagen, nordische Legenden und Motive des Alten und Neuen Testaments auf japanische Geschichte und Geschichten treffen. Die ökologischen Fragen und die riesigen Insekten erinnern an Frank Herberts "Dune".
Die Texte und Dialoge erfordern vom Leser große Aufmerksamkeit, und wer bei den vielen Völkern, Religionen und Sekten nicht den Überblick verlieren will, sollte sich ein Glossar anlegen. Erzählerisch erfüllt "Nausicaä" alle Erwartungen, die man an einen guten Comic stellt. Die Geschichte funktioniert als Öko-Parabel ebenso wie als Fantasy-Epos oder humanistisches Antikriegs-Drama und bietet darüber hinaus viel Raum für Interpretationen.
Auch zeichnerisch fällt "Nausicaä" aus dem Rahmen. Die meisten Bilder wurden nicht getuscht. Die Kleidung der Figuren und die Hintergründe sind sehr detailliert. Die Umrandungen der Panels wurden freihand gezeichnet, und nicht mit dem Lineal gezogen. Hier werden höchste Ansprüche zufriedengestellt - und selbst die Moebius-Fans dürfen anerkennend den Hut ziehen.
Frank B. Neubauer
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