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+++ Der reine Ernst +++
Tom Bouden/Oscar Wilde: DER REINE ERNST. 80 Seiten, s/w, DM 19,80.
Aus dem Englischen von Rainer Kohlmayr ("The Importance of Being Earnest"). MännerschwarmSkript, September 2000

Jack Worthing und Algernon Moncrieff führen ein Doppelleben. Der eine erfindet als Ausrede für seine Besuche bei Gwendolyn Fairfax einen fiktiven Bruder Ernest, der andere für seine Landausflüge einen Freund namens Bunbury. Auf Dauer kann das nicht gutgehen. Es kommt zu Verwechslungen und - was für Oscar Wildes Theaterstück aus dem Jahr 1895 noch wichtiger ist - zu immer neuen Gelegenheiten, mit witzigen Aperçus und Aphorismen um sich zu werfen.

In diesem Jahr jährt sich der Todestag des an seiner Homosexualität gesellschaftlich gescheiterten Autors zum hundertsten Mal. Daß sich Wildes Werke auch gegen den Strich lesen lassen, führt der belgische Zeichner Tom Bouden vor. In seiner Comic-Adaption von "The Importance of Being Earnest" wird aus Gwendolyn Glenn, aus Cecily wird Cecil, und die prüde Geschlechterbeziehung des viktorianischen England weicht einer offenherzigen und sexuell motivierten Männerfreundschaft. Dabei hält sich Bouden ganz eng an den Originaltext.

In der Umdeutung als Schwulen-Komödie gewinnt die Vorlage eine neue Bedeutungsebene. Nachvollziehbar ist das natürlich in erster Linie für Kenner der Ur-Fassung, aber auch für Nicht-Theatergänger liest sich dieser Comic ganz amüsant. Es kann nicht ausbleiben, daß der Wildesche Esprit den zeichnerischen Part an die Wand spielt. In den Dialogen liegt die Würze. Genau wie auf der Bühne die Darsteller mehr als Bonmot- denn als Handlungs-Träger wirken, sind Boudens Zeichnungen relativ unspektakulär. Der zartgraue Eindruck, den das Album beim ersten Hineinblättern erweckt, ist gewöhnungsbedürftig.

Auf das Lesevergnügen sollte das zurückhaltende und dennoch angemessene Artwork wenig Einfluß haben. "Der reine Ernst" ist ein vergnügliches Rollenspiel, und es erstaunt immer wieder, wie wunderbar die Verwechslungskomödie auch mit veränderten Geschlechterbeziehungen funktioniert.

Eckart Sackmann

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Copyright © 2001 Verlag Sackmann und Hörndl

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