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+++ Westminster +++
Jean-Yves Delitte/Philippe Richelle: WESTMINSTER 1: Tod eines Ministers. 56 Seiten, Farbe, DM 21,50 (¤ 11,00)
Aus dem Französischen von Eckart Sackmann ("Les Coulisses du pouvoir 1: Mort d'un ministre", Casterman 1999). Lettering: Computer. comicplus+ November 2001

Ungewohnt, wie die meisten der neuen Serien bei comicplus+, ist auch diese: Ein Zeichner, der mit so viel Liebe zum Detail illustriert, daß man die Panels manchmal länger ansehen möchte, als es dem Fluß der Handlung entspricht; ein Autor, der seine Leser mit einem Stoff überrascht, wie ihn die Zeitungen alle Tage bringen, der dann aber aufzeigt, wie spannend das "wirkliche Leben" im Grunde ist. Wenn man es nur richtig beleuchtet. Vordergründig ist "Westminster" ein Thriller aus dem Alltag des britischen Parlaments. Sir Stuart Parkinson, der Ex-Premierminister, wird tot aufgefunden. War es Mord? War es ein Unfall? Der wenig später verübte Einbruch in das Büro des Toten, bei dem offenbar brisantes Material entwendet wird, bringt die Abgeordneten ins Schwitzen.

Genüßlich breitet Richelle das feinmaschige Netz der Intrigen aus, in dem jeder Politiker gefangen ist. Wer paktiert mit wem? Wer könnte aus dem Tod Sir Stuarts seine Vorteile ziehen? Daß dem ersten Toten bald weitere folgen, macht die Aufklärung des Falls nicht gerade einfach. Die Autoren beschränken sich nicht auf die Flure von Westminster und Downing Street. Flair und Atmosphäre gewinnt das Album dadurch, daß es ein breites Spektrum an britischer Lebensart abbildet. Auch der kleinste Mitspieler ist vortrefflich charakterisiert. Hier wird endlich einmal wieder demonstriert, daß es nicht reicht, einem Handlungsfaden zu folgen. Die kleinen Beigaben, das eigentlich Überflüssige machen einen Comic zum Erlebnis. Daran hat der Zeichner von "Westminster" nicht wenig Anteil.

Jean-Yves Delitte bringt frischen Wind in die erstarrten Moden der Comic-Kunst, mit einem lebendigen Strich und einer Kolorierung, die zwischen Ton-in-Ton und ebenso gewagten wie treffsicheren Farbakzenten wechselt. Es versteht sich von selbst, daß der Leser aus diesem Album nicht ohne Neugier herauskommt. Daß er die bis Anfang nächsten Jahres nicht bezähmen kann, ist wohl der einzige Minuspunkt dieser vortrefflichen Serie.

Klaus Grevesheim


+++ White Sonya +++
Jacques de Loustal/Jerôme Charyn: WHITE SONYA. 64 Seiten, Farbe, DM 49,80.
Aus dem Französischen von Rossi Schreiber ("White Sonya", Casterman 2000). Lettering: Computer. Schreiber & Leser, Dezember 2000

In den achtziger und neunziger Jahren galt Jacques de Loustal als einer der profiliertesten französischen Zeichner. Seine opulenter Stil machte das Lesen seiner Comics zu einem geradezu sinnlichen Erlebnis. Auch die hauptsächlich von Paringaux verfaßten Erzählungen waren stets eine prickelnde Mischung aus Erotik und menschlichen Abgründen. Nun liegt nach langer Pause wieder ein Album des Altmeisters in deutscher Übersetzung vor.

Zehn Jahre Knast wegen dreifachen Mordes hat die Ex-Prostituierte Sonya verbüßt; mit der Vergangenheit will sie nun nichts mehr zu tun haben will. Kein leichtes Unterfangen, wenn einem Puffmutter und Mafiaboß auf den Fersen sitzen. Denen ist jedes Mittel recht, um die Abtrünnige am Rückzug zu hindern. Bevor sich der Kreis endlich schließt, muß eine ganze Reihe von Leuten ihr Leben lassen.

Das ist so unspektakulär, wie es klingt, was kein Fehler wäre, hätte Loustal auch nur ansatzweise die Qualität seiner früheren Arbeiten erreicht. Was er hier vorlegt, sind lieblos aneinandergereihte Szenerien mit mimisch völlig erstarrten Figuren und, so überhaupt vorhanden, achtlos strukturierten Hintergründen. Die Farben, einst Loustals Stärke, wirken wie hastig draufgepinselte Beigaben. Statt der gewohnten knisternden Atmosphäre findet der Leser eine geradezu beängstigende Leblosigkeit vor.

Daß Szenarist Charyn einst selbst Meisterwerke wie "Teufelsmaul" verfaßt hat, mag man nach der Lektüre dieses Albums, das vor Klischees aus allen Nähten platzt, fast nicht mehr glauben. Natürlich ist Sonya von ihrem Vater, der nebenbei auch die Mutter verprügelt hat, mißbraucht und an fremde Männer verkauft worden. Daß der kleine Mario, der Sonya umbringen soll, in Wirklichkeit ein gutherziger Kerl und überdies unsterblich in sein Opfer verliebt ist, versteht sich von selbst. Und richtig, der Unglücksrabe geht auch noch als erster drauf. Gemessen an dem, was Charyn und Loustal eigentlich können, ist dieser Comic ein GAU.

Karolina Appel

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