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+++ Salut Deleuze! +++
Martin tom Dieck/Jens Balzer: SALUT DELEUZE. 48 Seiten, sw, DM 25,00.
Originalausgabe. Lettering: Martin tom Dieck. Arrache Coeur, Oktober 2000

Nach Ansicht des Philosophen Gilles Deleuze existiert ein indefinites Leben, das simultan zu unserer Sinnlichkeit, aber ungleichzeitig zu unseren bewußten Wahrnehmungen verläuft. Diese Philosophie bildet die Grundlage für einen Comic, in dem Deleuze selbst die Hauptrolle spielt. Er erscheint als ein Mann, der eines Tages die reale, sonnige Welt verläßt, um mittels Bootsfahrt zu einem ziemlich finsteren Ort zu gelangen. Während der Überfahrt entspinnt sich eine Konversation zwischen Deleuze und dem Fährmann. Bewegung und Wiederholung spielen eine große Rolle; das Geschehen geht insgesamt nicht weniger als fünfmal über die Bühne.

Der Autor Jens Balzer porträtiert Deleuzes Begriff der Sinnlichkeit, die sich permanent dem Zugriff durch das Denken entzieht, indem er das Geschehen in jeder Folge minimal verschiebt. So enstehen fünf Versionen eines scheinbar identischen Ereignisses. Zwar findet jede einzelne Episode parallel zum äußeren Geschehen, nämlich Bootsfahrt und Konversation, statt. Ihre Abweichungen voneinander symbolisieren jedoch die von Deleuze hervorgehobene Diskrepanz zwischen Sinnlichkeit und bewußter Wahrnehmung sowie die Differenz in scheinbarer Wiederholung.

Martin tom Dieck gibt Deleuzes Philososphie eine grafische Gestalt, indem er ihre verschiedenen Facetten auf eine sehr leichte, fast schwebende Art in Szene setzt. Seine schwarzweiße Bildsprache ist voller Symbole, die unschwer als solche erkennbar sind: etwa ein aufgeschlagenes Buch, das stes an derselben Stelle liegt, und doch nie das gleiche ist. Bilder wie der Bewegung und Wiederholung, aber auch Vergessen darstellende Fluß Lethe sind auf fast spielerische Weise ins Geschehen integriert und entschärfen die philosophische Schwere des Themas.

Die Gedankenketten, die von Deleuze und dem Fährmann gesponnen werden, sind klar formuliert und auch ohne philosophisches Hintergrundwissen nachzuvollziehen. An alle, die gehaltvolle, aber nicht zu opulente Geschichten in eigenwilliger Grafik mögen: zugreifen!

Karolina Appel


+++ Der Schattenmann +++
François Schuiten/Benoît Peeters: DER SCHATTENMANN. 88 Seiten, Farbe, DM 49,-.
Aus dem Französischen von Alexandra König und Dr. Marcus Reinfried ("L'ombre d'un homme". Casterman 1999). Lettering: Gudrun Völk. Feest Comics, Juni 2000

Mit ihrem Zyklus um "Die Geheimnisvollen Städte" gelang den belgischen Autoren François Schuiten und Benoît Peeters die beeindruckende Chronik einer Parallelwelt, die in gesellschaftlicher und ästhetischer Hinsicht der unseren gleicht, von ihrem technologischen und wissenschaftlichen Stand aber in Details abweicht. Diese Abweichungen verdanken ihren Fin-de-Siècle-Charme den unterkühlt-statischen Zeichnungen des ehemaligen Architektur-Studenten Schuiten und der Begeisterung Peeters' für den Jugendstil-Baumeister Victor Horta.

Ein neues Puzzleteil, "Der Schattenmann", knüpft an bewährte Muster früherer Alben an und beschert dem Leser nicht wirklich Neues. Der Versicherungsagent Albert Chamisso ist frisch verheiratet und zufrieden mit seinem Beruf. Allerdings bereiten ihm die seit seiner Trauung auftretenden Alpträume Unbehagen, so daß er einen Arzt aufsucht und sich mittels einer chemischen Medizin von den Nachtmahren befreien läßt.

Das Wundermittel hat unerwünschte Nebenwirkungen, denn sein Schatten zeigt sich zunehmend in Farbe. Die Folge dieser Abweichung ist zuerst noch Erstaunen, dann Ablehnung durch seine Frau, Entlassung aus der Versicherungsagentur und schließlich soziale Ausgrenzung. Das wiederkehrende Handlungsmotiv von Schuiten und Peeters, das Ausbrechen eines Individuums aus der durchorganisierten Gesellschaft, findet sich auch in "Der Schattenmann". Wie Mary, das aus dem physischen Gleichgewicht geratene Mädchen, hat auch Albert Chamisso Probleme, mit seiner Andersartigkeit zurechtzukommen. Als er in der Tänzerin Minna eine Gleichgesinnte findet, wendet sich das Schicksal für ihn zum Guten.

Das Verschwinden des bunten Schattens wird als Nebensächlichkeit abgehandelt und hinterläßt beim Leser eine unbefriedigende Leere. Kein gewohnt inhaltlich starkes Album also, sondern eine routinierte Fortsetzung, die immerhin durch die in aufwendiger Buntstift-Kolorierung ausgeführten Zeichnungen von Schuiten überzeugen kann.

Volker Hamann


+++ Sharaz-de +++
Sergio Toppi: SHARAZ-DE. 160 Seiten, teilw. Farbe, HC, DM 59,80.
Aus dem Französischen von Eckart Schott ("Sharaz-de", Mosquito 2000). Lettering: Computer. Salleck Publications, September 2000

1975 hatte Sergio Toppi den Yellow Kid als "Bester italienischer Zeichner" bekommen, und obwohl er damals schon seit fünfzehn Jahren im Comic-Business tätig war, lag der künstlerische Höhepunkt seines Schaffens noch vor ihm. 1977 begann seine Tätigkeit für Alter Alter, der führenden Zeitschrift jener Tage. Hier entwickelte Toppi, per Exempel ein Verfasser von abgeschlossenen Geschichten, seine erste Serienfigur. Sharaz-de ist Scheherazade, die Erzählerin aus 1001 Nacht. Aneinandergereiht ergaben die dem mordlüsternen König vorgetragenen Märchen eine quasi unendliche Geschichte.

Nach mehr als 20 Jahren hat sich mit Eckart Schott nun endlich ein Verleger gefunden, der dieses wunderbare Werk für den deutschen Leser aufbereitet. Das Alter des Comics spielt keine Rolle. Seit der Hinwendung zu einem ornamentalen, sehr dekorativen Stil Mitte der 70er Jahre ist Sergio Toppi sich künstlerisch treu geblieben. Auch die neuesten Arbeiten des 68jährigen Italieners folgen dem Muster großzügiger und doch kleinteilig dekorierter Zeichnungen, die in raffiniertem Verhältnis zur weißen Fläche und zur Anlage der Comicseite stehen. Das Gros der Geschichten von "Sharaz-de" ist schwarzweiß.

Der Kontinuität seines Stils zum Trotz wird der Zeichner nie langweilig. Voraussetzung ist allerdings, daß der Lesers gewillt ist, sich auf die grafische Komponente des Comics einzulassen. Wer sich nicht nur an der ruhig erzählten Geschichte, sondern auch an der Struktur der Bilder und der aufregenden Komposition erfreuen kann, wird an diesem Werk seine helle Freude haben. Die 160 Seiten des exquisit aufgemachten Buches - das in lediglich 900 Exemplaren zuzüglich einer mit signiertem Siebdruck versehenen Luxusausgabe à DM 89,- erscheint - reichen für einen langen, gemütlichen Märchen-Abend, reichen zum Versenken in eine fremdartige, Herz und Hirn anregende Welt, wie sie einem in der Geschichte des Comic nur selten vorgeführt wird.

Eckart Sackmann


+++ Der Skorpion +++
Stephen Desberg/Enrico Marini: DER SKORPION 1: Das Teufelsmal. 48 Seiten, Farbe, DM 24,90
Aus dem Französischen von Tanja Krämling ("Le Scorpion: La marque du diable", Dargaud 2000). Carlsen Verlag, Juni 2001

Im Jahr 1750 geht es in Rom chaotisch zu. Um die Heilige Stadt vor dem Untergang zu bewahren, beabsichtigen die führenden Familien, sich mit dem Oberhaupt der Kirche zu verbünden. Die Sicherung der Macht und nicht das Wohlergehen der Menschen ist das vorrangige Ziel. Zwischen all den wenig vertrauenerweckenden Gestalten versucht ein kleiner Gauner, seinen Lebensunterhalt durch Reliquienhandel zu sichern. Die Jagd nach den begehrten Objekten führt ihn über die Dächer der Stadt, in die päpstlichen Gemächer und manchmal auch in die finsteren Katakomben.

So ungewöhnlich wie die Ausübung seines Berufs ist auch seine Herkunft. Seine Mutter soll sich mit dem Leibhaftigen höchstpersönlich eingelassen haben und dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sein. Der Skorpion, der dem jungen Mann in die Haut eingebrannt wurde und ihm seinen Namen gab, wird ihn auf ewig daran erinnern. Daß die Kirchenoberen ihm das gleiche Schicksal wie seiner Mutter angedeihen lassen wollen, versteht sich fast von selbst. Die Handlung dieser Mischung aus Fantasy-, Historien- und Abenteuercomic ist reichlich verschlungen und wird durch die Einführung zahlloser, nicht näher bestimmter Personen nicht übersichtlicher. Daß diese mit dem Skorpion in irgendeiner Weise in Beziehung stehen, ist ein Merkmal, das fast alle Beteiligten miteinander verbindet. Zugleich ist es ihr einziges erkennbares Handlungmotiv. Der Skorpion, Jäger und Gejagter in einem, ist selbst eine undurchsichtige Figur. Obwohl ihm die scheinheilige Kirche auf den Fersen ist, weckt er weder Sympathie noch Mitleid. Auch er ist kein sonderlich angenehmer Zeitgenosse und im Umgang mit anderen nicht eben rücksichtvoll. Das gilt auch für die Frauen, für die er zwar eine Schwäche hat, die er aber nicht achtet.

Enrico Marini inszenierte das illusionslose Sittengemälde in üblich schwungvoller Weise. Die satten Farben, in die er die Schauplätze taucht, illustrieren Prunk und Elend auf sehr sinnliche Weise. Damit schafft er die dekadente Atmosphäre, von der der Einstiegsband der Serie in erster Linie lebt.

Karolina Appel


+++ Soldat Varlot +++
Jacques Tardi/Didier Daeninckx: SOLDAT VARLOT. 40 Seiten, s/w, HC, DM 19,80.
Aus dem Französischen von Martin Budde ("Varlot Soldat ", L¹Association, 1999). Lettering: Dirk Rehm. Edition Moderne, Januar 2001

Mit dieser Geschichte kehrt Jacques Tardi zu jenem Thema zurück, das ihn schon sein ganzes Leben lang umtreibt: der 1. Weltkrieg. Als kleiner Junge hatte Tardi Alpträume wegen der Kriegserlebnisse, von denen ihm sein Großvater erzählte. Die Erinnerung daran ließ den heute 54jährigen nie mehr los. Schon "Adeles ungewöhnliche Abenteuer", seine erste Serie, die er Anfang der 70er Jahre startete, spielt vor diesem Hintergrund. In Alben wie "Die wahre Geschichte des unbekannten Soldaten" und dem noch nicht übersetzten "C¹était la guerre des tranchées" verarbeitete Tardi das Thema höchst kritisch.

Mit "Soldat Varlot" klagt der Franzose das Abschlachten in den Schützengräben der Jahre 1914 bis 1918 mit unzimperlichen Schwarzweiß-Zeichnungen an. Abgerissene Arme und Beine fliegen mit Bombensplittern durch die halbseitigen Panels und dem Leser förmlich entgegen. Einmal wird einem Soldaten sogar das halbe Gesicht weggeschossen. Ein einziger Alptraum aus tiefschwarzem Blut. Der Tod ist die Regel, das Überleben ein seltsamer Zufall.

So empfindet es der Soldat Varlot, der außer einigen Kratzern nichts abkriegt, während die Kameraden um ihn herum fallen wie die Fliegen. Als sich inmitten des Wahnsinns sein Freund Griffon selber erschießt, dreht Varlot durch und schlägt dem Toten den Schädel zu Brei. Der Selbstmord nimmt Varlot den Glauben daran, daß es sich lohnt, für ein Leben nach dem Krieg zu kämpfen. Auch die letzte Illusion, die er sich bewahrt hat, entpuppt sich als Irrtum. Als Varlot Griffons Freundin den Abschiedsbrief überbringt, muß er erkennen, daß die Frau ihren Körper an deutsche Soldaten verkauft.

Die Story schildert die Vorgeschichte von Didier Daeninckx' Roman "Le der des ders", der in der Comicfassung 1998 auf deutsch erschien ("Den letzten beißen die Hunde"). "Soldat Varlot" funktioniert aber auch gut für sich allein. Die geradlinige Geschichte ist allerdings nur auf den ersten Blick einfach. In Wahrheit ist sie sehr vielschichtig und zeigt, wie die Sensibilität eines Individuums inmitten von sinnlosem Morden eine merkwürdige Dimension erhält.

Reto Baer


+++ Stigmata +++
Lorenzo Mattotti/Claudio Piersanti: STIGMATA. 192 Seiten, s/w, DM 29,80.
Aus dem Italienischen von Daniel Wagner ("Stigmate", Einaudi 1999). Lettering: Gerd Zimmer. Edition Kunst der Comics, Juni 2000

Aufgewacht aus einem tiefen Traum, findet ein Trinker und Gelegenheitsarbeiter an seinen Händen Wundmale, die nicht verheilen und ständig bluten. Infolge dieser Markierungen seines Unglücks und seiner Andersartigkeit gerät der Mann immer weiter an den Rand der Gesellschaft, die ihn nur als anbetungswürdigen Heiligen akzeptieren möchte - ein Schicksal, gegen das er sich jedoch energisch auflehnt.

Wie "Der Mann am Fenster" (Edition Kunst der Comics, 1992) handelt auch "Stigmata" von einem einsamen Menschen auf der Suche nach Erlösung, wird eine symbolische Geschichte erzählt, die im Alltag beginnt. Als Rettung aus einer Sackgasse im Lebensweg bietet der Autor Claudio Piersanti die Wiedergeburt an, ein grundlegendes, sehr mühsames Umkrempeln des Individuums, das als mit religiösem Gefühl verbindet und mit dem Ziel versieht, in Bescheidenheit für andere hilfreich zu sein. Das Titelbild reflektiert diese Wiedergeburt, eine nach oben geöffnete Figur, die gleichzeitig gebiert, vom Himmel empfängt und die Male ihrer Eigenheit nach oben streckt.

Als einziger Italiener, der beim diesjährigen Filmfestival in Cannes gewonnen habe, feiert man Lorenzo Mattotti in Italien. Als Zeichner des offiziellen Festivalplakats konnte er auf- und gefallen. Seine Illustrationen sind weltweit begehrte Blickfänger, sei es bei Tageszeitungen, auf Modezeitschriften oder in der Werbung einer bekannten Kaffeefirma. Diese Illustrationen bestechen durch die Art der Farbgebung, der Gestaltung von Fläche und durch Wohlformung des Bildgegenstands.

"Stigmata" ist dazu auffallend verschieden angelegt, an die Stelle von Kreide und Kohle und den Möglichkeiten weiträumiger Schraffuren mit diesem Material treten Tinte und Feder, Gekritzel und häßliche Deformation. Mattotti zeigt mutige Bereitschaft, seine Technik der Stimmung der Erzählung anzupassen, etwas Neues zu probieren. Vielleicht rührt die finstere Wirkung seiner Zeichnungen auch von seiner jüngsten Beschäftigung mit der Illustration von Dantes "Göttlicher Komödie": Moebius zeichnete für den Himmel, Glaser für die Läuterung und Mattotti... für die Hölle.

Andreas Dierks

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