Philippe Berthet/Yann: PIN UP. 6 Alben à 48 bis 56 Seiten, Farbe, DM 24,80 bzw. DM 29,80.
Aus dem Französischen von Eckart Schott ("Pin up", Dargaud Editeur). Lettering: Hartmut Klotzbücher, Jo Guhde. Salleck Publications, 1997 bis Dezember 2000
Milton Caniff (1907-1988), seit 1934 durch seine Serie "Terry and the Pirates" als herausragender amerikanischer Comiczeichner bekannt, wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Militärs gebeten, die Moral der Truppe durch geeignete Comicstrips zu heben. So begann er im Januar 1943 die Arbeit an "Male Call", in der eine tiefdekolletierte Miss Lace die Feinde der GIs lächerlich machte und sich selbst als Objekt der Begierde tapferer US-Soldaten präsentierte. Mit Ende des Krieges war 1946 auch das Ende dieser erotischen Dame gekommen, und Caniff startete 1947 den Abenteuerstrip um den Flieger "Steve Canyon".
In dieser Nachkriegszeit, der Zeit der großen Spionageaffären, spielt auch der zweite Zyklus der von Philippe Berthet gezeichneten und von Yann geschriebenen Serie "Pin-up". Er wurde mit dem nun erschienenen sechsten Band abgeschlossen. Ein dritter Zyklus, dessen Schauplatz Las Vegas um etwa 1970 werden soll, ist angekündigt. Das erfolgreiche Gemisch an Fakten und Fiktion, an spannender Erzählung und erotischer Inszenierung, welches der Serie "Pin-up" in Frankreich hohe Auflagen beschert, ist einem männlichen und vor allem querdenkenden Gehirn entsprungen
Der Autor der Serie, Yann, versucht das Leben und Werk Milton Caniffs mit dem des Milliardärs Howard Hughes zu einer tragfähigen Geschichte zu verknüpfen, außerdem mit der von Bob Kane 1966 in "Batman" #183 eingeführten Poison Ivy und mit dem mißratenen Aufklärungsflug der U-2 im Mai 1960 über der UdSSR. Diese mit Phantasie zusammengewirkten Puzzlestücke tatsächlicher Ereignisse finden ihren Leim in der Hauptfigur Dottie.
Dottie durchlebt in ihrer Welt eine Tragik, die derjenigen von Miss Lace hätte gleichen können, wäre sie aus ihrem Strip ins wirkliche Comic-Leben entstiegen. Der klare Strich von Berthet gibt den Zeichnungen zuweilen die nüchterne Sachlichkeit einer Reportage. Und doch versteckt der Zeichner immer wieder humorige Anspielungen in den Panels - beispielweise indem er die Silhouette von Hergés Tim oder das Konterfei Yvan Delportes auftauchen läßt. In "Pin-up" gibt es mehr zu entdecken, als auf den ersten Blick ersichtlich.
Andreas Dierks
+++ Planetary +++
John Cassaday/Warren Ellis: PLANETARY. Je 28 Seiten, Farbe, Heft, DM 5,95
Aus dem Amerikanischen von Christian Langhagen ("Planetary", DC Wildstorm). Lettering: Uwe Wallbaum. MG Publishing, ab August 2001
Vor dem Hintergrund einer möglichen globalen Verschwörung und der Einmischung außerirdischer Wesen versuchen Jakita Wagner, Elijah Snow und The Drummer die Teile eines gewaltigen Puzzles zusammenzusetzen, drei mit Superkräften ausgestattete "Archäologen", die den Geheimnissen des Wildstorm Universums auf der Spur sind. Auf einer Insel vor der japanischen Nordküste verwest in einer Felsschlucht ein gewaltiger geflügelter Leichnam. Er könnte mit einer Reihe biologischer Tests an prominenten US-Dissidenten in den 50er Jahren in Verbindung stehen, Tests, die vielleicht von der Hark Corporation in Auftrag gegeben wurden.
Der Nordire Warren Ellis gehört zu den besten Schreibern des amerikanischen Mainstream. Wie die meisten britischen Comicautoren hat Ellis eine Vorliebe für alte Geheimlehren und Mythen. In seinen Werken mischt er geschickt Mystik und Science Fiction. Doch im Gegensatz zu seinen Kollegen geht er mit einer verächtlichen Raserei zu Werk. Er stellt seine Menschenverachtung offen zur Schau, vergießt keine Träne über den Verlust der Unschuld und versteckt seinen Wahn nicht hinter einem ironischen Augenzwinkern.
In "Planetary" geben sich Yukio Mishima und Godzilla, Werner von Braun und die Fantastic Four ein Stelldichein. Archetypen der Popkultur werden in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Es wäre übertrieben, angesichts dieser Flickschusterei von der Erneuerung eines Genres zu sprechen. Den Erwartungen der Leser zu entsprechen, hat im Mainstream absoluten Vorrang. Aber Ellis erfüllt diese Erwartungen immerhin mit viel Humor und Leidenschaft. Ellis¹ Geschichten sind sorgfältig ausgetüftelt, sie haben einen gewissen Bezug zur Realität, setzen politische Akzente und wecken Erinnerungen an DCs Vertigo Label und Englands Thatcherismus.
Und wer weiß, vielleicht ist Großes wirklich nur dann zu leisten, wenn einer wie toll wird und in Raserei verfällt. Vielleicht ist dieses wider die Vernunft gerichtete Denken die eigentliche Tradition der Popkultur und eine der Schattenseiten des 20. Jahrhunderts.
Frank Neubauer
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