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"Blankets" ist ein ganz dickes Ding. Wie eine glatte, blauweiße Marmorplatte liegt der 592 Seiten starke Comicroman in der Hand. Nicht nur, was die Seitenzahl angeht, setzt Craig Thompson neue Maßstäbe. Für "Blankets" wurde der 30jährige Amerikaner mit Auszeichnungen überschüttet. Nun auch in Deutschland: Die Jury von comic.de kürte das Werk zum COMIC DES JAHRES 2005.

COMIC DES JAHRES 2005
Craig Thompson:
BLANKETS
Verlag Thomas Tilsner (Speed)

Nach "Good Bye, Chunky Rice", einer niedlich gezeichneten Tierfabel, ist "Blankets" erst Thompsons zweite größere Arbeit. In einer, wie er selbst sagt, zu 90% autobiographischen Geschichte erzählt er mit bewundernswerter, fast schon unheimlicher Offenheit von der ersten Liebe, den Ängsten des Kindseins und Erwachsenwerdens und seiner Auseinandersetzung mit dem Christentum: Der junge Craig verliebt sich im christlichen Schneecamp in ein Mädchen namens Raina und verbringt zwei unvergeßliche Wochen mit ihr.

Das klingt beinahe nach einer rührseligen Teenager-Romanze - aber natürlich ist alles nicht so einfach und nicht so platt. Craig ist ein menschenscheuer Außenseiter aus streng religiösem Elternhaus, der sich einerseits nicht in die Gesellschaft einfügen kann, sich andererseits an fundamental-christlichen Moralvorstellungen aufreibt. Momente zärtlicher Annäherung an Raina wechseln ab mit Kindheitserinnerungen und stellenweise skurril anmutenden Szenen religiöser Indoktrination.

Indem Thompson mehrere Erzählstränge miteinander verwebt und dabei einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren abdeckt, gelingt es ihm, seiner Geschichte Breite und Tiefe zu verleihen. Ohne sich jemals in distanzierende Ironie zu retten, steuert "Blankets" mit traumwandlerischer Sicherheit an der Kitschfalle vorbei und vermeidet die beim Thema Religion so verlockende Polemik.

"Blankets" ist kein Buch, das erklären möchte, wie das Leben funktioniert, sondern ein Buch über jemanden, der versucht, es herauszufinden. Dementsprechend erspart uns Thompson auch ein Happy End: Die Beziehung zu Raina ist weder von Dauer noch die Lösung für Craigs Probleme. Dennoch hat sich Craig am Ende der Geschichte soweit verändert, dass der Leser ihn allein lassen kann, ohne sich Sorgen zu machen.

Wie die Decke, die Raina für Craig näht, weist auch "Blankets" Motive auf, die sich wiederholen: Die kahlen Bäume, der fallende Schnee, Schneedecken, Bettdecken und Betten, die Ornamente von Rainas Quilt, die Rahmen und Hintergrund für besonders emotionale Szenen bilden. All diese Motive sind aufgeladen mit symbolischer Bedeutung, ohne sich jedoch in den Vordergrund zu drängen oder vom Geschehen abzulenken.

Die kunstvollen, teilweise expressionistischen, aber ungekünstelten Schwarzweiß-Zeichnungen scheinen Thompson geradezu aus dem Pinsel zu fließen. Viele verschiedene Mittel nutzt er, um das, was nicht gesagt werden kann oder soll, sichtbar zu machen. Dabei erweist er sich als ein Meister von Gestik und Mimik und Schöpfer wirkungsvoller Bild-Metaphern. Sprachbilder und Mehrdeutigkeiten finden sich auch im Titel "Blankets" und den Überschriften der einzelnen Kapitel. Wie seine Pinselstriche setzt Thompson seine Worte mit Bedacht.

Das alles macht "Blankets" zu einem großartigen und bewegenden Buch, in dem sich immer wieder neue Entdeckungen machen lassen. Mehr noch: Die künstlerische Qualität diese Werkes ist so hoch, dass man sich auch als abgebrühter Medienkonsument nicht schämt, beim Lesen die eine oder andere Träne zu vergießen.
Röni Wurth

Craig Thompson:
BLANKETS
Erschienen im Verlag Thomas Tilsner (Speed), 592 Seiten, € 34,00

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