+++ Tödliche Macht +++
Joseph Béhé/Toff: TÖDLICHE MACHT. 4 Alben à 48-64 Seiten, Farbe, DM 16,80.
Aus dem Französischen von Peter Daibenzeiher, Paul Derouet und Hartmut Becker ("Péché mortel, Humano/Vents d¹Ouest). Lettering: Donald Dienstbier, Jo Knauf, Kordula Botta. Ehapa Comic Collection, 1990 bis Dezember 2000
Vor ein paar Jahren griffen Béhé und Toff den Faden ihres ursprünglich als Einzelband konzipierten Albums "Tödliche Macht" wieder auf. In der einige Jahrzehnte nach den dort geschilderten Begebenheiten handelnden Fortsetzung spielt das Thema "verseuchtes Blut" nur noch am Rande eine Rolle. Die Diktatur ist gestürzt und durch eine Art Weltregierung ersetzt worden, die allerdings auf wackligen Füßen steht. Dem Präsidenten werden Verbindungen zu den Faschisten nachgesagt; er begeht Selbstmord. Wie kann sichergestellt werden, daß sein Nachfolger eine reine Weste hat?
Die Studentin Marine Steel soll in die Haut der toten Katy Béranger schlüpfen und mit Hilfe von Psychodrogen dem inzwischen schwer kranken Guy Ruiller Details über das Vorleben der Kandidaten entlocken. Das von dem Ex-Widerständler Pierre Brisson geleitete Unternehmen steht unter Zeitdruck. Nur mühsam gelingt es, das Gespräch mit dem alten Mann in die richtigen Bahnen zu lenken. Betont langsam, während die Handlung immer wieder zwischen den beiden Zeitebenen hin und her springt, erschließt sich auch dem Leser die Komplexität der Ereignisse, die zeitlich zwischen Band 1 und Band 2 der Serie liegen. Es wird niemanden überraschen, daß die Lösung der aufgeworfenen Fragen erst auf den letzten Seiten der Serie durchschimmert.
Ein intelligent gestrickter Plot also, wenn auch die fiktiven politischen Hintergründe des Thrillers ziemlich klischeehaft anmuten. Über dieses Erbe der Ausgangsgeschichte sollte man besser hinwegsehen. Unter welchen gesellschaftlichen Voraussetzungen die Darsteller agieren, ist nebensächlich. Wichtig ist allein, wie die Autoren es fertigbringen, aus einer Vielzahl von Mosaiksteinchen und eigentlich ohne große Spannungshöhepunkte ein schlüssiges Ganzes zu schaffen.
Das ist nicht zuletzt auch grafisch gelungen. Die Brillanz der Zeichnungen kann der deutsche Leser allerdings nur erahnen. Ehapa hat bei dreien der vier Bände am Papier gespart und dadurch wieder einmal einen guten Comic verhunzt.
Eckart Sackmann
+++ Tote Erinnerung +++
Marc-Antoine Mathieu: TOTE ERINNERUNG. 64 Seiten, sw, DM 19,90.
Aus dem Französischen von Martin C. Budde ("Mémoire morte", Guy Delcourt 2000). Lettering: Dirk Rehm. Reprodukt, Oktober 2000
Nach einer Reihe von Kurzgeschichten - darunter ein Beitrag für die gewichtige Anthologie "Comix 2000" - legt Marc-Antoine Mathieu eine neue albenlange Geschichte vor. In "Mémoire Morte" (dt. "Tote Erinnerung") erzählt der Franzose von der "Stadt", einer perfekt organisierten Welt, deren Einwohner mit Hilfe einer privaten Blackbox untereinander vernetzt sind. Er entwirft die Vision einer anonymen Informationsgesellschaft und zeigt spannend erzählt deren Grenzen auf.
Als eines Tages plötzlich Mauern das Stadtbild durchsetzen und die Bewohner allmählich ihr Gedächtnis und ihre Worte verlieren, wird Firmin Houffe, Abteilungsleiter des Katasteramtes und Anti-Held wie Julius Corentin Acquefacques aus "Der Ursprung", beauftragt, den mysteriösen Vorfällen auf den Grund zu gehen. In dem gigantischen Netzwerk-Computer ROM entdeckt er schließlich den Übeltäter: "Nun scheint der Geist ein für allemal über die Materie zu herrschen", wirft ihm der nachtragende Blechkasten vor und erklärt, daß die Mauern durch die fehlende Kommunikation der Menschen untereinander entstanden sind.
Womit der Computer nicht gerechnet hat, ist Houffes Kaltblütigkeit. ROM wird kurzerhand abgeschaltet. Die Leute beginnen, nachdem sie ihre Sprache in Form von schwebenden Buchstaben wie Schneeflocken wieder zurückerhalten haben, die Mauern einzureißen.
"Tote Erinnerung" läßt den Leser an Schuitens und Peeters¹ Zyklus der Geheimnisvollen Städte denken und muß den Vergleich mit den besten Alben dieser Reihe nicht scheuen. Wie in "Das Fieber des Stadtplaners" beunruhigt die Präsenz eines unerklärlichen Phänomens die Gesellschaft. Bei Schuiten und Peeters ist es der wachsende Würfel, bei Mathieu das Auftauchen von Mauern.
In seinem neuesten Album bedient sich der Zeichner computermanipulierter und verzerrter Vergrößerungen oder Verkleinerungen seiner eigenen Zeichnungen, um damit die Gleichförmigkeit der "Stadt" herauszustellen, deren Pläne Houffe ein um das andere Mal wälzt, um die erschreckende Lösung des Mauerproblems zu finden.
Volker Hamann
+++ Trent +++
Léo/Rodolphe: TRENT 1: Der Tote. 48 Seiten, Farbe, DM 24,80
Aus dem Französischen von Eckart Schott ("Trent", Dargaud 1991). Lettering: Michael Hug. Salleck Publications 2001
Philipp Trent ist Sergeant der Mounties, wie die berittenen Polizisten in ihren roten Uniformen genannt werden. Der Kanadier rettet eine Frau vor einem Rudel Wölfe. Die Städterin ist auf der Suche nach ihrem Bruder. Je weiter die beiden zusammen reisen, desto mehr erhärtet sich Trents Verdacht, daß der Mörder, den er verhaften soll, mit dem Bruder der jungen Frau identisch ist.
Rodolphes Story bietet mehr als nur oberflächliche Spannung, weil sich der Autor die Zeit nimmt, seine Figuren zu charakterisieren. Außerdem stellt er den Helden nicht als Supermann dar, sondern zeigt, daß Trent unter seiner gescheiterten Ehe leidet. Unter anderem hat sein Leben in der Abgeschiedenheit der Wildnis zum Bruch geführt. Und obschon er als typischer Einzelgänger das einfache und oft rauhe Leben in den kanadischen Rockies liebt, ist er nicht davor gefeit, daß ihm die Einsamkeit zu schaffen macht. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß er sich von der attraktiven Frau, die ihren Bruder sucht, angezogen fühlt. Doch wie sich das für einen klassischen Helden gehört, bleibt er nur sich selber treu und begnügt sich mit dem Traum von trauter Zweisamkeit.
Der Zeichenstil ist am ehesten mit Blanc-Dumonts "Jonathan Cartland" vergleichbar. Obwohl Léo durchaus einen gewissen Detailreichtum pflegt, wirken seine naturalistischen Zeichnungen nie überladen. Und die Stimmungen wechselt er mit Bravour, von Kälte zu Wärme, von Behaglichkeit zu Bedrohlichkeit. Besonders beeindruckt seine Fähigkeit, die Menschen mit einem äußerst differenzierten Mienenspiel zu zeichnen. "Trent" ist eine herausragende Serie, die an Jack Londons Alaska-Romane erinnert, weil sie im rauhen Norden des 19. Jahrhunderts spielt. Der Western, der aus der Kälte kam.
Reto Baer
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